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10.07.19

Status quo und mögliche Anreize für mehr Frauen in der Start-up-Szene

Gründerin in Voll- oder Teilzeit dringend gesucht

Gründungen als Nebenerwerbsquelle funktionieren meist nicht, obwohl gerade diese Option für Frauen besonders attraktiv wäre. Gerade am Anfang eines Start-ups kommt häufig nicht genügend Geld in die Kasse. Viele Gründer und Gründerinnen entscheiden sich daher, zweigleisig zu fahren und den Angestelltenberuf erst dann an den Nagel zu hängen, wenn die neue Unternehmung schwarze Zahlen schreibt.

Quelle: iStock / Getty Images Plus

Die Folge: Doppelbelastung und Arbeitswochen mit bis zu 80 Wochenstunden. Der Spagat zwischen alter Berufstätigkeit und neuer Herausforderung lässt viele Gründerträume platzen. Daher: wer kann, sollte sich mit Haut und Haaren in das Start-up stürzen. Für Frauen einfacher gesagt als getan: denn oft hängen Job, Familie und Haushalt noch als Nebenbaustellen an ihnen. Vielleicht ein Grund dafür, dass sich laut Deutschem Start-up Monitor nur knapp 15 Prozent aller Gründungen auf eine Initiative von Frauen zurückführen lassen.

 

 

 

Wo liegt der sprichwörtliche Hund begraben, dass sich so wenige Frauen in die Selbstständigkeit wagen? Diese Frage habe ich mir in den letzten Jahren oft gestellt. Als Gründer von insgesamt vier Unternehmen zweifle ich massiv an der angeblichen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Fakt ist: Chancengleichheit zwischen „Manpreneur“ und „Fempreneur“ gibt es nicht. Und das nach siebzig Jahren Grundgesetz. Wen wundert es? Dauerte es doch mehr als 20 Jahre, bis die offenkundigsten Ungleichheiten aus unserem Familienrecht entfernt waren. Natürlich muss heute keine Frau mehr um Erlaubnis ihres Mannes bitten, wenn sie arbeiten möchten, doch nach wie vor haben Kinderwunsch und Elternzeit auf die Erwerbsbiografie weiblicher Arbeitnehmer mehr Auswirkungen als auf ihr männliches Pendant. Sogenannte „fragmentierte Erwerbsbiografien“ sind bei arbeitenden Frauen programmiert: Ausbildung oder Studium, Erwerbstätigkeit, Karriereleiter und dann kommt das erste Kind, das zweite und vielleicht der Wiedereinstieg in die Teilzeit. Die Teilzeitfalle, so praktisch sie für manche Frau mit Familienanhang auch sein mag, ist oftmals mit Frustration verbunden. Nie macht man es allen gerecht, die Zuständigkeiten sind limitiert, Themenfelder bei weitem nicht mehr so spannend wie in einer Vollzeitverpflichtung. Zu kurz kommt das eigene berufliche Ego, vor allem bei ambitionierten Frauen.

 

Interessant ist die Argumentation, warum Frauen in Teilzeit arbeiten: „Mit familiären Verpflichtungen (z. B. Betreuung von Kindern oder Pflege von Angehörigen) begründet rund jede zweite Frau ihre Teilzeitarbeit, aber nur jeder neunte Mann“, so das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WIS) der Hans-Böckler-Stiftung in seinem Gender-Daten-Portal 2017. Der Schritt in die Selbstständigkeit liegt da nahe: Zum einen, um eine ausgewogene Work-Life-Balance mit Kind und Kegel pflegen zu können, zum anderen, weil die Geschäftsidee und die Selbstständigkeit einen höheren Anspruch an den eigenen Kopf und die eigenen Erwartungen stellt, als ein Angestelltenverhältnis. Frauen, die ihr Start-up als Teilzeitunternehmung gründen, backen zwar kleinere Brötchen, sind aber zufriedener.

 

Warum gibt es so wenige Frauen im Start-up Bereich?

 

Dennoch: die Frage, die immer noch nicht beantwortet ist, ist die Frage nach der Unterrepräsentation von Frauen im Start-up Bereich. Das Missverhältnis zwischen Manpreneuren und Fempreneuren erklärt sich unter anderem auch damit, dass weibliche Gründer weniger erfolgreich sind im Geldeinwerben als ihre männlichen Kollegen. Brauchen wir also eine Förderquote, um mehr Frauen in Gründung zu bringen? Sicherlich würde dies die Gründerlandschaft bunter machen, dennoch muss natürlich immer die Frage nach dem Zweck und der Innovation einer neuen Unternehmung im Mittelpunkt der Prüfung eines Businessplans durch einen Investor stehen. Und genau darin liegt der Hase im Pfeffer: Frauen gründen meist in geisteswissenschaftlichen oder kreativen Bereichen, weniger in den typischen MINT-Berufen, für die Fördersummen erfahrungsgemäß höher ausfallen. Zudem seien, so der aktuelle Female Founders Monitor, Männer viel häufiger bereit, Kapital aufzunehmen, um damit die eigenen Wachstumsambitionen zu stillen – kurzum: der Hunger nach Erfolg und Expansion scheint bei den männlichen Kollegen größer. Auch die fehlende Vernetzung untereinander in Digital Hubs oder lokalen Netzwerken sei ein Grund dafür, dass sich weniger Gründungserfolg bei potenziellen Fempreneuren einstellt.

