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02.10.17

Gastbeitrag

Ein Plädoyer für mehr Frauen in der Gründerszene

(Bild: Unsplash)(Bild: Unsplash)

Ein Gastbeitrag von Carina Herrmann

Woher kommt es eigentlich, dass es scheinbar mehr Männer in die Selbständigkeit zieht als Frauen? Und warum bremsen wir Frauen uns dabei auch noch selbst aus? Die Frage ist leicht zu beantworten, aber schwierig zu lösen: Weil wir uns selbst viel zu oft im Weg stehen. Hier ein paar Ansätze, wie Sie das ändern können! 

Erkennen Sie Ihre Schwächen endlich als das, was sie sind: Ihre größten Stärken!

Als ich vor vier Jahren meine Selbständigkeit anmeldete und mit Stolz in den Augen meinen Gewerbeschein auf Instagram postete, fühlte ich mich nicht anders als meine männlichen Kollegen. Mir war bewusst, dass sie deutlich in der Mehrzahl in meiner Nische, dem Online-Business und Online-Marketing, auftraten, aber es schien mir keinen allzu großen Unterschied auszumachen.

Als nach etwa einem halben Jahr die Medien auf mich aufmerksam wurden und etwa ein Jahr später das Thema der Ortsunabhängigkeit und – Achtung, eine schrecklich kryptische Modeerscheinung – des Digitalen Nomadentums an Fahrt gewann, fing ich an, mehr und mehr Unterschiede zu erkennen.

Die Männer in meiner Riege begannen, sich als Unternehmer und neudeutsch Entrepreneure zu bezeichnen, während den Frauen in meinem Umfeld das Pendant der Unternehmerin weitaus schwerer von der Zunge rollte. Bis auf sehr wenige Ausnahmen bezeichneten sie sich lieber als Freiberuflerinnen oder Freelancer. Selbständige oder Bloggerinnen. Hier fiel mir der erste deutliche Unterschied auf: Irgendwie scheinen unsere weiblichen Gene zum Tiefstapeln zu neigen.

Auch in Interviews von Print-Magazinen und Online-Portalen über meinen Lebensstil als ortsunabhängige Selbständige stutzte ich mehr als einmal und immer häufiger über Fragen, die ganz offensichtlich männlichen Kollegen nicht gestellt werden.

"Wie gut wird dieser Lebensstil denn eigentlich mit der Familienplanung vereinbar sein?"

"Was ist, wenn Du den Mann fürs Leben findest – wirst Du dann wieder sesshaft?"

Abgesehen davon, dass ich hypothetische Fragen, die weiter als 1–2 Jahre in die Zukunft hinausreichen, sowieso schon immer schwer zu beantworten finde, wurde hier ganz klar vorausgesetzt, dass a) Frauen über Familienplanung nachdenken und b) ein Mann automatisch ihr gesamtes Leben, ihre Karriere und ihren Lebensstil, den sie sich unter Umständen hart erarbeitet hatten, komplett auf den Kopf stellen könnte.

Ich sah bei meinen männlichen Mitstreitern, wie sie sich eine immer größere Reichweite aufbauten, dafür bewundert wurden und sich bei ihnen hin und wieder Partnerinnen fanden, die an ihrer Seite mitreisten und in ihr Unternehmen mit einstiegen. Und ich begann mich zu fragen, warum dieses Konzept aus Gesellschaftssicht so fern und abgerückt für uns Frauen wirkte. Zugegeben, mir fällt auch kein einziges Beispiel ein, in dem diese Rollenverteilung umgekehrt stattfand. Aber für mich war das nie etwas, das ich als abwegig empfand. Ganz im Gegenteil.

Besonders nachdem ich eine Online-Community für selbständige Frauen gründete und sich die Beispiele dafür geradezu häuften, sackte in mir die etwas frustrierende Erkenntnis, dass Frauen in der Selbständigkeit immer noch unter vielen Gesellschafts-Normen erdrückt werden. Aber nicht nur das: Sollten die Stimmen aus dem groben und auch nahen, teils familiären Umfeld noch nicht reichen, um uns auszubremsen, dann erledigen wir selbst den Rest damit, indem wir uns kleinreden und immer wieder unter Wert verkaufen.

