<< Themensammlung Gründung

17.03.09

Zirkeltraining

Aus Matte wird Mode

Bonjour Tristesse. Es ist Mittwoch. Es regnet. In einem grauen 50er-Jahre-Hinterhof stapeln sich ein paar abgewetzte Turnmatten und einige defekte Turngeräte zu einem Haufen Sperrmüll. Die wenigsten würden wohl bei diesem Anblick von der Inspiration übermannt, doch für Bernd Dörr markierte der Einblick in den Innenhof den Beginn einer aussichtsreichen Unternehmung – denn gesegnet mit Neugier und Vorstellungskraft formte sich in seinem Kopf die Idee, aus dem geschichtsträchtigen Sportleder eine Erfolgsgeschichte als Hersteller sportiver Taschen-Einzelstücke zu schneidern.

Zirkeltraining-Messestand auf der ispo.Zirkeltraining-Messestand auf der ispo.
Bild: Zirkeltraining.

Bonsoir Tristesse. Plötzlich gab es viel zu tun. Denn nachdem aus den Hinterhof-Lederresten an der hauseigenen Nähmaschine der erste Prototyp entstanden war, galt es für Dürr aus seiner fixen Idee ein Geschäftskonzept zu stricken. Dabei setzte "Bauchmensch" Dörr nicht auf einen klassischen Businessplan, sondern er tat sich mit seinem engen Freund, dem Werber Markus Kreykenbohm, zusammen. Während sich Dürr auf Materialbeschaffung und Produktion konzentrierte, gab Kreykenbohm dem Baby mit nicht nur einen Namen, sondern kreierte zusammen mit Fotografin Maria Brinkop und dem Model Sara-Pia Zimmermann eine zum Produkt passende Retro-Markenwelt, die sich beispielsweise in der liebevoll aufgemachten Unternehmens-Website widerspiegelt.  

Im Oktober 2007 war "Zirkeltraining" dann geboren und das Team präsentierte die erste Kollektion – bestehend aus Modellen mit Namen wie Handstand, Hocke, Rolle, Kasten oder Bock – auf Messen in Deutschland und Japan. „Kurz nach dem Launch der Marke Zirkeltraining konnten wir uns im November 2007 über einen Exklusiv-Vertrieb unseres Laptop-Sleeves "Matte" mit der Apple-Handelskette Gravis freuen. Das war natürlich sehr vorteilhaft, gleich in den acht größten Gravis Stores in Deutschland mit einem unserer Produkte präsent zu sein. Den zweiten Trainingserfolg konnten wir nach wirklich guter Presse im Sommer 2008 verzeichnen, als der Lufthansa-Worldshop auf uns zukam und zwei unserer Taschenmodelle im Herbst-/Winter-Katalog mit einer von uns gestalteten Doppelseite geführt hat – das hat uns unglaublich nach vorne gebracht. Nicht nur vom Prestige – unvorstellbar wie viele Menschen diesen Katalog lesen", beschreibt Dörr die anschließende rasante Entwicklung.

"Unser Produkt kann man online nicht wirklich vermitteln"

Dabei hebt Dörr auch mit der Lufthansa als Partner nicht ab, sondern fertigt weiterhin exklusive, handgemachte Einzelstücke – an Massenproduktion oder einen Online-Shop ist nicht zu denken. "Wir hätten höchstwahrscheinlich unfassbare Absatzzahlen. Allerdings haben wir uns die Materialknappheit ja nicht ausgedacht. Es wäre einfach nicht machbar, die Nachfrage zu bewerkstelligen. Außerdem erwartet ein Online-Kunde eine schnelle Lieferung und eben genau das, was er sich am Monitor angesehen und bestellt hat. Da wir hier aber mit Einzelstücken arbeiten –von der Unterschiedlichkeit der Patina des Leders oder den Abweichungen vom Blauton oder dem Muster der Matten – ist unser Kunde glücklicher, wenn er im Ladengeschäft steht und zwischen mehrere Taschen eines Modells aussuchen kann. Unser Produkt kann man online nicht wirklich vermitteln – es wäre einfach zu anonym und zu unpersönlich."

Statt auf Traffic und Online-Sales setzt Dörr beim Vertrieb auf nur einen "ausgefallenen und eigenständigen Händler" pro Stadt. Das könne ein Architekturbüro, ein Café oder ein klassisches Taschengeschäft sein – es müsse einfach passen, so Dörr. Der Händler habe den Vorteil, dass er neben einem exklusiven und seltenen Produkt auch die Alleinstellung in seiner ansässigen Stadt genieße. Dieses Prinzip setze er auch außerhalb Deutschlands um – aktuell in Japan, Holland, Österreich und der Schweiz. Allerdings werde sich die Liste schnell erweitern, denn durch den ispo BrandNew Award habe er zahlreiche internationale Anfragen erhalten, erklärt Dürr.

Die ispo ist die internationale Leitmesse der Sportartikel- und Sportstyle-Industrie, der ispo BrandNew Award der weltgrößte Jungunternehmerwettbewerb der Branche und dementsprechend groß war die Freude, von einer Expertenjury als einer von nur acht Gewinnern aus knapp 300 internationalen Einreichungen ausgewählt zu werden. "Den ispo BrandNew Award Winter '09 in der Kategorie Accessories 14 Monate nach dem Start der Marke zu gewinnen hat mich natürlich darin bestätigt, dass sich der Aufwand aus einem sehr seltenen Material Taschen zu formen und zu fertigen gelohnt hat. Entsprechend euphorisch sind wir im Februar auf der ispo Winter '09 in München aufgetreten", beschreibt Dörr den jüngsten Erfolg der Firmengeschichte. 

"Gut Ding will Weile haben"

Da spricht die Leidenschaft aus einem Gründer, der "vom gelernten Fernmeldetechniker über den selbstständigen Transportunternehmer" schließlich zum "Retro-Turnvater" avanciert ist, und damit seine vorläufige Berufung gefunden zu haben scheint – auch wenn es trotz aller bisherigen Erfolge sicherlich noch eine Weile dauern dürfte, bis sich seine Passion auch in Gewinnen monetär niederschlägt. "Wir produzieren und verkaufen schon einige Taschen. Aus unternehmerischer Sicht sicherlich zu wenig, wenn man das mit anderen Taschenherstellern vergleichen will. Man darf aber nicht vergessen, dass wir erst 16 Monate jung sind und mit Einzelstücken aus sehr seltenen Materialien arbeiten. In der guten alten Zeit, in der unsere Materialien zum ersten Mal eine Turnhalle geschmückt haben, hat man immer gesagt: Gut Ding will Weile haben."

Trotz der Ungewissheit, ob sich sein Produkt nach ersten Erfolgen auch langfristig in der selbst geschaffenen Nische behaupten kann, ist Dörr überzeugter Unternehmer: "Ich kann meine Ideen verwirklichen – das ist ein unschlagbarer Vorteil der Selbstständigkeit. Die Kehrseite ist natürlich die zu investierende Zeit, die dann oft bei der Familie oder Freizeit fehlt. Ich habe eigentlich nie Feierabend."

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer