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22.05.07

Vier Bremer Studenten und der amerikanische Traum - Malte Gösche von iliketotallyloveit.com im Interview

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Im Dezember vergangenen Jahres gründeten vier Bremer Studenten die Social-Shopping-Plattform iliketotallyloveit.com. Statt sich wie die meisten deutschen Startups auf den hiesigen Markt zu konzentrieren, setzten die Gründer auf den US-Markt – mit großem Erfolg. Malte Gösche, einer der Mitbegründer der Seite, berichtet im Interview mit zweinull.cc über die Gründungsgeschichte, die Vor- und Nachteile der Aktivitäten auf dem boomenden US-Markt und die ablehnende Haltung mancher deutscher Medien.Hallo Malte. Beschreibe bitte kurz, was genau iliketotallyloveit.com ist.

iliketotallyloviet.com ist ein Service, der es Benutzern erlaubt, Produkte zu veröffentlichen, die sie cool, innovativ, besonders schön oder einfach nur seltsam finden und deshalb mit einer breiten Öffentlichkeit teilen möchten. Jedem Artikel ist ein Link zu einem Onlineshop beigefügt, worüber das Produkt bezogen werden kann. Ähnlich dem Onlinedienst Digg hat jeder Benutzer die Möglichkeit, fremde Vorschlägen zu bewerten. Je mehr für einen Artikel stimmen, desto höher ist die Chance, dass der Artikel auf der Titelseite landet und somit jedem, der die Seite aufruft, sofort ins Auge fällt. Es ist eine ArtPopularitätswettbewerb innerhalb der Benutzergemeinde: Ist das Produkt «loved« oder nicht?"

Wer steckt hinter dem Projekt und wie kam es zur Gründung?

Hinter der Seite stecken vier Bremer Studenten: Martin Albrecht, Till Backhaus, Malte Gösche und Silke Jahn. Wir hatten die Idee zu dem Projekt relativ spontan Anfang Dezember. Da wir alle kurz vor dem Studienabschluss standen/stehen, überlegten wir, ein DotCom aufzumachen - aus der einfachen Idee heraus, dass wir das noch nicht getan hatten. Gegen 22 Uhr hatten wir die erste Idee und vier Stunden später das Konzept fertig. Wir haben dann die folgenden zwei Wochen an unserer Idee gearbeitet und sind Mitte Dezember online gegangen.

Das nenne ich Spontaneität. Wie kamt Ihr denn auf den für eine Website sehr untypischen Namen «i like totally love it«?

Der Name ist genauso spontan entstanden wie die gesamte Idee. Wir wurden wahrscheinlich maßgeblich davon beeinflusst, dass einige von uns zwei Monate vorher zusammen Urlaub an der US-Westküste gemacht haben. Die Hommage an Kalifornien kam deswegen relativ schnell auf. Da wir keine Investoren glücklich zu stimmen hatten/haben, waren wir sehr frei in der Gestaltung und nicht darauf angewiesen, uns an die üblichen «Regeln« zu halten. Im Nachhinein hat sich der Name als Glücksgriff herausgestellt. Das konnten wir aber vorher nicht wissen. Wir fanden einfach, dass er das, was wir tun, relativ treffsicher ausdrückt: Es geht um Materialismus, der sich selbst nicht ganz ernst nimmt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Internet-Startups fokussiert Ihr Euch auf das englischsprachige Internet und dabei insbesondere auf den US-Markt. Warum das?

Der US Markt ist einfach am größten, sowohl hinsichtlich der potentiellen Nutzerzahl als auch im Bezug auf das Produktangebot. Deutschland hängt dem englischsprachigen Raum schon durchaus etwas hinterher, was die Adaption von Technologie und Umgang damit angeht. Ganz ehrlich gesagt: Wir lesen vor allem englischsprachige Gadget-/Mode-/Shopping-Blogs, daher war die Idee auch so nahe liegend.

Gibt es vergleichbare Angebote zu iliketotallyloveit.com?

Ich glaube, in diesem Bereich gibt es sonst nichts Vergleichbares, zumindest kenne ich es nicht. Natürlich gibt es andere Social-Shopping-Seiten wie ThisNext, Wists , Stylehive und Kaboodle im englischsprachigen und Shoppero und yieeha! im deutschsprachigen Raum. Direkt das gleiche Prinzip verfolgt jedoch keine andere Seite. Auch scheinen unsere Nutzer etwas weniger "Mainstream" zu sein als auf vielen anderen Social-Shopping-Plattformen. Die User schätzen an uns, über Dinge zu stolpern, von denen sie weder geglaubt hätten, dass es sie gibt, noch, dass sie sie benötigen würden.

In den USA tauchen täglich unzählige neue Web-2.0-Angebote auf. Da ist das Bekanntmachen und Hervorstechen aus der Masse nicht leicht. Wie macht Ihr das?

Keine Investoren im Rücken zu haben, hat den Nachteil, über kein Werbebudget zu verfügen. Deswegen setzen wir stark auf PR. Wir haben Blogs angeschrieben, ob sie nicht Lust haben, unsere Seite mal zu besprechen. Das Resultat war für uns sehr beeindruckend. Nach ein paar Monaten haben wir dann noch eine Pressemeldung herausgegeben.

Und was steht aktuell an?

Momentan sind wir damit beschäftigt, unseren Online-Shops unseren «Love this«-Button zur Verfügung zu stellen. Die Shops haben dadurch den Vorteil, dass sie potentielle Neukunden von uns bekommen. Für unsere Nutzer bedeutet dies eine größere Auswahl an Produkten, über die sie abstimmen können.

Welche Vorteile und Nachteile hat es, von Deutschland aus einen Webservice für den US-Markt zu betreiben?

Ein Vorteil ist natürlich, dass man nicht umziehen muss. Ein Nachteil ist, dass man nicht umzieht. Im Ernst: Natürlich ist es leichter, mit anderen Leuten z.B. aus dem Silicon Valley ins Gespräch zu kommen, wenn man da sowieso sitzt. Auf der anderen Seite wird inzwischen so viel über das Netz abgewickelt, dass es nicht wirklich wichtig ist, wo man sich befindet. Der US-Öffentlichkeit scheint es relativ egal zu sein, wo man herkommt, darauf ist doch eher die deutsche Öffentlichkeit fixiert: Entweder anerkennend, da wir es in verschiedene englischsprachige Blogs und Medien geschafft haben (Wired, Webware, Times T2),oder ablehnend.

Inwieweit ablehnend?

Es hat uns doch sehr verwundert, wie abweisend die deutsche Presselandschaft auf uns reagiert hat. Wir wissen, dass einige Medien sich weigerten, über uns zu berichten, weil wir englischsprachig sind. Mir scheint, dass manche sich hier zum Vertreter einer Gruppe aufschwingen zu versuchten, die es gar nicht gibt.

Plant Ihr denn auch eine deutsche Version?

Wir haben zunächst überlegt, direkt mit einer englischen und einer deutschen Seite zu starten, uns dann aber wegen des Arbeitsaufwandes dagegen entschieden. Jetzt schauen wir, wie sich die Hauptseite entwickelt und werden, sobald wir die Zeit dafür finden, auch eine deutsche Plattform launchen. Gleichzeitig glauben wir aber, dass die deutschen Nutzer, die unsere Seite nutzen würden, kein Problem mit dem Englischen hätten. Schwerwiegender dürften die hohen Portokosten z.B. aus den USA nach Deutschland sein.

Was ist Euer Ziel? Wo wollt Ihr in einem Jahr stehen?

Heute stehen wir immer noch verwundert vor unserem Projekt. Wir hätten wirklich nicht gedacht, dass es so rasant voran geht, wie es die letzten Monate gezeigt haben. Wir haben uns wohl als ein Teilnehmer im Social-Shopping-Bereich etabliert. Jetzt geht es darum, diese Position auszubauen. In einem Jahr wollen wir das Projekt professionalisiert haben und mit verschiedenen Global Playern über Übernahmen diskutieren :-)

Abschließend: Was findest Du besonders toll am Web 2.0, was besonders schlecht?

Besonders schlecht: diese "r"s ohne "e"s aber mit zwei "oo" (Anmerkung: siehe hier). Besonders gut: Die Technologie hat sich so weit entwickelt, dass es relativ leicht ist, eine Projektidee in wenigen Wochen umzusetzen und einfach auszuprobieren. Man hat dadurch viele Freiheiten.

Siehe auch

Nach der Digg-Revolte - YiGG-Gründer im Interview

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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