Dabei gibt es mehrere Studien in den verschiedensten Bereichen, die uns schon lange bestätigen, dass Frauen und ihre Unternehmen durchaus nennenswerte Mitspieler in der Welt sein und sie sogar kräftig anschieben können.

Was hindert uns also wirklich daran, uns als Unternehmerinnen zu deklarieren, uns das zu nehmen, was wir wollen, unseren Alltag freier und selbstbestimmter zu gestalten und endlich Adjektive wie ehrgeizig, zielstrebig und aufstrebend ohne faden Beigeschmack in unsere Kurzbeschreibungen einzufügen? Die Antwort ist leider viel zu simpel: wir selbst.

Dabei besitzen wir mehr als nur eine Eigenschaft, die uns für die Selbständigkeit geradezu als perfekt auszeichnet... 

Unsere "Schwäche" der geringeren Risiko-Bereitschaft

Im Gegensatz zu unseren männlichen Kollegen ist eine unserer Lieblingsbeschäftigungen, die zermürbenden Zweifel über Stunden und Stunden in unserem Kopf von der einen in die anderen Ecke zu schieben. Sind wir gut genug? Sind wir fähig genug? Ist unsere Business-Idee gefragt genug? All diese Fragen und noch unzählige mehr halten uns nachts wach und treiben unseren Perfektionismus voran, noch dieses eine Zertifikat zu erlangen, noch diese letzte Fortbildung zu besuchen, bevor wir endlich anfangen.

Zugegeben, wir wären schon bereit zu starten, sobald wir einfach nur mehr Wissen und Fähigkeiten in einem Bereich besitzen als eben die meisten anderen Menschen. Auch ohne all diese gestempelten Papiere, die uns suggerieren, wir dürften nun auch mal bei den Großen mitspielen. Aber trotzdem gibt uns genau diese Vorsicht einen großen Vorsprung.

Unternehmen von Frauen (ich rede hier von denen, die dann auch starten) sind meist langlebiger und nachhaltiger, eben weil wir zuvor auf jeden Busch geklopft haben. Anstatt einfach mal ins kalte Wasser zu springen, testen wir nicht nur die Temperatur, sondern auch den Chlor- und Toxingehalt und ertrinken so deutlich seltener. Macht doch auch absolut Sinn, oder? 

Das leisere und sanftere Auftreten in einer Welt voller Platzhirsche

Nicht nur im Angestelltenverhältnis werden Frauen in Konferenzräumen öfter übersehen oder überhört. Auch in der Welt der Selbständigen und als Unternehmerinnen gehört uns deutlich seltener die Bühne. Auch wortwörtlich gemeint. Wir bewerben uns so gut wie nie um Vorträge oder Speaker-Positionen und lehnen bei Anfragen dazu, die uns angetragen werden, meist sogar ab.

Sobald wir aber unsere eigenen Teams aufgebaut haben, kommt uns auch diese Eigenschaft, lieber im Hintergrund zu arbeiten, wieder zugute. Dadurch können wir viel besser beobachten, können Menschen mit starken Fähigkeiten in ihren Bereichen einfach ihre Magie wirken lassen und schneller erkennen, wenn es irgendwo unrund läuft.

Wir brauchen die Bühne nicht (auch wenn wir sie definitiv viel zu oft verdient hätten und zu Unrecht dankend ablehnen), um Großes zu erschaffen. Und schon gar nicht zum Überleben.

Das Vorurteil also, dass der Lauteste gewinnt und nur die Harten in den Garten kommen, wird durch die vielen Blumenbeete, die als Zierde oft nicht wahrgenommen werden, aber auch die härtesten Winter überstehen, widerlegt. Denn das lässt sich schnell erkennen: Bei genauerem Hinsehen wachsen weiblich geführte Unternehmen im Vergleich schneller an Mitarbeitern und Größe. Warum? Weil unsere Kommunikationsfähigkeit deutlich besser ausgeprägt ist und nein, das bezieht sich definitiv nicht auf die Klischees Kaffeeklatsch und Shoppingmeile. 

Ein Auge fürs Detail und ein Händchen für Perfektionismus? Check.

