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10.05.11

Erfahrung zum Nachmachen

Uppercut und Social Media - so war's auf dem Barcamp in Nürnberg

So ein Barcamp ist eine feine Sache, nur die wenigsten wissen wahrscheinlich warum. Deshalb verbrachte ich einen Tag auf dem Nürnberger Camp und habe allerhand interessante Erkenntnisse mit nach Hause genommen. Unter anderem: Social Media als Geschäftskonzept, bei Schlägereien überzeugen, Prototypenbau leicht gemacht, Inspiration im Geschäftsalltag und das Global Brain. Viel Vergnügen! (Vorsicht Überlänge!)

Barcamp NürnbergBarcamp Nürnberg

Mit leichter Verspätung schlug ich im Nürnberger Südwestpark auf - schade, denn so verpasste ich die prima Gelegenheit mitzubekommen, wie die unterschiedlichsten Sessions eigentlich zustande kamen und wer hier überhaupt alles mitmacht. Und wenn Sie sich nun fragen, wer eigentlich "ich" ist, so sei Ihnen gesagt, dass es sich hier um einen förderland-Redakteur namens Chris Herrmann handelt, der im übrigen auch noch nie auf einem Barcamp war. Der erste Eindruck: Wie auf dem Startup Weekend im vergangenen Herbst fand ich eine große Lounge vor, die mit einer großen Zahl "Lümmeln", Tischen, einer Kaffeebar und einem Kicker ausgestattet war. Eine twitterwall und eine Projektion der anstehenden Sessions sorgten für die Orientierung. Die Sessionräume selbst, die im kompletten Gebäude verstreut lagen, benannten die Organisatoren clevererweise nach den Sponsoren, was diesen sicherlich auch nicht ungelegen kam.

Noch etwas orientierungslos und mit einer selbstgebastelten Semmel aus den Resten des Frühstücksbuffets bewaffnet, wagte ich mich in eine der bereits angelaufenen Sessions. Der umtriebige Web-Gründer Andreas Dittes hielt hier in einem Stuhlkreis einen Vortrag, der im Grunde keiner war, da sich alle Zuhörer rege zu dem ausgeschriebenen Thema äußerten: Inspiration! Interessante Gedanken, die ich mir notierte:

  • Florian bereitet seine Präsentationen mit maximalem Aufwand von einer Stunde vor. Immerhin weiß man ja worüber man spricht. Auch kam er schon einmal mit nur einer Folie für einen mehrstündigen Vortrag aus. So beugt man dem Death-by-Powerpoint vor.

  • Ein anderer Teilnehmer fand es sinnvoll, vor einem Vortrag das vorhandene Wissen der Zuhörer zu überprüfen und es dann im Vortrag zu ergänzen und zu vertiefen - so werden sinnlose Wiederholungen vermieden.

  • IBM gibt auch einige Tipps: Backpacken gehen, jemanden fragen der zehn Jahre jünger und jemanden, der zehn Jahre älter ist, zum Recherchieren in eine echte Bibliothek gehen - nicht Wikipedia.

  • Autor Tim Ferriss schafft sich eine Arbeitsumgebung, in der er nur vier Stunden die Woche arbeitet und gibt viele Tipps zu dem Thema.

  • Bei Meetings einfach die Stühle weglassen - so verkürzen sich diese angenehm und die wichtigsten Dinge werden kompakt abgehandelt.

  • Kreativ mit Briefings umgehen - wenn's nicht passt, einfach an den Kunden zurückgeben mit einer Anleitung, wie es besser geht.

  • Adam macht Improvisationstheater und erklärt, was man dabei lernt: - entwickeln Sie auch aus einer mittelmäßigen Idee (Shitty first draft) eine gute Pointe und einen Handlungsstrang.

