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16.01.08

Zehn Gründe, warum Facebook studiVZ kaufen könnte

facebookstudivz.gifDie berühmt-berüchtigten Samwer-Brüder haben sich mit einem Betrag zwischen 10 und 15 Millionen Dollar an Facebook beteiligt. FAZ-Netzökonom Holger Schmidt vermutete bereits gestern, dass das umtriebige Trio deutlich weniger für seinen Anteil gezahlt habe als Microsoft. Der Softwarekonzern legte im Herbst 2007 für eine Beteiligung von 1,6 Prozent an Facebook 240 Millionen Dollar auf den Tisch. Nun also sollen die Samwers Mark Zuckerberg und Anhang dabei helfen, in Europa erfolgreich Fuß zu fassen und lokalisierte Versionen zu starten. Brisant ist das jetzt bekannt gewordene Investment, da die Samwer-Brüder schon bei der Finanzierung des deutschen Facebook-Klons studiVZ mit dabei waren, der schließlich vor einem Jahr von der Verlagsgruppe Holtzbrinck für einen Betrag zwischen 80 und 100 Millionen Euro gekauft wurde. Egal ob es Alexander, Marc und Oliver Samwer nur darum geht, einen Anteil am im Moment angesagtesten und am schnellsten wachsenden Social Network zu besitzen, um diesen im Falle eines späteren Verkaufs oder Börsenganges vergolden zu können, oder ob mehr hinter der Entscheidung steckt – die Beteiligung verdeutlicht, wie nahe sich Facebook und studiVZ eigentlich sind und wie schnell es hinter verschlossen Türen zu unerwarteten, transatlantischen Abmachungen kommen kann. Damit werden erneut Fantasien angeregt, Facebook könnte studiVZ eines Tages vielleicht tatsächlich übernehmen. Gespräche gab es früher schon, und nun sitzen die Leute bei Facebook mit im Boot, die einst den studiVZ-Gründern Ehssan Dariani, Dennis Bemmann und Michael Brehm das nötige Kleingeld für einen erfolgreichen Start bereit stellten. Die beiden Letztgenannten sind noch immer bei studiVZ an Bord, das zwar samt seines erfolgreichen Ablegers schülerVZ weiter wächst, doch noch immer kein richtiges Mittel gefunden hat, endlich schwarze Zahlen zu schreiben.

Behält man dies im Hinterkopf, bringt es mit aktuellen Ereignissen wie der schwierigen Durchsetzbarkeit von Werbemaßnahmen in Verbindung und vergisst auch nicht, dass Facebook in absehbarer Zeit seine deutsche Version an den Start bringen wird, dann entsteht ein Gesamtbild, welches den Verkauf des verlustbringenden Studentennetzwerkes an Facebook so wahrscheinlich wie nie erscheinen lässt. Aber besser Punkt für Punkt:

Zehn Gründe, warum Facebook studiVZ kaufen könnte

1. Schlechte Ertragsaussichten für studiVZ

Obwohl studiVZ Deutschlands am häufigsten besuchte Website ist, eine Horde kostengünstiger studentischer Mitarbeiter beschäftigt und auf (teure) technische Innovationen verzichtet, hat man es bisher nicht in die Gewinnzone geschafft. Dass sich die vor einem Jahr getätigte Investition für Holtzbrinck zeitnah auszahlen wird, ist sehr unwahrscheinlich.

2. Ärger mit protestierender Nutzerschaft

Die Reaktionen der studiVZ-Mitglieder und Medien auf die umstrittene Änderung der Geschäftsbedingungen haben gezeigt, dass wirtschaftlich eventuell notwendige Schritte nur schwer durchsetzbar sind. Daran wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. Mit einem Verkauf wäre Holtzbrinck den Ärger und einen langfristigen Imageschaden durch das Abfärben der studiVZ-Geschehnisse auf den Verlag los.

3. Baldiger Deutschlandstart von Facebook

In absehbarer Zeit wird Facebook in Deutschland und anderen Ländern Europas sprachlich angepasste Versionen starten. Egal, wie stark die Netzwerkeffekte bei studiVZ die Mitglieder vom massenhaften Abwandern zu Facebook abhalten und wie gut die Chancen von Facebook sind, auch ohne einen Kauf von studiVZ schnell respektable Marktanteile zu gewinnen – mit der Akquisition wäre das alles viel einfacher und beide Seiten könnten sich den risikoreichen und mit Kosten verbundenen Konkurrenzkampf sparen.