Als ich vor einigen Jahren in einem ersten Anfall von Veränderungssucht begann, Medizin zu studieren, belächelte mich mein männlicher, älterer Hausarzt mit den Worten, wie interessant es wäre, dass immer mehr Frauen in diesen Berufszweig eindrangen und die – seine Worte, nicht meine – fleißigen Näherinnen glaubten, in diesem von Männern dominierten Beruf bestehen zu können. Seine Frau saß dabei als seine gleichberechtigte Partnerin der Praxis im Arztzimmer nebenan.

Auch wenn uns der Perfektionismus und die Liebe zum Detail in manchen Fällen im Weg stehen können, sind sie doch auch ein großer Vorteil, der uns von anderen abhebt. Jedes Mal wenn ich eine schön gestaltete Website mit viel Detailliebe (und damit meine ich: Zielpersonen-fokussiert und mit einem klaren Alleinstellungsmerkmal) finde, jubelt mein Herz. Denn genau das ist es so oft, was uns von den Suchmaschinen-optimierten und auf Verkaufstreppen-ausgelegten Mitbewerbern unterscheidet. Wir schaffen es, mit Stil, Charme und Authentizität subtil zu punkten, statt mit der Tür ins Haus zu fallen und unsere Kunden mit purem Klicktivismus zu überfallen.

Statt also auf das schnelle Geld aus zu sein, sind Frauen deutlich langfristiger orientiert. Etwas, was deutlich nachhaltiger wirkt und viel häufiger mit Erfolg belohnt wird. 

Mit all diesen Vorzügen im Gepäck müssen wir endlich anfangen, unsere Schwächen näher zu beleuchten und sie als das anzusehen, was sie sind: (gar nicht so sehr) verborgene Qualitäten und Stärken, die wir für uns nutzen und damit erfolgreich gründen, starten und durchstarten können. Lernen zu sehen, dass die Einzigen, die uns wirklich im Weg stehen, leider viel zu oft noch wir selbst sind.

Ja, wir müssen härter arbeiten, um gleiche Führungspositionen zu erlangen. Ja, wir müssen besser argumentieren, um besser bezahlt zu werden, auch und gerade in der Selbständigkeit. Aber nichts davon ändert etwas Grundlegendes daran: dass wir es können! Denn an diesen Punkten wird sich nichts ändern, solange wir nicht versuchen, es zu ändern. Niemand wird plötzlich mit einem Korb voller Anerkennung an unsere Tür klopfen und uns unsere Selbständigkeit auf dem Silbertablett servieren.

Wir müssen lernen, reinzuplatzen und uns unseren Stuhl am Tisch der Großen einfach zu nehmen. Ganz ohne Einladung.

Wir müssen lernen, dass niemand außer uns selbst den Lebensstil erschaffen kann, den wir uns wünschen, außer uns selbst.

Wir müssen lernen, dass Erfolg als Gründerinnen, Selbständige und Unternehmerinnen nicht etwas ist, was uns gewährt oder erlaubt wird, sondern etwas, dass wir uns selbst nehmen können, wenn wir endlich anfangen zu glauben, dass wir ihn genauso verdienen, wie jeder andere.

Denn eines kann ich aus eigener Erfahrung garantieren: Der Kuchen, den es zur Feier des Tages gibt, wenn wir zum ersten Mal das Wort "Unternehmerin" mit unserem eigenen Namen hören oder in einer Zeitschrift dafür gefeiert werden, etwas Ungewöhnliches erreicht zu haben, – er schmeckt so viel süßer, wenn wir wissen, wir haben ihn uns selbst zu verdanken!

Autor: Carina Herrmann

Carina Herrmann war ursprünglich Kinderkrankenschwester, als sie sich beruflich komplett neu orientierte, als ortsunabhängige Selbständige ins Online-Business wechselte und gleichzeitig zur Dauerreisenden wurde. Sie ist das Gesicht hinter dem Business-Blog für Frauen "Um 180 Grad" und Gründerin der "Femininjas", einer Online-Community, in der sie weibliche Gründerinnen auf ihrem Weg in die Selbständigkeit unterstützt.
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