 

Anreize für mehr Frauen in der Gründerszene

 

Ein Patentrezept vom „Gründungsapotheker“ gibt es noch nicht, um mehr Frauen in die Start-up-Szene zu locken, dennoch gibt es Anreize, die wir alle schaffen können um die Gründungslandschaft in Deutschland in Parität zu bringen:

 

Anreiz 1:

Warum nicht schon direkt nach dem Hochschulabschluss oder der Lehre sein eigenes Start-up auf die Beine stellen? Gerade Frauen gründen mit Mitte 30 nicht nur gerne Familien, sondern möchten auch gerne beruflich durchstarten. Trotz Elterngeld, Elternzeit, Kinderbetreuung sind es dennoch Frauen, die durchschnittlich neun Stunden weniger Zeit haben zum Arbeiten als Männer, so der aktuelle Female Founders Monitor. Dies führt direkt zu

 

Anreiz 2:

Beziehungen auf Augenhöhe fördern die Karriere beider und verstärken den Mut, ins kalte Gründerwasser zu springen. Familie darf kein Hinderungsgrund sein, sich selbstständig zu machen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss von beiden Partnern gleichsam möglich werden. Dazu gehören transparente Aussprachen und Botschaften an den Partner, was will ich beruflich erreichen und wie kannst Du mir dabei helfen.

 

Anreiz 3:

Austausch mit Mentorinnen: Durch die aktive Nutzung von Netzwerken für weibliche Gründerinnen („Fempreneur“, Verband deutscher Unternehmerinnen, Gründerinnenzentrale, Weiberwirtschaft etc.) können Anfangszweifel ausgeräumt und die Machbarkeit aufgezeigt werden.

Anreiz 4:
Chefposten-Sharing: Durch gemeinschaftliche Unternehmensgründungen mit einer ehemaligen Kollegin oder Freundin kann durch Jobsharing ein mögliches Teilzeitgründungsmodell für beide zum Vollzeiterfolg für ein Start-up werden

Anreiz 5:
Falls kein/e Gründungspartner/in vorhanden ist, sollten Fempreneure möglichst bereits im Business-Plan günstige interne Strukturen schaffen: Ein flexibles Zeitgerüst ist das A und O, nur so schafft man Transparenz für sich und potenzielle Investoren.

Anreiz 6:
Klotzen, nicht kleckern: Ermutigen Sie gründungswillige Frauen, Ihr Ego nach außen zu tragen. Das hat nichts mit Egoismus oder Ellenbogengesellschaft zu tun. Aber wer nicht selbst von seiner Idee überzeugt ist und diese mit Verve und Engagement nach außen trägt, der kommt in der Gründungsszene nicht weit.

Autor: Marcel Harrer-Becker

Bereits im Alter von 13 Jahren hilft Marcel Harrer-Becker in der väterlichen Apotheke: Mülleimer leeren, Einträge im Warenwirtschaftssystem, Botendienste. Nach dem Abitur tritt er in die Fußstapfen des Vaters, studiert Pharmazie in Innsbruck und München und steuert nach dem frühen Tod des Vaters, zusammen mit seiner Mutter, die familieneigene Central Apotheke am Münchner Stachus. Statt sich auf den Lorbeeren des Vaters und dem Umsatz der Apotheke auszuruhen, geht er in die Gründungsoffensive. Sein Ziel: Rauskommen aus dem Apotheken-Kleinkrämerdasein - den Kunden und die Digitalisierung fest im Blick. In den Jahren 2012 bis 2017 gründet Harrer-Becker insgesamt vier Unternehmen – allesamt mit dem Schwerpunkt auf die Schnittstelle zwischen digitalisierter Welt und stationärem Handel. Erfolgreichstes Pferd in seinem Gründungsstall ist die 2012 gegründete Apovid GmbH: Mit dem erfolgreichen Geschäftsmodell versorgt er bereits 670 Apotheken in ganz Deutschland mit OTC-Bildschirmsystemen, mittelfristig sollen bis zu 1200 Apotheken damit bedient werden. Insgesamt beschäftigt der studierte Pharmazeut in seinen Start-ups 27 Mitarbeiter – Tendenz steigend.
Marcel Harrer-Becker

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