Ein Plausch mit den Veranstaltern

Nach dieser unterhaltsamen Session, die vor allem von den Erfahrungen der Teilnehmer lebte, gönnte ich mir eine kleine Auszeit und ließ die nächste Session sausen, um mich mit den Veranstaltern über das Barcamp selbst zu unterhalten. Authentisch in die herumstehenden "Lümmel" gelümmelt, plauderten wir über das Zustandekommen des Barcamps und vor welchen Schwierigkeiten die vier dabei standen. Und das Erstaunliche war: Es gab keine! Mit dem Südwestpark pflegt man mittlerweile ein so inniges Verhältnis, dass man nicht mehr fragt, ob es geht, sondern nur noch abklärt wann. Auch zu den meist lokalen Sponsoren besteht ein guter Draht, so dass die Veranstaltungen auch zukünftig gesichert sein werden. 170 bis 180 Leute meldeten sich dieses Jahr an, man machte nicht sehr viel anders, außer, dass es diesmal auch T-Shirts für die Teilnehmer gab. Eine weitere Neuerung war Andreas Pilzs Timetabler, ein nettes kleines Programm, um auf dem Event einen aktuellen Überblick über die Sessions zu gewinnen.

Die Stage-Fighting-Session

Dort fand ich dann auch den Weg zu meiner nächsten Übung: "Whack, Boom, Pow" - ein Stagefighting-Seminar vom Manager-Um-Erzieher und Improvisationskünstler Adam Lawrence, der mit seinem Kompagnon Markus Hormess, der in der Zwischenzeit die Fablab-Session hielt, den kürzlich stattgefundenen Global Service Jam initiierte. Lange Rede kurzer Sinn: In Adams Seminar lernte der Laie, wie sich Schauspieler auf der Bühne nach allen Regeln der Kunst verhauen, ohne sich dabei weh zu tun. So wurden die Teilnehmer peu à peu in die Techniken der Ohrfeige, der Geraden, des Arschtritts, des Aufwärtshakens, des Ohren- und Haareziehens, des Würgens und des gepflegten Schienbeintritts eingeführt. Das Ganze kulminierte gegen Ende der Session in einer Massenschlägerei in Zeitlupe und machte den Geist frei für die anstehenden, etwas verkopfteren Vorträge.

manomama und Social Media Best-Practice

Aber wider Erwarten ging es nicht mit dem Kopf weiter sondern mit Herzblut. Denn Sina Trinkwalder (hier im Interview), Gründerin und Mama von manomama, einem Label, Produzenten und Onlineshop für nachhaltig produzierte Kleidung, hielt einen engagierten Vortrag über das, was sie unter Social Media versteht. Und ihre Meinung sollte sich tatsächlich ein jeder Gründer zu Herzen nehmen, denn sie hat ihr komplettes Geschäftskonzept darauf ausgerichtet und benutzt die Netzwerke nicht allein als notwendiges Beiwerk.

Angewidert von dem Zynismus und dem Einbahnstraßendenken der Branche, stieg Sina aus ihrem Job in der gutgehenden Werbeagentur aus und verschrieb sich einer Sache, von der sie absolut keine Ahnung, aber zumindest schon einmal eine fundierte Meinung hatte und produziert seitdem erfolgreich ihre manomama-Klamotten (manomama: "Von Muttis Hand"). Und was als Blog begann, entwickelte sich zu einer munteren und engagierten Community rund um ihre Produkte, die von Anfang an in deren Konzeption, Weiterentwicklung und Verbreitung eingebunden war. Sina vernetzt ihr gesamtes Unternehmen intelligent mit den Käufern, so dass ein Kunde zur Näherin seines T-Shirts persönlich Kontakt aufnehmen kann, wenn ihm eine Naht nicht passt: Ihren Namen findet er in sein Kleidungsstück eingenäht.

Ebenfalls aus der Community rekrutieren sich die konsequent benannten "Mano-Mamas", die die Klamotten vor Ort bei den Kunden verkaufen und eine entsprechende Provision verdienen. Während des lebendigen, da bilateralen Vortrags spürt man deutlich Sinas Engagement - sie lebt und liebt das, was sie tut und wünscht allen Bio-Heuchlern, und H&Ms dieser Welt die Pest an den Kragen - für sie gibt es ganz oder gar nicht, sie macht es ganz, sie ist nicht auf den Nachhaltigkeitszug aufgesprungen, sondern sitzt in der Lokomotive.

