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07.09.16

Fintech

Bargeldloses Bezahlen: Deutschland hat noch viel nachzuholen

Frank Müller

In Deutschland sind es momentan nicht die etablierten Banken, sondern vor allem Newcomer wie N26 oder die Fintech-App Cookies, die bargeldloses Zahlen vorantreiben. Der Wunsch nach einfachen und praktikablen Lösungen dafür ist vorhanden, wie eine Petition auf Change.org zeigt, die sich an den Bundesverband deutscher Banken, die Sparkassen-Finanzgruppe, Apple Germany GmbH und den Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken richtet. Sie wurde immerhin von fast 12.000 Menschen unterschrieben.


Bargeldloses Bezahlen (Bild: Apple Schweiz)

 

Schweden bis 2030 ohne Bargeld?

Die skandinavischen Länder sind in Europa Vorreiter des bargeldlosen Zahlens. Bis 2030 will Schweden ohne Bargeld auskommen, und die dänische Nationalbank will ab 2017 keine Banknoten mehr drucken. Schon heute sind laut Focus Obdachlose in Schweden mit Kartenlesegeräten ausgestattet, um Spenden entgegennehmen zu können.

Oder sie tragen beim Verkauf eines Stadtmagazins ein Schild mit ihrer Swish-Nummer um den Hals. Die App Swish wird in Schweden von fast einem Drittel aller Einwohner genutzt um in Echtzeit mit dem Smartphone zu zahlen. Sie wurde 2014 gemeinsam von den schwedischen Banken entwickelt, die Bargeld nach und nach abschaffen wollen. Schon heute hat man schlechte Karten, wenn man mit Bargeld zahlen will.

Das ZDF berichtet in seinem Beitrag „Bye, bye, Bargeld“, dass es in vielen schwedischen Kirchen sogar keine Klingelbeutel mehr gibt. Stattdessen entrichten die Gläubigen ihren Obulus am Ausgang direkt per Karte.

Deutschland steht noch am Anfang

Von solchen Verhältnissen sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern ist in der Bundesrepublik das Bargeld noch immer das beliebteste Zahlungsmittel. Laut Spiegel werden fast 80 Prozent aller Einkäufe damit bezahlt. Hierzulande wünscht man sich eher etwas Innovationsfreude beim bargeldlosen Zahlen.

Das Zahlungssystem ApplePay zum Beispiel ist in den USA bereits seit 2014 verfügbar. In Großbritannien startete der Dienst 2015, seit Juli 2016 kann man damit auch in der Schweiz bezahlen, sogar bei Aldi und Lidl. Spanien und Frankreich sollen folgen, in Deutschland jedoch tut sich in der Hinsicht noch nichts. Woran es liegt? Die Banken sagen, an Apple. Andere vermuten, dass man sich nicht auf eine Gebühr einigen kann, die alle Parteien zufriedenstellt.

Schade eigentlich, es wäre schon schön, mit dem Handy auch kleine Beträge in Echtzeit bezahlen zu können, wie es in anderen Ländern schon lange üblich ist.

Die Kehrseite der Medaille

Der Ausbau des bargeldlosen Zahlens durch einfach zu handhabende, schnelle und sichere Systeme wie in Schweden hat viele praktische Vorzüge. Aber eine Gesellschaft, in der Bargeld kaum noch akzeptiert wird, kann es auch gravierende Nachteile für Verbraucher mit sich bringen.

So kann man über die Bankautomaten in Schweden - anders als in Deutschland - keine Einzahlungen vornehmen. Das ist besonders nachteilig für Einzelhändler und kleine Unternehmer, die noch Bargeld einnehmen. Sie werden ihre Tageseinnahmen nur noch los, indem sie sich sich einem mühsamen Deklarations-Prozess unterziehen.

Zudem nimmt schon längst nicht mehr jede schwedische Bank Bargeld an, ungefähr die Hälfte arbeitet bargeldlos. Die andere verlangt hohe Gebühren. Will man eine Rechnung zahlen, indem man bei einer dieser Banken den Betrag bar abgibt, zahlt man dafür umgerechnet über 8€ - pro Rechnung. Schlecht für Menschen ohne Kreditkarte, die nach wie vor auf Bargeld setzen.

Will die Oma dem Enkel ein bisschen Geld zustecken, geht das nur noch per App, wenn man Bargeld wirklich abschafft. Und wenn der Verbraucher kein Bargeld mehr als Alternative zum bargeldlosen Zahlen nutzen kann, ist er den Banken und ihrer Preispolitik hilflos ausgeliefert. Auch kein schönes Szenario. Schließlich existiert dann kein Geld mehr ohne Konto oder Karte. Man kann sein Geld nicht mehr abheben und zur Not unter die Matratze packen, es lässt sich nur noch von einem Konto auf ein anderes transferieren.

Von Schweden lernen - im Positiven wie im Negativen

Am besten wäre es, von den Vorreitern des bargeldlosen Zahlens zu lernen. Einfach zu handhabende, sichere Systeme zum bargeldlosen Zahlen, die jeder nutzen kann, können wir gerade in Deutschland gut gebrauchen. Sie vereinfachen den Zahlungsverkehr und erweisen sich im Alltag oft als ungemein praktisch.

Bei aller Begeisterung sollte man sich aber davor hüten, den Menschen die Freiheit der Wahl zu nehmen und auf Bargeld ganz zu verzichten. Wie man in den letzten Jahren an milliardenschweren Rettungsschirmen und Strafzahlungen gesehen hat, sind Banken weder unfehlbar noch moralisch über jeden Zweifel erhaben. Da ist es immer gut, auf eine Alternative in Form von Bargeld zurückgreifen zu können.

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