<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

23.08.10

Zunahme der Textkommunikation: Der Tod des Telefonats

Mit der Zunahme der digitalen Textkommunikation verlieren Telefonate an Bedeutung. Sie haben ohnehin nur wenige Vorteile.

 

Bei einem früheren Arbeitgeber gab es ein inoffizielles Credo, das gerne und oft von Führungskräften in Besprechungen und auf Konferenzen zitiert wurde: Man sollte öfter den Telefonhörer in die Hand nehmen, hieß es, statt sich auf die Kommunikation via E-Mail zu fokussieren. Jedes Mal, wenn ich dies hörte, wäre ich am liebsten sofort in eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit eines solchen Ratschlags eingestiegen.

Seit langem versuche ich, die Zahl meiner Telefonate so weit wie nur möglich zu minimieren. Während auch ich in einigen spezifischen Situationen ein Gespräch am Hörer der schriftlichen Kommunikation vorziehe, so hat sich in 90 Prozent der Fälle, in denen ich vor 15 Jahren ein Telefonat geführt hätte, eine Konversation über SMS, E-Mail, Instant Messenger, Twitter oder ein Social Network als sehr viel effizienter erwiesen.

Das traditionelle Telefonat hat für mich so stark an Bedeutung verloren, dass ich durchaus vom Tod der Telefonie sprechen könnte. Deutlich wird dies immer dann, wenn ich mir im Ausland eine SIM-Karte für mein Mobiltelefon zulegen möchte und meine komplette Aufmerksamkeit den Konditionen für mobiles Internet widme. Die Preise für Telefonate schau ich mir gar nicht mehr an.

Offenbar bin ich auch nicht der einzige, für den herkömmliche Telefonie kaum noch ein Thema ist. Dieser Wired-Artikel (via) geht in die gleiche Richtung und verweist auf eine leider nicht verlinkte Nielsen-Untersuchung, laut der die durchschnittliche Anzahl an Telefonaten über Mobiltelefone seit 2007 rückläufig ist. Dass ich selbst schon lange keinen Festnetzanschluss mehr besitze, muss ich vermutlich kaum erwähnen.

Doch wie kommt es dazu, dass bei Wired-Autor Clive Thompson genau wie bei mir und mit Sicherheit auch bei einem Teil unserer Leser der Bedarf an Telefongesprächen abnimmt, sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich? Veranschaulichen lässt sich der Wandel durch einen Blick auf die unterschiedlichen Szenarien, in denen man bis vor einigen Jahren nicht um einen Griff zum Hörer herumkam:

Informationsbeschaffung

In der Zeit vor dem Internet war jedes Einholen elementarer Informationen (zum Beispiel zu Öffnungszeiten) mit der Notwendigkeit eines kurzen Telefonats verbunden. Und wer wie Journalisten in Berufen tätig war, deren Kern das Sammeln von Informationen ist, der hing vermutlich den halben Tag an der Strippe. Heutzutage sind alle Informationen dieser Welt nur einige Klicks entfernt. Man gelangt an sie nicht nur schneller, sondern benötigt dafür auch nicht mehr die Hilfe und Zeit einer anderen Person.

Fragen

Taucht im aktuellen Projekt eine Unklarheit auf? Will man kurz nachfragen, ob sich unter den am Abend erwarteten Gästen Vegetarier befinden? Wartet man auf die Bestätigung einer Freundin oder eines Freundes, um den geplanten Flug buchen zu können? Früher griff man zum Hörer, heute hat man diverse andere Alternativen, um seine Frage zu stellen, und wählt das Kommunikationsmittel ausgehend davon, wie viel Zeit man besitzt, wie dringend man eine Antwort benötigt und wie die Verfügbarkeit der anderen Person(en) aussieht. Oft reicht eine SMS, E-Mail oder Facebook-Nachricht aus - gerade dann, wenn man den für ein Telefonat typischen Small Talk vermeiden möchte.

