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15.01.19

Wo noch die Späne fliegen

Metall-Land Deutschland

Schaut man sich die Zahlen der größten Stahlproduzenten im Wandel der Zeit an, könnte man den Eindruck bekommen, dass es in Deutschland nicht mehr weit her sei mit der Metallindustrie. Tatsächlich jedoch ist der große Bereich namens Metall nach wie vor eine der wichtigsten Quellen des deutschen industriellen Wohlstandes.

Quelle: iStock / Getty Images Plus

1. Stahlproduktion

Seit wenigen Monaten wird im einstigen industriellen Herz Deutschlands, dem Ruhrgebiet, kein einziges Gramm Steinkohle mehr gefördert. Und wer jemals dort war, dürfte auch die unübersehbaren Spuren des ehemals „stählernen Herzens“ der Republik gesehen haben.

Ein Zeichen für das Aussterben einer Industrie? Mitnichten. Bloß dafür, wie sehr sich die Stahlindustrie während des vergangenen Vierteljahrhunderts gewandelt hat.

Einige Fakten:

  • 1970 produzierte Deutschland rund 45 Millionen Tonnen Rohstahl – vor der Wirtschaftskrise 2007/2008 waren es jedoch sogar 48 Millionen Tonnen und mittlerweile (nach einem auf 32 Millionen Tonnen gesunkenen Tiefpunkt in 2008) sind es wieder gesunde 43 Millionen Tonnen.
  • Mit einem Umsatz von rund 105 Milliarden Euro in 2017 gehört die Metallerzeugung und -verarbeitung nach wie vor zu den wichtigsten Industriezweigen der Republik – auf die auch die beiden wichtigsten Stützbeine, Kraftfahrzeugbau und Maschinenbau, dringend angewiesen sind.
  • Insgesamt machen 14 Hersteller rund 99% der Gesamtstahlerzeugung unter sich aus – angeführt von ThyssenKrupp.

Dadurch kann man zwar durchaus von einer lebhaften Industrie sprechen.

Das liegt unter anderem daran, dass die deutsche Stahlindustrie den Wandel hinbekommen hat. Sie verabschiedete sich fast gänzlich von der Produktion billiger Massenstähle – diese werden nun in enormen Mengen in China gefertigt. Was aus Deutschland kommt, sind vor allem hochwertige Spezialstähle sowie ferner andere Metallprodukte.

2. Metall-Weiterverarbeitung

Wo Metall ist, sind meistens auch Industrien, welche das Rohmetall zu Endprodukten weiterverarbeiten, meistens nicht weit.

Tatsächlich kann diese Branche in Deutschland fast schon als „das“ Synonym für den Mittelstand gelten, denn praktisch alle Unternehmen in diesem Bereich hierzulande gelten als klassisch-mittelständisch; sind teilweise sogar heimliche Weltmarktführer.

Ein Beispiel für letzteres ist der Kreuztaler Hersteller Achenbach Buschhütten, Spezialist für die Herstellung von Walzmaschinen im Nichteisen-Metallbereich – und seit beachtlichen sieben Generationen im Familienbesitz.

Doch der Industriestandort ist noch ungleich vielfältiger. Dazu gehört die Eich Rollenlager GmbH aus Hattingen, die sich sowohl auf klassische wie Sonderwälzlager fokussiert hat und bereits in ihrer Gründungszeit Ende der 30er als wichtigster Pionier bei der Herstellung von Federrollenlagern in Deutschland galt.

Und diese Namen gehen hoch bis zu einem Giganten der Wirtschaft, ohne den die globale Produktion von Fahrzeugen ein gewaltiges Problem hätte: ZF Friedrichshafen.

Wo das Kürzel viele Jahrzehnte lang „nur“ für Zahnradfabrik stand und wo Zahnräder bzw. Getriebe auch nach wie vor eines der Haupt-Standbeine des Unternehmens sind, haben die Bodensee-Anrainer sich unterdessen zu einem multispektralen Anbieter gemausert, der auch in digitalen Feldern zuhause ist.

Diese Riege, die nur beispielhaft darstellen kann, dass es dem Metall-Standort Deutschland ganz und gar nicht schlecht geht, kann jedoch nicht vollständig sein, ohne den schwäbischen Nachnamen Wanzl.

Nur wenigen ist er außerhalb der Branche ein Begriff, dabei dürfte jeder schon ein Produkt des Herstellers aus Leipheim genutzt haben – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Denn die Spezialität von Wanzl sind Einkaufswagen.

Rund zwei Millionen Stück werden in den Werken jährlich gefertigt und in alle Welt verkauft. Allerdings muss dazu gesagt sein, dass auch dieses Unternehmen mittlerweile breit aufgestellt ist. Neben anderen Wagen (etwa für Flughäfen) fertigt Wanzl auch Displays für Geschäfte, Kassentischsysteme und Pfandsysteme.

3. Sorgen und Nöte

Metallproduktion, Metallverarbeitung, Maschinen- und Fahrzeugbau. Die wichtigsten metallischen Säulen in Deutschland.

Doch so gesund die Branche auch ist, sie ist nicht frei von Sorge. Vor allem bei der Metallproduktion mit ihrem naturgemäß großen Energiebedarf geht derzeit ein Gespenst um: CO2-Zertifikate.

Geht es nach der EU, so sollen in einigen Jahren die im Umlauf befindlichen CO2-Zertifikate verknappt werden, um vermeintlichen industriellen Energiehunger einzudämmen. Für Deutschlands Metallbranche ein großes Problem. Sie hat nach Jahren der Entwicklung an diesem Punkt bereits ein technisches Minimum des Verbrauchs erreicht.

Die Sorge: Muss mehr für Zertifikate gezahlt werden, kann dies kaum noch durch Forschung bzw. Investition in Energieeinsparungen kompensiert werden, da sich selbst große Investitionen nur in geringsten Verbrauchssenkungen niederschlagen würden.

Unterm Strich würde das zusätzliche Ausgaben bedeuten, welche die Marktsituation verzerren und dazu führen, dass auch die etablierte Metallindustrie dorthin abwandert, wo weniger Restriktionen warten.

Aber selbst wenn die EU noch ein Einsehen hätte, bestünde weiterhin das enorme Problem, dass diese große Branche mit am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen ist. Zwar steckt Metall derzeit, wie fast jede andere Branche, im Umbruch, um digitaler zu werden.

Doch selbst wenn dies dereinst abgeschlossen ist, werden weiterhin Facharbeiter benötigt, weil es Schritte gibt, die sich schlicht nicht digitalisieren lassen – und daran mangelt es in einem Land, in dem es rund doppelt so viele Studenten wie Auszubildende gibt, sehr nachhaltig.

Eine weitere aktuelle Sorge ist und bleibt China. Nicht nur, dass das Reich der Mitte schon seit einigen Jahren eine sehr offensive Politik betreibt, dank derer der globale Markt mit subventionierten, enorm günstigen Metallen geflutet wird.

Nein, das Land betreibt auch schon seit Jahren eine nur noch als gezielt zu bezeichnende Übernahme von Hightech-Unternehmen, darunter auch solchen aus Deutschland. Da damit auch ein Transfer von Know-How verbunden ist, besteht bei vielen die durchaus berechtigte Sorge, dass mittel- bis langfristig die bisherige Aufteilung erodiert werden könne und China auch bisherige deutsche Bastionen in gleicher Qualität aber zu geringeren Preisen zu fertigen beginnt.

Fazit

Der Metallbranche in Deutschland geht es besser als viele Zeitgenossen es vermuten. Das liegt vor allem daran, dass die Branche es nach den schlimmen Krisenjahren geschafft hat, sich neu zu konsolidieren und neue Nischen zu erobern.

Doch die Zeit steht besonders hier nicht still. Metall war schon immer ein Weltpolitikum und Austragungsort so mancher zwischenstaatlicher Rangeleien. Sicherzustellen, dass dabei die deutsche Industrie künftig nicht zwischen China und diversen Umweltvorgaben zermahlen wird, ist vor allem eine politische Aufgabe – bei der nach Ansicht vieler Metaller in Berlin deutlicher Nachholbedarf besteht.

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