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19.12.12

Wirbel um die Instagram-AGB: Versagen auf ganzer Linie - bei allen

Auch eine Dekade, nachdem das Internet zum Massenmedium aufgestiegen ist, sprechen Onlinedienste, Nutzer und Journalisten nicht die gleiche Sprache. Beim Wirbel um die neuen Instagram-AGB versagten alle Parteien.

Rund 15 Jahre, nachdem das Internet erstmals in die Wohnzimmer der Endkonsumenten fand, und eine Dekade nach dem Aufstieg zum Massenmedium, verläuft die Kommunikation zwischen Onlinediensten, Anwendern und Journalisten noch immer wie die zwischen Zweijährigen, die gerade Sprechen gelernt haben. An einem echten Verständnis füreinander mangelt es völlig. So lautet mein Fazit aus der Aufregung um die veränderten Instagram-Geschäftsbedingungen. Alle drei beteiligten Parteien haben dabei auf ganzer Linie versagt - Facebook/Instagram, Journalisten, Nutzer. 1. Facebook/Instagram

Sofern es sich nicht um einen ganz abgebrühten Versuch handelt, sich ins Gespräch zu bringen, dann muss man Instagram-Besitzerin Facebook schon eine erhebliche Naivität und Ignoranz vorwerfen. AGB-Änderungen mit wenigen Worten in einem Blogbeitrag bekanntzugeben und dann Nutzer sowie Journalisten selbst nach den Veränderungen suchen und sich ihre eigenen Interpretationen basteln zu lassen, ist aus Sicht eines Dienstes mit der Relevanz von Instagram ganz einfach dumm. Wenn ein Unternehmen mittlerweile gelernt haben sollte, mit welchen Fehltritten man die Öffentlichkeit gegen sich aufbringt, dann Facebook. Wie man Geschäftsbedingungen ganz vorbildlich und ohne Missverständnisse erklärt, zeigt die Foto-Community 500px (danke @TeraEuro für den Hinweis). Und natürlich gibt es Terms of Service; Didn’t Read.

2. Journalisten

Wie Berichterstatter aus den veränderten Geschäftsbedingungen reißerische Skandalmeldungen machten, schockte mich regelrecht. Schnell war plump vom "Verkauf der Nutzerbilder" die Rede, und das bei renommierten Medien, denen man durchaus eine gewisse Intelligenz unterstellen möchte. Ein Wille, den Sachverhalt objektiv zu beurteilen, und der Versuch, von der Schilderung völlig unrealistischer Auswirkungen zugunsten einer sachlichen Berichterstattung abzusehen, keine Spur. Marcel Weiß hat die peinliche Leistung der "Qualitätsmedien" gestern in einem lesenswerten Beitrag beschrieben (fairerweise sei erwähnt, dass US-Medien ins selbe Horn bliesen). Dass das in der Nacht von Instagram gegebene Versprechen, die Bedingungen weniger missverständlich zu formulieren, jetzt von Spiegel Online als "Einknicken von Instagram" bezeichnet wird, ist die Krönung der Eskapaden.

3. Nutzer

In Teilen hat die fehlende Fähigkeit von Facebook/Instagram, die Änderungen auf eine pädagogische, eindeutige Weise zu kommunizieren, sowie die Desinformation der Medien die seit gestern etwa bei Twitter und Facebook zu vernehmende Empörung vieler User zu verantworten. Gleichzeitig muss man jedoch wieder einmal feststellen, dass noch immer viele Endnutzer nicht verstanden haben, dass die führenden kostenfreien Onlinedienste nicht das Interesse der Nutzer in den Vordergrund stellen, sondern ihr wirtschaftliches Wohlbefinden. Dies bedeutet natürlich nicht, dass sie deshalb User vollkommen vor den Kopf stoßen können. Doch dass früher oder später Maßnahmen ergriffen werden, um ein Angebot wie Instagram zu monetarisieren, das MUSS Usern vom ersten Tag der Nutzung des Dienstes bewusst sein, und sie müssen ihre Aktivität von Beginn an daran ausrichten. Wie sich manche Anwender darüber echauffieren, dass ein Unternehmen nun Geld mit ihren in zwei Sekunden erstellten Schnappschüssen verdienen kann, erscheint außerdem scheinheilig, bedenkt man, wie Privatanwender des Typus Instagram-Zielgruppe sonst die größten Verfechter eines gelockerten Urheberrechts sind, das ihnen die bedenkenlose Nutzung und Weiterverbreitung von fremden Fotos, Videos und anderen Inhalten gestattet. Würde dann jedoch irgendjemand vom Instagram-Bild ihrer gerade verspeisten Pizza wirtschaftlich profitieren, dann sollen dafür plötzlich die strikten Urheberrechts- und Vergütungsregeln des vergangenen Jahrhunderts herangezogen werden. Ganz egal, dass schon eine Million anderer völlig wertloser Pizza-Bilder existieren. Insofern zeigt sich in der Empörungswelle auch die Überbewertung der eigenen Quick-and-Dirty-Kreativarbeit mancher Social-Web-Anwender.

Das Traurige ist jedoch: Mein Hoffnung, dass 2013 alle an der Netzwirtschaft partizipierenden Akteure besonnener reagieren, ist gering. Aber sie stirbt natürlich zuletzt.

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