Verabredungen

Während Verabredungen und Besprechungen in der Prä-Internet-Zeit entweder persönlich oder telefonisch ausgemacht wurden, tut es heutzutage die schriftliche Kommunikation über die bereits beschriebenen Wege oder der Einsatz eines extra für die Planung von Terminen geschaffenen Tools wie Outlooks Einladungsfunktion oder Doodle.

"Wie geht's"-Kommunikation

Je mehr Menschen in sozialen Netzwerken aktiv sind, desto geringer ist der Bedarf an kurzen "Ich wollte nur mal hören wie es dir geht"- oder "Ich habe schon so lange nichts mehr von dir gehört - lebst du noch?"-Telefonaten. Denn von dem grundsätzlichen Wohlbefinden einer anderen Person kann man sich heutzutage sehr gut über Status Updates, Blogeinträge oder Twitter-Nachrichten überzeugen. Meine Mutter beispielsweise abonniert meine Tweets per RSS und erhält somit einen grundsätzlichen Überblick über mein Leben, selbst wenn wir uns einmal längere Zeit nicht persönlich gesprochen haben. Geschriebene Status-Kommunikation im Push-Verfahren ersetzt in gewissem Maß das telefonische Beschaffen derartiger Informationen im Pull-Verfahren.

Nun höre ich sie schon, die kritischen Stimmen, die erwidern, dass ein gelegentliches Gespräch am Telefon wichtig für das persönliche Verhältnis und deutlich sozialer ist als eine unpersönliche Textnachricht, dass man auf Mails nicht immer eine Antwort bekommt, dass nicht alle Menschen per Facebook-Nachricht erreichbar sind oder dass man in einer SMS (hier beziehe ich auch datenbasierte SMS-artige Services wie Ping Chat mit ein) zu wenig Platz hat.

All das stimmt natürlich und sorgt dafür, dass die herkömmliche Telefonfunktionalität wohl noch einige Zeit in Smartphones enthalten bleiben wird, zumal mit VoIP ohnehin eine kostengünstigere, Telefonie mit den Stärken der schriftlichen Kommunikation kombinierende Alternative (wie bei Skype) existiert.

Doch dass ändert nichts an der Tatsache, dass für viele Menschen die Notwendigkeit von Telefonaten abnimmt. Und manchmal - gerade wenn ich Parolen höre wie die am Artikelanfang zitierte - wünsche ich mir, die jeweilige Person würde erkennen, dass ein bewusstes Festhalten an Anrufen in Situationen, in denen es Textkommunikation auch tun würde, immer auch einen Tick egoistisch ist. Denn während der Gegenüber bei einer geschriebenen Nachricht eigenständig über den Zeitpunkt der Antwort entscheiden kann, hat er diese Wahlmöglichkeit bei einem Anruf nicht - es sei denn, er geht gar nicht erst ran.

In manchen Situationen ist es natürlich genau das damit verbundene Fehlen von Bedenkzeit, das der Initiator der Kommunikation erreichen möchte. Nicht ohne Grund erfreuen sich im Vertrieb Telefonate ungebrochener Popularität. Häufig gibt es jedoch keine Notwendigkeit, die Gegenseite mit einem Anruf bei ihrer aktuellen Tätigkeit zu stören, nur um eine spontante Frage zu stellen oder einen nicht zeitkritischen Lagebericht einzuholen.

Alle, die angesichts dieser Lobpreisungen auf die zugegebenermaßen in ihrer Tiefe und Emotionalität begrenzte Textkommunikation eine weitere Isolierung und Vereinsamung von Menschen befürchten, kann ich beruhigen: Denn ähnlich wie es auch Clive Thompson bei Wired feststellt, sinkt zwar meine Gesamtzahl an Telefonaten, doch betrifft dies vorrangig die Alltagstelefonie.

Längere Gespräche (über Skype) führe ich nach wie vor, zudem verzichte ich häufig speziell dann auf Telefonate, wenn ich eine Person ohnehin kurze Zeit später persönlich treffen werden. Und dank Status-Kommunikation weiß ich dann trotzdem von dem neuen Auto oder dem gelungenen Urlaub und habe somit einen perfekten Einstieg ins Gespräch.

Telefoniert ihr auch weniger als früher?

(Illustration: stock.xchng)

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer