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25.03.08

Wir haben uns vertan

Wired hat sich grundlegend geirrt – und gibt die falsche Einschätzung heute, mehr als zehn Jahre später, unumwunden zu: "We Were Wrong". Leider ist so eine transparente und ehrliche Berichterstattung noch die Ausnahme.

Wired was wrong (Screenshot wired.com)
Wired was wrong (Screenshot)

Es war 1997, die Computerfirma Apple stand am Abgrund – da gab Wired, das nerdige amerikanische Technologieheft, der maroden Firma ein paar Tipps mit auf den Weg. Schließlich wussten die Redakteure ganz genau, was eine erfolgreiche Firma im Silicon Valley ausmacht. Gönnerhaft schrieben sie auf, wie Apple in Zukunft Geschäfte machen sollte.

Der zwischenzeitlich geschasste Apple-Gründer Steve Jobs war gerade zurück auf dem Chefsessel. Er tat das genaue Gegenteil von dem, was Wired ihm geraten hatte. Äußerst erfolgreich. Wired lag vollkommen daneben – und kann das Jahre später, anlässlich einer großen Geschichte über den Erfolg von Apple, auch augenzwinkernd zugeben:

In June 1997, as Apple teetered on the brink of bankruptcy, Wired decided to offer some friendly advice, 101 tips to save the ailing company. We added an extra one on the cover: "Pray."

That idea was more useful than many of our other suggestions. The very first: "Outsource your hardware production, or scrap it entirely." Hmm. Today, 83 percent of Apple's revenue comes from sales of hardware like iPods, iMacs, and iPhones.

We urged Apple to consider an assortment of ill-advised partnerships. "Sell yourself to IBM or Motorola," we said. We also suggested Apple team up with a bigger company like Sony, Sega, or Oracle. It's hard to imagine Apple thriving under Motorola ? the outfit that couldn't milk a cash cow like the RAZR ? or Sony, whose Walkman brand was rendered obsolete by the iPod.

And then there was the worst idea of all: Switch to Windows NT. Ugh.

Leider ist diese Richtigstellung bemerkenswert. Denn eigentlich sollte es dazugehören, die eigenen Prognosen und Zukunftsszenarien regelmäßig zu überprüfen. Allein: Es kommt so gut wie nie vor. Aber ist denn eingetreten, was prophezeit wurde? Und warum nicht? Auch das kann eine interessante Geschichte ergeben. Wir hatten gute Gründe zu der Annahme, dass – es kam ganz anders, weil.

Ist etwa die gefürchtete Selbstreferentialität schuld?

Spiegel-Cover MaskenballWie wäre es denn zum Beispiel, den Anfang vergangenen Jahres ausgerufenen Run auf die digitale Ersatzwelt Second Life ein Jahr später noch einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen? Der Spiegel – nur ein Beispiel unter vielen – brachte damals einen gar euphorischen Text über das pixelige Rollenspiel (und medienlese.com machte Screenshots der Ausgabe). Eine typische Trendgeschichte:

Alles im Wunderland

Mehrere Millionen Menschen haben sich in der Internet-Plattform "Second Life" eine neue Wirklichkeit geschaffen. Sie schlüpfen in erfundene Identitäten und leben unter ihren Masken ihre Träume aus. Jetzt mischt sich die künstliche Parallelwelt immer stärker in die Realität ein. (Spiegel, 17. Februar 2007)

Es geht gar nicht darum, dass der Text zum damaligen Zeitpunkt grundfalsch gewesen wäre. Tatsächlich werden die merkwürdigen Geschäfte auf der virtuellen Inselwelt gezeigt, wird gefragt, warum es im vermeintlichen Paradies denn immer nur um Geld ginge.

Aber dass man sich rückblickend möglicherweise doch etwas verhoben hat, was die Auswirkungen, die Durchschlagskraft, das Massenphänomenale anbelangt – diese Frage könnte man sich heute, ein gutes Jahr später, stellen.

Auf Spiegel Online gibt es einen vorsichtigen Anfang, dort verteidigt Christian Stöcker die andauernde Berichterstattung über Second Life.

Aufrichtigkeit gegenüber dem Leser beinhaltet nicht nur, offensichtliche Fehler zuzugeben. Gerade bei den Themen Computer, Internet und Technologie gibt es viel zu deuten, zu erwarten, zu prognostizieren. Und so vorsichtig dabei auch vorgegangen wird, es kommt meistens ganz anders.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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