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16.07.13

Studie des BMWi

Die Zukunft der Gründungsförderung – neue Trends und innovative Instrumente

114 Seiten Zukunftsmusik. Eine kürzlich veröffentlichte Studie – durchgeführt vom Forschungs- und Beratungsunternehmen evers & jung in Kooperation mit dem Trendforscher Prof. Peter Wippermann und im Auftrag des BMWi – fragt und beantwortet: Welches sind die wichtigsten Trends in der deutschen Gründerlandschaft? Und worauf müssen sich Gründer, Investoren und Gründerberater künftig einstellen? Fazit: Die Ideen sind gut. Die Welt ist bereit. Aber was kommt jetzt?

Bundeswirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler nutzt die Gelegenheit, sich im Rahmen des Young-IT-Empfangs zum Auftakt der CeBIT über die technischen Innovationen der Branche zu informieren (Bild: © BMWi)

Hintergrund: Ob Merkel, Steinbrück oder Rösler – die deutsche Politik entdeckt zunehmend die von Start-ups geprägt digitale Wirtschaft als ernstzunehmendes Betätigungsfeld. Man holt sich die Gründer ins Haus, veröffentlicht eine App und macht und tut und fördert.

Natürlich macht und tut und fördert man schon seit Jahrzenten, wie auch die aktuelle Studie betont: Angefangen beim Aufbau von Technologie- und Gründerzentren in den 1980er- und 1990er-Jahren, über die ersten Businessplanwettbewerbe und den Start des erfolgreichen EXIST-Programms  zur Förderung von Gründungen aus Hochschulen Mitte der 1990er bis hin zum Aufbau von Entrepreneurship-Lehrstühlen, der Ich-AG und zur „Gründerwoche Deutschland“ als Bestandteil der „Global Entrepreneurship Week“ . Doch trotz aller bisherigen Bemühungen hat man erst seit einiger Zeit das Gefühl, dass die Politik es wirklich, wirklich Ernst meint. Schließlich wurden die web- und wirtschaftsbewegenden Erfolgsgeschichten vor allem im Silicon Valley geschrieben und nicht im vermeintlichen deutschen Start-up Mekka Berlin. Deutschland hinkt in der digitalen Gründerwelt hinterher. Das will man ändern!

Zusammenwachsen, um zusammen zu wachsen

Die Gründer wollen sowieso. Sie fordern schon seit Jahren auf Gründer-trifft-Investor-Brunches, Start-up-Weekends oder Unkonferenzen eine sinnvollere und umfangreichere staatliche Förderung. Und seit kurzem sprechen sie mit einer greifbaren Stimme – der des Bundesverbandes Deutsche Startups, die da sagt: „Als Repräsentant und Stimme der Startups in Deutschland engagieren wir uns für ein gründerfreundliches Deutschland. Im Dialog mit Entscheidungsträgern in der Politik erarbeiten wir Vorschläge, die eine Kultur der Selbstständigkeit fördern und die Hürden für Unternehmensgründungen senken.“

Gründer und Politiker, beide Seiten wollen zusammenwachsen, um zusammen zu wachsen, aber EXIST-Programms : Auf der einen Seite die Digital Natives auf der anderen die Zugezogenen. #Neuland

Natürlich geht es nicht ausschließlich um digital vs. nicht digital. Es geht um den tiefgreifenden technologiegetriebenen Wandel, der so gut wie alle Teile von Wirtschaft und Gesellschaft durchströmt. Es geht um große, alte, erlahmende Strukturen vs. agile Netzwerke. Es geht um ernsthafte, ältere Herrn in Anzügen vs. Piraten in Kapuzenpullis. Es geht darum, ob man das Digitale als selbstverständlichen Teil der realen Welt begreift – oder das nicht tut, und alles Digitale mit Zweitklassigkeit behaftet („Wikipedia? Nicht ernst zu nehmen!“).

Auf der anderen Seite hat die Geschichte der Menschheit nicht erst mit der Erfindung des WWW begonnen. Es muss also letztlich darum gehen, Neuland und alte Welt zu einer funktionierenden Einheit zu formen. Empathie und Offenheit sind gefragt!

Mehr Digital ist besser

Den Grundstein einer kommenden Gründungsförderungs-Offensive und hoffentlich digitaler Wettbewerbsfähigkeit legt eine von Röslers BMWi in Auftrag gegebene, vom Forschungs- und Beratungsunternehmen evers & jung in Kooperation mit dem Trendforscher Prof. Peter Wippermann durchgeführte und im März 2013 veröffentlichte Studie mit dem Titel „Die Zukunft der Gründungsförderung – neue Trends und innovative Instrumente“.

Basierend auf einem lesenswerten Gastbeitrag des Trendforschers Prof. Peter Wippermann, der den strukturellen, technologischen und kulturellen Wandel sowie die damit einhergehenden neuen Spielregeln der Netzwerkökonomie beschreibt, diskutiert die Studie fünf maßgebliche Trends, denen sich die Gründungsförderung – aber auch die Gründer – begegnen müssen:

Getrieben von Unzulänglichkeiten im Bereich des klassischen Finanzierungsmarkts  könne EXIST-Programms  zukünftig eine Finanzierungsalternative sein, die zusammen mit öffentlichen Förderprogrammen wie z. B. dem EXIST-Gründerstipendium, öffentlichen Beteiligungsgesellschaften und Venture-Capital-Fonds funktioniere. Jedoch werde die derzeitige Euphorie wohl in den nächsten Jahren mit finanziellen Misserfolgen und Rechtsstreitigkeiten konfrontiert werden. Zudem gebe es kaum Anzeichen dafür, dass Crowdinvesting auch eine Alternative für die Masse der Gründungen außerhalb der „Netzwelt“ sein könne.

