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12.11.07

Was ist eigentlich...

Entrepreneurship - gegen den Strom schwimmen

"Tradutore - traditore!", das italienische Sprichwort lässt Übersetzer zu Verrätern werden… So geht es auch allen, die den Begriff "Entrepreneurship" schnell ins Deutsche übertragen wollen. Der "Entrepreneur" wird zum "Unternehmer" - eine zu einfache Lösung, wie die Geschichte des vielfältigen Begriffes zeigt.

Der Ursprung des Begriffes liegt im 17. Jahrhundert, als in Frankreich der Leiter einer militärischen Expedition als Entrepreneur bezeichnet wurde. 1734 taucht der Begriff zum ersten Mal in einem wirtschaftlichen Zusammenhang auf: Der Ire Richard Cantillon verstand unter einem Entrepreneur einen Händler, der aus dem Kauf und Verkauf von Waren einen Gewinn erzielt.

Klassisch geworden ist die Interpretation des Begriffs durch Joseph Schumpeter (1883-1950): Der Entrepreneur will gewohnte Bahnen verlassen und "träumerische Gedanken" in der Realität umsetzen. Er treibt auf diese Weise den "Zerstörungs- und Erneuerungsprozess" des Kapitalismus voran, der Begriff der "schöpferischen Zerstörung" geht ebenfalls auf Schumpeter zurück.

Damit sind Dynamik und Kreativität wesentliche Eigenschaften des Entrepreneurs, was auch im angelsächsischen Sprachraum zum Ausdruck kommt. Unter einem Unternehmer versteht man hier drei verschiedene Figuren, den "Entrepreneur", den "Owner" und den "Manager": Der Entrepreneur hat einen zündenden Einfall, stellt ein neues Unternehmen auf die Beine und wirbt Mitarbeiter an. Der Owner verfügt über Geld, kauft Anteile an einem Unternehmen und ist an einer maximalen Rendite interessiert. Dabei entlässt er tendenziell Mitarbeiter. Der Manager organisiert den Alltag im Unternehmen. So unterscheidet man im Englischen auch zwischen "Entrepreneurship" und "Business Administration"- der zweite Begriff hat keinerlei innovatives Moment.

Was verbirgt sich also hinter dem Begriff "Entrepreneurship"? Weit mehr, als die deutsche Entsprechung "Unternehmertum" vermuten lässt. So charakterisiert Hans Jobst Pleitner den Entrepreneur in dieser Weise: Er nutzt sich bietende Gelegenheiten, geht Risiken ein, koordiniert dabei den Einsatz von Ressourcen und schafft Arbeitsplätze. Wertschöpfung ist sein Ziel, wobei Innovationen entwickelt und verwertet werden. Kurz gefasst besteht für Pleitner "Entrepreneurship" in der "Identifikation und Nutzung von Marktchancen durch Unternehmensgründer".

Wie sieht die Praxis aus?

In seinem Aufsatz "Das Netz weiter werfen - Für eine neue Kultur unternehmerischen Handelns" beschreibt Günter Faltin drei Wege, auf denen Entrepreneure ihre Ideen verwirklichen.

"Vorhandenes entdecken": Viele Geschäftsideen liegen auf der Straße, die meisten Passanten gehen achtlos an ihnen vorbei. Doch der Entrepreneur erkennt ihre Bedeutung - und versteht, welches Potential in ihnen steckt. Beispiel: Dem Bankmanager Sergio Rial fällt in China auf, dass dort Hühnerfüße eine Delikatesse sind. In Südamerika aber isst man nur die Hühnerschenkel, wobei Brasilien und Argentinien an der Spitze der weltweiten Hühnerproduktion stehen. Rial beginnt also Hühnerfüße aus Südamerika nach China zu exportieren…

"Gegen den Strich": Manchmal lassen sich verkrustete Marktverhältnisse durch eine pfiffige Idee aufbrechen, der Entrepreneur stellt sich gegen die etablierte Konkurrenz. Beispiel: Gottlieb Duttweiler findet in den 1920er Jahren heraus, dass die Zürcher Lebensmittelhändler überzogene Preise von ihren Kunden verlangen. Duttweiler gründet mit Freunden die Firma "Migros": Mit fünf kleinen Lastwagen bringen sie ihre Ware zu 178 Verkaufspunkten, wo sie nur 10 bis 15 Minuten Station machen. Ihr Angebot ist klein: Teigwaren, Zucker, Kaffee, Reis, Kokosfett und Seife - aber alles in Großpackungen. Dazu gibt es Flugblätter, auf denen zu lesen ist, warum die Waren trotz hoher Qualität so günstig sind. Faltin: "Die Wagen samt Fahrern wirken wie eine Verbraucheraufklärung auf Rädern, wie mobile Einrichtungen der Erwachsenenbildung." Als Preisbrecher wird Duttweiler zum erfolgreichen Entrepreneur.

"Neu kombinieren": Zwischen zwei Bereichen des Lebens besteht auf den ersten Blick kein Zusammenhang  aber ihre überraschende Kombination kann zu verblüffenden Geschäftsideen führen. Beispiel: Thijs Nel ist Schriftsteller, Maler und Töpfer in Südafrika. Er wird darauf aufmerksam, wie instabil die Häuser in den „townships“ sind, weil sie traditionell aus Lehm gebaut werden. Nels Idee beschreibt Faltin so: "Stellen Sie sich eine Tasse vor. Stellen Sie die Tasse auf den Kopf. Lassen Sie die Tasse vor Ihren Augen immer größer werden und denken Sie sich Löcher in die Tasse. Nennen Sie die Tasse jetzt: Haus!" In einem großen Feuer wird dieses Haus wie Töpferware gebrannt –  und es ist jetzt deutlich haltbarer als die bisherigen Lehmhütten, kostet aber kaum mehr Geld. "Think ceramic", lautet das Motto des erfolgreichen Entrepreneurs aus Südafrika.

Fazit

Der Entrepreneur ist eine dynamische und kreative Gestalt, sein Ziel ist der Aufbruch zu neuen Ufern. Dabei schwimmt er oft gegen den Strom, wie das Beispiel des Migros-Gründers Duttweiler zeigt. Der Entrepreneur ist eben viel mehr als ein Unternehmer, weil er "träumerische Gedanken" in die Tat umsetzt. Georg Bernard Shaw brachte diesen Sachverhalt so auf den Punkt: "Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an; der unvernünftige beharrt auf dem Versuch, die Welt sich selbst anzupassen. Daher geht jeder Fortschritt auf unvernünftige Menschen zurück."

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Entrepreneurship - Ein ausführliche Überblick


Ein Beitrag von Ingo Leipner

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