Lassen Sie mich weitere Beispiele aus dem manomama Best Practice geben: Um die Anforderungen an eine Umhängetasche zu erkunden, ließ sie auf einer (in Windeseile) produzierten Website ihre User Fotos von ihrem Tascheninhalt zeigen. Das schlug ein wie eine Bombe - die Leute wurden neugierig und infiziert, verbreiteten die Aktion im Netz und interessierten sich am Ende sogar für die Menschen hinter den Kleinteilen. Ganz nebenbei erhielt manomama eine Anforderungsliste an ihre zukünftige Tasche.

Ein weiteres Beispiel, das die Fehlerkultur von Sinas Unternehmen demonstriert ist die Pantoffel! Ein von einer Dame aus der Community produzierter Filzstoff wurde kurz vor Weihnachten zu gemütlichen Pantoffeln verarbeitet und verkauft. Ein Schnellschuss, wie sich herausstellte: Zwar war der Stoff gemütlich, aber die Sohle lief sich nach kurzer Zeit durch. Anstatt zu lavieren setzte die Gründerin auf eine offene und schnelle Umtauschaktion und zu ihrer Überraschung nahmen viele Kunden das Angebot gar nicht in Anspruch, da sie die Arbeit, die die Näherinnen mit den Pantoffeln hatten, nicht entwerten wollten.

Auch das Zustandekommen von neuen Produkten ist bei manomama der Tatsache geschuldet, dass viele Mütter ihre Nöte per twitter und facebook schildern, so entstand etwa ein T-Shirt mit Gummizugkeilen, das die Kopföffnung über das Haupt des Sohnemanns bringt, ohne die Ohren in Mitleidenschaft zu ziehen. Das alles hat natürlich seinen Preis, denn Sina ist nahzu 24 Stunden online. Wenn es nicht in ihrer Natur läge, eine kommunikative Frohnatur zu sein, wäre das ein Nachteil, doch die Gründerin lebt diese Dinge und fand obendrein mit ihren Social Media-Aktivität noch etwas, was ihr der Vollzeitjob in der Werbeagentur oft verwehrte: Freundschaft.

Die Session war ein echter Gewinn für alle Zuhörer und anknüpfende Themen wie Nachhaltigkeit, Regionalität und Fairness dehnten den Vortrag auf nahezu zwei Stunden aus und sie wurde immer noch als zu kurz empfunden. Später in einer Pause unterhielt ich mich noch ein wenig mit Sina, gab ihr Feuer und schmiss ihr Bier um. Sie erzählte mir von den Widerständen, die ihr von der Wirtschaftsförderung ihrer Heimatstadt Augsburg in den Weg gelegt wurden, von Vorträgen, die sie vor der klassischen Textilbranche hielt und die mit Staunen, Angst und Unsicherheit im Publikum begleitet wurde. Von selbst ernannten Social Media-Experten, die man nicht an sein Unternehmen lassen sollte und dass sie, ich hoffe das darf ich weiter erzählen, bald ein Buch über ihre Erfahrungen heraus gibt, das den Titel "Vom Werber zum Weber" trägt. Für mich war diese offene und streitbare Natur eine köstliche Abwechslung zu doch oft sehr konzeptionellen Businessplan-Gründungen, die man nicht selten in der deutschen Gründerszene antrifft.

Global Brain-Session

Doch nun genug mit den Sessions - es ging ans Abendessen und zum Entspannen waren schnell auch einige Teilnehmer gefunden, die meine gefürchteten Fernschüsse am Kickertisch zu spüren bekamen. Der Hauptteil der Veranstaltung war nun hinter uns und nun wurden neue Vorschläge für die Nachtsessions entgegengenommen. Ich traf meine Auswahl und bewies ein weiteres mal dabei ein gutes Händchen. Seines Zeichens Veranstalter des Barcamps und auch des Webmontags Franken Stefan Peter Roos (SPR), hielt einen interessanten Vortrag über das Global Brain, eine Reflexion darüber, wie schnell und effizient sich Interessengruppen im Web gründen können, er erklärte das Phänomen des Memes (Internet-Gassenhauer) und beleuchtete eine Vielzahl von angesagten Tech-Autoren und deren Ideenansätze aus den Staaten. Auch diese Session hatte Überlänge, weshalb ich leider aussteigen musste, um an einer wirklich drolligen Night-Session des Nürnberger Fablabs teilzunehmen.

