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06.06.11

Xing-CEO Dr. Stefan Groß-Selbeck: "Xing ist eben nicht nur eine Ansammlung von Lebensläufen"

Mit einem umfangreichen Redesign will Xing sich für die Zukunft und den Kampf um die Aufmerksamkeit der Business-Netzwerker fit machen. Im Interview bezieht Xing-CEO Dr. Stefan Groß-Selbeck Stellung zum Relaunch sowie zu Themen rund um die zukünftige Entwicklung des Geschäftsnetzwerkes.

 

Am morgigen Dienstag gibt das Geschäftsnetzwerk Xing offiziell den Startschuss für seine grundlegend überarbeitete Benutzeroberfläche (Update 18:00 Uhr: Das neue Interface ist bereits online). Der Relaunch stellt die größte Veränderung des Dienstes aus Hamburg dar, seit Dr. Stefan Groß-Selbeck Ende 2008 die Rolle des Vorstandsvorsitzenden von Xing-Gründer Lars Hinrichs übernahm.

Im Interview mit netzwertig.com erläutert Groß-Selbeck, der vor Xing vier Jahre als Geschäftsführer von eBay Deutschland tätig war, die Philosophie hinter dem neuen Konzept. Er erklärt auch, wie sich Xing auf eventuelle Kritik an der Benutzeroberfläche vorbereitet und beschreibt, wie sich das Business Network dauerhaft gegen den US-Konkurrenten LinkedIn behaupten will.

Herr Dr. Groß-Selbeck, Sie sind nun fast zweieinhalb Jahre Vorstandsvorsitzender von Xing. Mit welchen Gedanken blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Sie war sehr ereignisreich. Das Team ist enorm gewachsen und mittlerweile fast doppelt so groß wie damals. Dabei haben wir besonders den Anteil der Mitarbeiter in der Produktentwicklung erhöht, von 20 Prozent Ende 2008 auf etwa 40 Prozent heute. Die Plattform wurde kontinuierlich weiterentwickelt, wobei die größte Veränderung mit dem jetzigen Relaunch kommt. In den letzten Monaten haben wir außerdem noch stärker als bisher mit unseren Nutzern gearbeitet: Jede Woche kommen ausgewählte Mitglieder in unser User Lab und geben uns Feedback zu einzelnen Funktionen und Diensten, z.B. in Form von Tiefeninterviews sowie Eye Tracking. Diese Einbindung des Anwenders in den Entwicklungsprozess von Xing ist mittlerweile ein wichtiger Teil unserer Kultur. Und natürlich hat sich auch das Umfeld verändert: Social Networks sind endgültig im Mainstream angekommen - sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext. Dementsprechend stark ist unsere Mitgliederzahl in den vergangenen zweieinhalb Jahren gestiegen, von sieben auf über zehn Millionen.

Welche Philosophie steht hinter dem neuen Xing?

"Das eigene Netzwerk im Fokus“: Im Zentrum sollen meine Kontakte stehen. Um sie geht es beim Netzwerken. Sie liefern mir Ideen, Anregungen und eröffnen mir neue geschäftliche Möglichkeiten. Deshalb steht das Netzwerk auch physisch im Mittelpunkt der Seite. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf radikaler Vereinfachung. Bei der Schaffung mobiler Applikationen ist diese aufgrund des kleinen Bildschirms eine Notwendigkeit - doch dieser Ansatz funktioniert eben nicht nur bei Smartphone-Apps sondern auch sehr gut, wenn man mit der Maus am PC sitzt. Wir haben uns für das neue Xing stark von Erkenntnissen aus der mobilen Welt sowie vom Feedback unserer User inspirieren lassen und folgen der Devise "Eine Seite, eine Funktion".

Grundsätzlich reagieren Benutzer sozialer Netzwerke sensibel auf Veränderungen. Wie bereiten Sie sich auf eventuelle Proteste gegen die neue Oberfläche vor?

Wir haben sehr früh damit begonnen, die anstehenden Änderungen zu kommunizieren. Unsere aktivsten Nutzer - Xing-Ambassadors und Gruppenmoderatoren - wurden von uns persönlich benachrichtigt und konnten an Workshops teilnehmen, in denen wir die Neuerungen vorgestellt und erklärt haben. Auf der persönlichen Xing-Homepage befindet sich schon seit längerem ein Peel-down, der auf den Relaunch hinweist und zu einer Seite führt, auf der Designer und Produktmanager die neue Oberfläche und Struktur erklären. Durch eine frühzeitige und deutliche Kommunikation versuchen wir, das "Denkmalenthüllungsphänomen" zu verhindern. Gleichzeitig sind wir uns aber darüber im Klaren, dass wir mit Kritik und Protesten rechnen müssen. Das gehört zu einem umfangreichen Redesign dazu. Daher gilt: Mental stark sein, auf Nutzerfeedback hören, in Fällen mit berechtigten Klagen schnell reagieren und unterscheiden zwischen dem, was User sagen und wie sie sich auf der Plattform bewegen. Die gesamte Firma steht in dieser Woche auf Standby.

Xing hat zwar in den letzten Jahren einige Funktionen für Basis-Mitglieder geöffnet, die früher nur zahlenden Nutzern angeboten wurden. Dennoch gibt es noch einschneidende Beschränkungen wie die fehlende Möglichkeit für Basis-Anwender, Nachrichten an Nicht-Kontakte zu versenden. Wollen Sie Nutzern der Gratis-Version weiter entgegen kommen?

