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08.04.08

Das Problem mit der Gratiskultur im Web

itsfree.gifIn den letzten Tagen hat die Diskussion um die Nachteile des Kostenlostrends im Netz an Schärfe zugenommen. Das Thema ist zwar fast so alt wie das Internet selbst, mittlerweile jedoch aktueller als jemals zuvor. Hank Williams, New Yorker Unternehmer und Betreiber des unmissverständlich benannten Blogs Why does everything suck, machte kürzlich in zwei Gastbeiträgen bei Silicon Alley Insider auf die Ursachen, Auswirkungen und Gefahren der bei Web-Startups verbreiteten Überzeugung aufmerksam, man müsse seine Services möglichst kostenlos anbieten. Die Hauptschuld tragen laut Williams Kapitalgeber, die besonders in den USA Abermillionen Dollar in Neugründungen stecken und auf diese Weise einen Mentalität fördern, bei der Anbieter aufgrund eines anfänglich bequemen Finanzpolsters lediglich auf Nutzerwachstum aus sind, nicht auf Kundenwachstum (= zahlende Nutzer). Neben den auf der Suche nach dem großen Deal mit Geld um sich werfenden Investoren wurde der aktuelle Zustand des auf Gratisdienste fokussierten Internetgeschäfts nach Ansicht von Williams sehr stark von Google geprägt. Dank der Milliardengewinne aus dem Werbegeschäft, Googles bisher unerschöpflicher Cash Cow, kann sich der Such-, Werbe- und Webriese etwas leisten, was die meisten anderen Unternehmen mit Onlineaktivitäten nicht können: innovative Dienste entwickeln und diese unter Inkaufnahme von finanziellem Verlust kostenlos anbieten. Aktuellstes Beispiel dafür ist Google App Engine, das Entwicklern in der Basisversion eine Gratis-Infrastruktur zum Hosten ihrer Web-Applikationen bereitstellt und sich damit vor allem in Konkurrenz zu Amazons kostenpflichtigem Erfolgsprodukt Amazon Web Services (AWS) begibt.

 

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Google App Engine: Entwickler-Infrastruktur gratis.

Ungeachtet davon, ob Google App Engine wirklich eine Bedrohung für AWS darstellen wird oder nicht, ist Google App Engine sinnbildlich für die bisherige Vorgehensweise des Internetkonzerns aus Mountain View: Mit Querfinanzierung aus dem Werbegeschäft andere Dienste starten (oder kaufen), ohne sich um deren Wirtschaftlichkeit kümmern zu müssen. Auch Andreas Göldi greift die Problematik gewohnt umfangreich und wissenschaftlich bei Medienkonvergenz auf und kommt zum selben Schluss wie Hank Williams bei Silicon Alley Insider: die Internetbranche hat ein psychologisches Problem.

Dieses psychologische Problem existiert nicht nur auf Seiten der angloamerikanischen Kapitalgeber (in Deutschland sind die Investments vergleichsweise gering) und Internetstartups, die mit Blick auf Konkurrenten und Nutzerzahlen immer mehr Leistung gratis abgegeben. Betroffen davon sind auch viele Internetnutzer, die dazu erzogen wurden, im Web kostenlose Services zu erwarten. Als ich in meinem Beitrag Zehn Thesen zur digitalen Zukunft eine Renaissance bezahlter Inhalte prognostizierte, reagierte dieser Herr in einer Art und Weise (siehe These 7), die symptomatischer nicht hätte sein können. Da ist es dann nicht nur schwierig, mit sachlichen Argumenten zu antworten, sondern für Webunternehmen auch fast unmöglich, jemanden mit dieser Einstellung vom Gegenteil zu überzeugen und bei ihm die Bereitschaft zu fördern, für ausgewählte, qualitative Inhalte und Dienste im Web zu bezahlen.

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Während die derzeitige Entwicklung kurzfristig für User sehr erfreulich ist, kann sie zukünftig womöglich für lange Gesichter sorgen: dann nämlich, wenn junge Internetfirmen mit vielen aktiven Mitgliedern ihre Tore schließen müssen, weil Google, Yahoo und Microsoft sie nicht übernommen haben und ihnen nun das Geld ausgegangen ist. Hank Williams sieht eine Marktbereinigung und eine daraus resultierende Verknappung der Gratisangebote als Lösung für das Kostenlos-Problem, und Andreas Göldi hofft, dass irgendwann auch im Internet die Konsumenten wieder die alte Regel wiederentdecken "You get what you pay for...". Ich schließe mich an und verweise auf einen früheren Artikel von mir, in dem ich beschrieb, in welchen Fällen ich ein kostenpflichtiges einem kostenfreien Angebot vorziehe.

Es ist gut, dass die Risiken der Gratismentalität im Internet durch die derzeitige Diskussion ins Rampenlicht gerückt werden. Wirklich etwas ändern wird sich aber wohl erst, nachdem es zu der von Williams herbeigewünschten Marktbereinigung gekommen ist.

Foto via Flickr/Refracted Moments

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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