Partnering sei eine neue Form der Gründungsberatung. Es gehe darum, Gründer mit den passenden (Sparrings-)Partnern zu versorgen. Diese Partner lassen die Gründer an ihren Erfahrungen teilhaben und ermöglichen es ihnen, mithilfe ihres Know-hows, durch Kooperationsmöglichkeiten oder durch weiterführende Kontakte, das eigene Potenzial zu katalysieren. Der Gründungsberater der Zukunft qualifiziere sich nicht mehr allein durch Fachwissen, sondern durch die eigene Vernetzung und das geschickte Verknüpfen der Partner.

Sich die Vorteile von Dienstleistungen und Outsourcing für Gründungen zu Nutze machen, dieser Ansatz wurde bereits von EXIST-Programms  im Bestseller „Kopf schlägt Kapital“ vorgestellt. Jedoch arbeitet die Studie einige neue Facetten heraus: Bündelung gründungsphasenspezifischer Dienstleistungen und Produkten (z. B. Software und Beratung zur Businessplanerstellung, Hilfe bei der Gründungsberaterauswahl oder Standortanalyse) in Portalen, Informations- und Dienstleistungsportale (für registrierte) Gründer sowie Online-Publikationen mit Community-Charakter. Es gebe immer mehr kostenlose Anlaufstellen und Angebote für Gründer im Netz. Hier seinen Transparenz und Qualitätssicherung gefragt. Die Anbieter ständen vor dem Problem ihre Angebote zu monetarisieren.

Auch die Industrialisierung von Start-ups a la Rocket Internet wird von der überwiegenden Mehrheit in der Expertenbefragung unter Gründungsexperten und -förderern als bedeutend eingestuft. Die Gründer profitierten durch eine Professionalisierung des Gründungsvorgangs durch die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die wissen, „wie es geht“. Der „Durchlauferhitzer“-Ansatz böte zum einem zahlreiche Karrierechancen, zum anderen gehe dies aber z. T. zu Lasten von vergleichsweise schlechten Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter. Als kritisch wird zudem das Risiko betrachtet, dass tendenziell nur Mainstream-Gründungen finanziert werden. Die Politik und die öffentliche Gründungsförderung könne entsprechende Infrastruktur und Rahmenbedingungen für diese Ansätze fördern. Insbesondere Accelerator-Ansätze mit ihrem klaren Fokus auf innovativen Gründungen werden als besonders förderungswürdig angesehen.

Gründung wird chic – die neue Sichtbarkeit und Teilhabe mache sich daran fest, dass heute die (Vor-)Gründungsphase kein anonymer und bisweilen einsamer Prozess mehr sei wie in den Vergangenheit. Deutlich mehr Menschen würden Teil von Gründungen, sogar ohne eigene Gründungsabsicht. „Ganz normale Menschen“ würden Teil neuer Gründungsgemeinschaften, indem sie Leistungen zur Verfügung stellen oder kollektiv erbringen und damit unausgeschöpfte Potenziale heben. Auch die Auseinandersetzung mit Gründungsaktivitäten und den Menschen dahinter würde zunehmend zu einer unterhaltsamen Beschäftigung für wachsende Teile der Bevölkerung. Ob über Reality-TV und Coaching-Shows, Crowd Pitches und Ideen-Slams oder interaktive Angebote sozialer Medien, die neue Sichtbarkeit vermittle ein vitales, buntes und zunehmend auch emanzipiertes Bild von Unternehmertum. Es stelle sich allerdings auch die Frage, ob dadurch ein verzerrtes Bild von Unternehmertum vermittelt werde – nach dem Motto: „Unternehmer sein ist jetzt kinderleicht – jeder kann ein Multi-Million-Dollar-Business gründen“. Die Rolle der Politik und der öffentlichen Gründungsförderer müsse es sein, als „Meinungsführer“ die Leitlinie für das Unternehmerbild zu prägen. Neben der neuen Teilhabe und Beteiligungsmöglichkeiten am Gründungsgeschehen sei es zentral, auch die entsprechenden Werte in der Gesellschaft zu verankern.

Wem nützt die Gründungsförderung in Gedanken?

Die Studie sieht diese fünf Trendreports als „Kristallisationspunkte“; und nicht jeder Trend werde den Alltag der Gründungsförderer verändern. Jedoch würden sich in den nächsten zehn Jahren folgenden Herausforderungen ergeben:

• Unterstützung der spätadaptierenden, konventionellen Gründer bei der Nutzung digitaler Angebote
• Digitalisierung und Vereinfachung der eigenen Förderprozesse
• Erprobung neuer, digital gestützter Beratungsformen
• Zeitgemäße Arbeitsteilung der Förderer untereinander
• Neuartige Arbeitsteilung mit privatwirtschaftlichen Dienstleistern

Die Autoren der Studie empfehlen ihren Auftraggebern – dem BMWi, aber auch den entsprechenden Landesministerien – die „notwendigen Veränderungsprozesse über eine überregionale Initiative zu beschleunigen und durch öffentlichkeitswirksame Kampagnen zu Einzelthemen, etwa „Vernetzt für mehr Vielfalt in der Gründung“ zu flankieren.“ Als zentrale Themenbausteine stehen im Fokus: Die Digitalisierung der Antragsprozesse, die Digitalisierung der Beratungsformen sowie die Vernetzung und Arbeitsteilung.

Die Ideen sind gut. Die Welt ist bereit. Aber wem nützt die Gründungsförderung in Gedanken? Jetzt gilt es, die Ideen auf die Straße zu bringen ... Und zwar nicht erst in zehn Jahren, sondern so wie es ein Start-up bestenfalls tun würde: lean, agil und im stetigen Dialog mit den Kunden. Was denken Sie?

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