Wir werden in nächster Zeit eine Reihe neuer Features vorstellen, die sich sowohl an Premium- als auch an Basis-Mitglieder richten. Konkrete Pläne, in nächster Zeit weitere Premium-Features für Basis-Nutzer freizugeben, gibt es momentan nicht.

Xing ist Marktführer im deutschsprachigen Bereich. Wie wichtig sind für Sie andere europäische Länder? Zuletzt haben Sie ja Mitarbeiter aus Spanien und der Türkei abzogen.

Den Großteil unseres Geschäfts machen wir im deutschsprachigen Europa. Hier sind wir klare Nummer eins und wachsen schneller als der Wettbewerb. Wirtschaftlich sehen wir hier auch unser größtes Potenzial. Rund 100 Millionen Menschen leben im D-A-CH-Raum, Xing hat hier knapp fünf Millionen Mitglieder. Momentan nutzen hier nur rund fünf Prozent der Bevölkerung Geschäftsnetzwerke. In den Niederlanden, England oder in den USA erreichen Geschäftsnetzwerke zehn bis 15 Prozent. Der deutschsprachige Raum hinkt also noch etwas hinterher, wird aber aufholen. Dieses Potenzial möchten wir nutzen, weshalb wir uns entschieden haben, uns auf das Produkt zu konzentrieren. Wir haben die Produktentwicklung letztes Jahr zentralisiert und arbeiten seither daran, ein einheitliches, optimales Produkterlebnis für alle Nutzer weltweit zu schaffen. Das neue XING ist ein wichtiger Meilenstein.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass sich der Marktanteil zwischen Xing und LinkedIn im deutschsprachigen Raum nicht auf ähnliche Weise zu Gunsten des US-Anbieters verschiebt wie im Falle der VZ-Gruppe und Facebook?

Zum einen haben wir eine hervorragende Ausgangsposition: mehr Mitglieder, eine höhere Aktivität und ein schnelleres Wachstum. Zum anderen unterscheidet sich Xing in einem sehr wichtigen Punkt grundlegend von unserem Wettbewerber: Unsere Vision ist es seit jeher, zwischen Menschen einen Kontakt herzustellen, die sich bisher nicht kannten, die aber über gemeinsame Anknüpfungspunkte für geschäftliche Beziehungen verfügen. Darauf sind wir vom Produkt und Geschäftsmodell ausgerichtet. Das erklärt auch, warum wir eine höhere Aktivität haben. Xing ist eben nicht nur eine Ansammlung von Lebensläufen und Adressbüchern. Das Geschäftsmodell des Wettbewerbers baut stattdessen darauf auf, den Zugang zu den Nutzerprofilen zu verkaufen, die sonst nicht einsehbar sind. Bei Xing hingegen hat jedes Basismitglied Zugriff auf alle zehn Millionen Profile. Dies ist ein Unterschied, der gerne übersehen wird, aber meines Erachtens nach wesentlich ist.

Könnte Xing eines Tages von LinkedIn übernommen werden?

Ich bin Vorstand einer börsennotierten Aktiengesellschaft. Rein theoretisch kann immer jemand kommen und sagen, ich biete jetzt XY für eure Aktien. Aber das steht überhaupt nicht auf der Agenda.

Wie läuft denn die Zusammenarbeit mit Burda?

Die läuft hervorragend. Burda ist unser größter Einzelaktionär und bekanntlich ein Familienunternehmen, das investiert, wenn es an das Konzept, die Firma und das Management glaubt. Das war und ist bei Xing der Fall. Punktuell gibt es eine fruchtbare Kooperation, z.B. beim Mediaeinkauf, ansonsten besteht die Zusammenarbeit primär darin, dass Burda uns als größter Aktionär in unserer Strategie unterstützt.

Bisher befindet sich die kürzlich vorgestellte "Xing Connect"-Funktion zur Authentifizierung über Xing-Benutzerdaten auf externen Websites lediglich im Testbetrieb. Wie wahrscheinlich ist eine offizielle Implementierung?

Sehr wahrscheinlich. Kurz vor einem wichtigen Relaunch kann ich dazu keine Details verkünden, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Xing Connect offiziell starten.

Das "Xing Connect"-Team hat das Feature in der "Zehn-Prozent-Arbeitszeit" entwickelt, die Xing-Mitarbeitern für eigene Projekte zur Verfügung steht. Dies könnte man als strategische Vernachlässigung einer potenziell wichtigen Funktion deuten...

Googles AdSense-Produkt ist auch in der freien Zeit einiger Programmierer entwickelt worden. Dass unsere Entwickler und Produktverantwortlichen einen Teil ihrer Zeit investieren, um innovative Produkte nach eigener Inspiration voranzutreiben, ist absolut strategisch.

Trotz regelmäßig guter Quartalszahlen wird Xing gerne in Frage gestellt. Nervt Sie das?

Dass wir ein hohes Maß an Aufmerksamkeit auf uns ziehen und es da auch kritische oder fragende Stimmen gibt, ist etwas Gutes. Es wäre doch schade, wenn es niemanden interessieren würde, was wir machen.

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