Fablab Bristlebot-Session

Es ging um das Bauen von Bristlebots, also Zahnbürstenrobotern. Kurz die Regeln: Auf einem Tisch standen einige Schachteln mit verschiedensten Utensilien: Lego, Schrauben, Korken, Zahnräder, Perlen, Gummis, Fahrradschläuchen, Zahnbürsten, Drähten, Quasten, Scheiben und noch tausenderlei mehr. In die Hand gedrückt bekam man weiterhin entweder einen kleinen Motor mit einer Unwucht, wie man sie etwa für Handy-Vibrationen verwendet oder einen größeren Motor mit einer 9 Volt-Batterie. Ziel war es einen kleinen Roboter zu bauen, der sich auf einer oder mehreren Zahnbürsten bewegt. Bauzeit war eine Stunde und danach sollten die Roboter gegeneinander antreten in den Kategorien: Schönheit, Drolligkeit und Geschwindigkeit. Es bedurfte im Grunde keiner weiteren Anleitung und es ging los: Hier wurde geklebt, da wurde geschnitten, woanders wurde geschraubt. Es wurde gelacht, geflucht und gebangt und am Ende standen acht Roboter auf dem Tisch, die unterschiedlicher nicht sein konnten; Kleine wanzenartige mit Fühlern, große klobige mit versteckten Fächern, flache graue, bunte Diskoroboter mit Anhänger, laute und leise.

Es war ein großer Spaß für alle Teilnehmer und Zuschauer, das Rennen der kleinen Wesen zu beobachten. Der schnellste wurde ein kleiner Bot, der wie eine Kellerassel auf seiner Zahnbürste eine streckenweise beeindruckende Agilität an den Tag legte. Ein persönliches Erfolgserlebnis durfte auch ich mit nach Hause nehmen, denn ein von mir aus einem Likörei, einem Korken, einer Diode und vier Dartspitzen zusammengeklebter gelber Tropf wurde zum schönsten von allen gewählt. Für die Gewinner laserte Markus Hormess vom Fablab auch noch schnell drei Trophäen und die Sache war rund!

Ach noch kurz zum Fablab. Was ist das eigentlich? Ein Fablab ist ein Ort, an dem man seine Ideen, die sonst in der Schublade bleiben, Wirklichkeit werden lässt. Zahlreiche Gerätschaften machen ein Rapid-Prototyping möglich, das auch ohne Ingenieurstitel schnell Ergebnisse liefert. Das Fablab Nürnberg ist mit einem Lasercutter, einem Folienschneider, Arduinos (einfach zu programmierende Mikrocomputer) und dem Bristlebot-Zubehör ausgestattet und spart gerade auf einen 3d-Drucker. Fablabs sind Brutstätten von Gründungsideen und Start-ups und sollten in jeder größeren Stadt ein Zuhause finden. Im Moment gibt es nur eines in Aachen und das kleine in Nürnberg. Wer sich darüber informieren möchte - wir veröffentlichen bald ein ausführliches Interview zu dem Thema und hier geht es zur Website .

Wie Sie sehen - ein aufregender Tag mit einem reichhaltigen Angebot. Es wurden viele Sessions zu Business- und Gründerthemen gegeben, viele Erfahrungen ausgetauscht und Kontakte geknüpft. Auch den zweiten Tag hätte ich mir allzu gern gegönnt, doch ich musste nach zwei anstrengenden Wochenenden endlich wieder ausspannen, bin mit dem Fahrrad den Fluss entlang gefahren und habe ein fränkisches Schäufela verspeist. Wer aber wissen möchte, welche Themen mich am Sonntag noch erwartet hätten, dem sei ein Blick in den timetabler empfohlen; wer ebenfalls ein Barcamp veranstalten möchte, der kann sich gern an die Organisatoren wenden, sie beißen nicht und sind vorbehaltlos hilfsbereit. Vielen Dank fürs Lesen, Chris Herrmann.

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