<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

16.12.07

Eine kleine studiVZ-Presseschau

studiVZAm Freitag beschrieb ich , warum Tech-Blogs im Jahr 2007 für mich zur favorisierten Quelle für Nachrichten rund um Internet- und Web-2.0-Themen geworden sind und weshalb ich die Berichterstattung verlagsgeführter, journalistischer Angebote in diesem Zusammenhang für mangelhaft halte. Nur Stunden später wurde quasi auf dem goldenen Teller eine neue Bestätigungen dafür geliefert, dass diese Kritik berechtigt ist: Die angekündigte Änderung der AGB von studiVZ sorgte von Freitag bis heute für viele Schlagzeilen und wieder wurde deutlich, dass eine große Zahl der namhaften Onlinezeitungen und -magazine beim Verfassen von Artikeln zu Internetthemen nicht die gleich Sorgfalt an den Tag legen, wie sie es in anderen Bereichen (üblicherweise) machen. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man nicht einmal die Artikel selbst lesen. Meist tritt die erste Ungenauigkeit bereits in der Überschrift auf. Hier ein kleiner Schlagzeilen-Check:

Welt Online: StudiVZ verkauft Nutzerdaten

So brachte Welt Online am Freitagmorgen die Lawine ins Rollen. Unter einem "Verkauf von Nutzerdaten" stelle ich mir vor, dass explizit Namen, E-Mail-Adressen und Handynummern zusammen mit Profilangaben an Unternehmen verkauft werden. Davon war aber auch in der ersten AGB-Neufassung von studiVZ, die schließlich leicht entschärft wurde, nicht die Rede. Später änderte Welt Online seine Schlagzeile zu "Heftige Kritik an Datenplänen des StudiVZ", was aber nicht minder falsch ist – Geht es nicht um gezielte Werbung? Und was sind eigentlich "Datenpläne"?

Welt Online: StudiVZ lenkt nach Welt-Online-Bericht ein

Nach der Entschärfung der AGB und der Entfernung einiger kritischer Punkte klopft sich Welt Online selbst auf die Schulter und vergisst dabei völlig, dass netzpolitik.org bereits am Donnerstag über das Thema berichtete UND dass Welt Online die Leser mit einer unwahren Überschrift im Prinzip belogen hat.

PC-WELT: StudiVZ verkauft über 4 Millionen Nutzerdaten

Noch einen Zacken schärfer, noch ein bisschen mehr Unwahrheit.

RP Online: Verkauf von persönlichen Daten - Was StudiVZ-Nutzer jetzt beachten müssen

RP Online verwendet nicht nur eine unwahre Überschrift, sondern kann sogar in die Zukunft sehen: "Die Nutzer der Online-Plattform StudiVZ erwartet mit Änderung der Geschäftsbedingungen ab Januar eine Werbemail-Flut" eröffnet der Artikel. Wenn das nicht Panikmache ist, was dann?

taz: Vom StalkerVZ zum StasiVZ

Unsachlicher geht es nicht, aber von der taz kann man sicher nichts anderes ewarten. Immerhin ist es kreativ.

SWR.de: Wer seine Daten nicht rausrückt, fliegt

studiVZ-Nutzer müssen die neuen AGB bis zum 9. Januar bestätigen. Wer das nicht macht, dessen Profil wird am 31. März gelöscht. Die Daten wurde ja längst "rausgerückt". Sehr unklar, wieso sich der öffentlich-rechtliche Südwestrundfunk einer solch fragwürdigen, plakativen Schlagzeile bedient. Gilt nicht immer noch der Grundsatz, Journalisten sollten einigermaßen neutral berichten?

heute.de: Datenausverkauf bei StudiVZ?

Bei weitem keine neutrale Überschrift, aber man mag sie noch durchgehen lassen. Dass aber auch das ZDF auf Provokation aus ist, wird beim Lesen des Artikels deutlich: "Künftig sollen die persönlichen Daten aller vier Millionen Mitglieder kommerziell genutzt werden. Datenhandel inklusive." Datenhandel? Von einem Handel mit den Daten war meines Wissens nach keine Rede, sondern nur von einer Nutzung der Mitgliederdaten für gezielte Werbung. Werbungtreibende erhalten keine Daten, sondern können ihre Werbung gezielter ausliefern.

Spiegel Online: StudiVZ setzt auf Schnüffel-Werbung

Auch Spiegel Online, das führende Nachrichtenangebot im deutschsprachigen Internet mit hohem Qualitätsanspruch, kann der Versuchung einer brisanten Schlagzeile nicht widerstehen. Da spielt es keine Rolle, dass jeder seine ganz eigene Definition für "Schnüffel-Werbung" hat. Zumindest der Artikel ist dann aber moderater und sachlicher. Aber ganz unter uns: Wäre nicht auch Spiegel Online froh, wenn es mit "Schnüffel-Werbung" (=auf die Interessen und Vorlieben der Leser ausgerichtete Werbung) seine Anzeigenumsätze erhöhen könnte?

ZDNet.de: Studi-VZ plant angeblich Werbung nach Facebook-Vorbild

Für manche sicher eine Kleinigkeit, aber würde und sollte nicht jeder Redakteur versuchen, Personen- und Firmennamen grundsätzlich korrekt zu schreiben? Mal sehen, wann ZDNet.de das nächste Mal über Micro-Soft oder Bit-kom berichtet.

 

tariftip.de: StudiVZ will Werbung einführen

tariftip.de zählt nicht unbedingt zu Deutschlands führenden journalistischen Webangeboten aber sollte in dieser Liste trotzdem nicht fehlen. Immerhin zeigt dieser Artikel, wie unspektakulär eine Schlagzeile sein kann. Inhaltlich ist sie natürlich vollkommen falsch, Werbung gibt es bei studiVZ bereits seit April.

Ich finde es besorgniserregend, wie wenig grundlegende journalistische Maßstäbe bei diesem Thema (und vielen anderen früheren Artikeln rund um Internet-Meldungen) beachtetet werden. Fehler macht jeder, aber die offensichtliche Unkenntnis über Zusammenhänge und das völlige Abweichen von der Neutralität sind Dinge, die dem Image redaktioneller Qualitätsangebote Schaden zufügen.

Um nicht nur zu kritisieren sondern auch positive Beispiele aufzuzeigen, hier die korrekten und sachlichen Aufmacher einiger anderer Nachrichtenangebote (wobei eine nachträgliche Änderung bzw. Entschärfung der jeweiligen Schlagzeile nicht ausgeschlossen werden kann).

Kölner Stadt-Anzeiger: StudiVZ nutzt Personendaten werblich

derStandard.at: studiVZ plant Werbung nach Facebook-Vorbild

CIO Online: studiVZ nutzt Mitglieder-Daten ab Januar für gezielte Werbung

Focus Online: StudiVZ-Nutzerdaten - Verwirrung um vermeintlichen Skandal

Frankfurter Rundschau: StudiVZ personalisiert Werbung

 

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer