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23.11.12

"Zeitungskrise" links liegen gelassen: Zeit Online startet offene Entwicklerschnittstelle

Die New York Times und der Guardian machen es bereits. Nun zieht erstmals ein führendes deutsches Nachrichtenangebot nach: Heute startet Zeit Online seine Content API für Entwickler.

Wie sorgt man in Tagen, in denen ganz Mediendeutschland über die "Zeitungskrise", ihre Gründe und ihre Auswirkungen debattiert, als Nachrichtenangebot für Aufmerksamkeit? Sicherlich, Jammern ist eine Möglichkeit. Besser: Man nutzt das allgemeine Rampenlicht, um ein neues, hierzulande einzigartiges Projekt zu präsentieren. Genau diese Taktik verfolgt Zeit Online, der beliebte, schon mehrfach durch einfallsreiche journalistische Experimente positiv in Erscheinung getretene Onlineableger der Wochenzeitung Die Zeit: Am heutigen Freitag gibt Zeit Online, das unter den reichweitenstärksten Nachrichtenangeboten in Deutschland laut AGOF den achten Platz belegt, den Startschuss für die Zeit Online Content API. Dabei handelt es sich um eine offene Schnittstelle, die sämtliche digitalisierten Artikel der Zeit sowie von Zeit Online in maschinenlesbarer Form zugänglich macht. Das Zeit-Archiv umfasst über 225.000 seit 1946 veröffentlichte historische Artikel. Schon bisher sind diese online abrufbar, konnten jedoch nicht automatisiert von Drittanwendungen prozessiert und für individuelle Nutzungsszenarien verwendet werden. Mit der Content API ändert sich dies.

Zur Stunde veranstaltet die Zeit Online-Redaktion in ihrem Berliner Newsroom einen Hackday - es könnte der erste Hackday eines deutschen Verlagshauses überhaupt sein. Interessierten Entwicklern wird die Möglichkeit geboten, sich mit der API vertraut zu machen und diese live vor Ort auszuprobieren.

Mit der Schnittstelle will die Zeit Online GmbH Programmierer dazu animieren, Anwendungen und Apps zu entwickeln, die Nutzern das einfachere Navigieren in den großen Textmengen erleichtern. Vorstellbar sind sowohl eigenständige Services, die einen visuell aufgehübschten, themen- oder zeitspezifischen Zugang zu dem Archiv gewähren, als auch Mashups mit anderen Onlinediensten. Etwa eine Karte, die Koordinaten mit Zeit-Artikeln verknüpft, welche den jeweiligen Ort behandeln, oder ein Projekt, das Anhand von datierten Foto- oder Videoaufnahmen verwandte, zum entsprechenden Zeitpunkt publizierte Texte der Zeit ausgibt. Ich bin mir sicher, dass die Besucher des Hackdays und andere Entwickler viel kreativere, sinnvollere Einfälle haben als diese von mir skizzierten, äußerst oberflächlichen.

Zeit Online setzt mit diesem wie bereits erwähnt in Deutschland unter den General-Interest-Angeboten bisher einmaligen Vorstoß (bei den Fachmedien bietet zumindest Golem.de ebenfalls eine API) ein Zeichen: Nicht in der Verknappung einmal digitalisierter Inhalte sieht das in Hamburg ansässige Medienunternehmen seine Zukunft, sondern in der möglichst flexiblen Zugänglichmachung. Jeder Entwickler und jedes Onlineangebot, das von der API Gebrauch macht, bindet Leser an die Site, schafft Loyalität und erhöht die Reichweite. In der Beta-Version der API ist offiziell noch keine Volltextausgabe von Texten vorgesehen, allerdings kann ein spezieller API-Schlüssel erfragt werden. Zudem darf die API derzeit nur für nicht-kommerzielle Projekte verwendet werden. Es ist davon auszugehen, dass Zeit Online nach dem Ende der Beta auch darüber nachdenken wird, den (kommerziellen) Volltextzugriff auf die API zu monetarisieren.

Vorbild für die API von Zeit Online sind die New York Times und der Guardian, die schon seit einigen Jahren entsprechende Angebote betreiben. Während die New York Times über die API keine vollständigen Artikel ausliefert, gestattet der Guardian den kompletten Zugriff auf die Inhalte - entweder kostenfrei, womit das Recht von Werbeeinblendungen innerhalb der die API nutzenden Drittangebote einher geht, oder gegen Bezahlung.

Auch wenn der Launch dieser Vorhaben nun schon eine Weile zurückliegt, kann man es nur begrüßen, dass sich jetzt auch ein führendes deutsches Verlagsangebot zu einem entsprechenden Schritt durchringen kann. Dass Zeit Online diese Vorreiterrolle einnimmt, überrascht kaum.

Der Zeitpunkt für das API-Debüt könnte kaum besser gewählt sein. Da die Sorge um das geliebte Druckerzeugnis die meisten Vertreter der Verlagsbranche ständig nur in die Vergangenheit blicken und über verzweifelte Rettungsmaßnahmen für altehrwürdige, aber augenscheinlich überholte Geschäftsmodelle sinnieren lässt, kommt es mehr als gelegen, dass wenigstens ein renommierter Akteur den Blick nach vorne richtet. Dass diese Rolle nicht vom Onlinableger einer Tageszeitung übernommen wird, sollte niemanden verwundern.

Disclaimer: Zeit Online syndiziert sporadisch Artikel von netzwertig.com.

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