4. Gefahr eines Wertverlusts von studiVZ

Noch wächst studiVZ, doch wie all die Skandale und Skandälchen um studiVZ sich langfristig auf das Social Network auswirken, ist noch nicht klar – besonders, da Facebook und anderen Konkurrenten nur einen Klick entfernt sind. Wenn Holtzbrinck vernünftig ist, wird es sich hüten, studiVZ verfallen, Mitglieder abwandern und den Wert der Plattform sinken zu lassen. Sattdessen könnte man verkaufen.

5. Samwers kennen studiVZ

Die Samwer-Brüder kennen studiVZ und die zwei im Unternehmen verbliebenen Gründer gut. Das ist sicher kein entscheidender Faktor, könnte aber das Zünglein an der Wage sein, würde Facebook sowieso mit Übernahmegedanken spielen.

6. Silicon Valley rechnet mit Akquisition seitens Facebook

Im Silicon Valley schien man eine Übernahme von Plaxo durch Facebook gestern nicht für unwahrscheinlich zu halten. Von 100 bis 200 Millionen Dollar war die Rede. Plaxo wird im Monat laut ComScore von rund 1,8 Millionen einzelnen Usern besucht und bietet im Prinzip nichts, was Facebook nicht schon hat – studiVZ dagegen besitzt, was Facebook noch fehlt, nämlich Millionen aktive deutsche Nutzer. Fürs selbe Geld bekäme man hier einiges mehr.

7. Die Verlockung der Facebook-Anteile

Würde Holtzbrinck studiVZ an Facebook verkaufen, wäre dies nicht unbedingt ein Zeichen, dass man beim Stuttgarter Verlag die Notbremse zieht. Die Facebook-Anteile, die bei einer Akquisition für die Schwaben drin wären, könnten einfach eine große Verlockung sein, bieten sie doch im Falle eines Verkaufs oder Börsengangs von Facebook erhebliche Renditechancen.

8. studiVZ basiert auf Facebook

studiVZ basiert optisch sowie technisch auf Facebook. Die Integration des deutschen Studentennetzwerks in die US-Plattform würde damit problemloser laufen als jede andere. Auch die Umgewöhnung für studiVZ-Mitglieder sollte angesichts der ähnlichen Struktur und Funktionalität nicht viel Zeit in Anspruch nehmen und problemlos von statten gehen.

9. Facebooks Deutschland-Connection

Nicht nur die Samwers kommen aus Deutschland. Auch Facebook-Investor Peter Thiel ist gebürtiger Deutscher. Gut möglich, dass studiVZ deshalb manchmal einen Blick mehr erhält als andere, für Facebook in Frage kommende Übernahmekandidaten. Definitiv nur ein "Soft Factor", aber manchmal sind diese ausschlaggebend.

10. London als Europazentrale für Facebook? Lieber Berlin!

Facebooks Europageschäft wird fürs Erste aus London gesteuert. Das mag für die Pre-Launch-Phase in Ordnung sein, doch langfristig würde sich Berlin als angesagte Stadt im Herzen des Kontinents besser für den Europasitz des Social Networks eignen als die Stadt auf der Insel. Wie wäre es mit der Saarbrücker Straße in Berlin-Mitte, wo studiVZ heute seine Behausung hat?!

Fairerweise muss man anmerken, dass sich sicherlich auch eine Liste mit Gründen zusammenstellen ließe, die gegen eine Akquisition sprechen. Zudem gäbe es im Falle eines Facebook-studiVZ-Deals diverse ungeklärte Fragen, allen voran die, ob das für die Zukunft wahrscheinlich besser aufgestellte schülerVZ ebenfalls Gegenstand einer solchen Übernahme wäre. Dies werden wir aber sehen, sofern eines Tages tatsächlich die Meldung einer Übernahme den deutschen Internetnutzern für einen Moment die Sprache verschlägt. Und vielleicht kommt ja auch alles ganz anders.

Update: Spiegel Online hat Alexander Samwer zum Facebook-Investment interviewt – inhaltlich erfährt man nichts wirklich Neues. Ganz so intensiv scheint er sich noch nicht mit seiner neuen Beteiligung auseinandergesetzt zu haben: Während er gegenüber Spiegel Online auf "mehr als 7.000 Anwendungen" bei Facebook verweist, gibt es in Wirklichkeit bereits mehr als 13.000 davon.

 

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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