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09.12.10

Wikileaks: Gefahr für die Netzneutralität

Wikileaks ist keine Revolution, sondern eines ihrer Symptome. Aber möglicherweise das mit den bisher schwerwiegendsten Konsequenzen: Es dürfte zu einer breiten Allianz gegen die Netzneutralität führen.

Der neudeutsche "Shitstorm", den dieser Tage Unternehmen wie die Schweizer Postbank Postfinance über sich ergehen lassen müssen, weil sie der Organisation Wikileaks die Zusammenarbeit entzogen hat, wird seine Spuren hinterlassen. Und auch wenn wir sie dannzumal nicht mehr als solche erkennen werden, werden wir wahrscheinlich darunter zu leiden haben.

Die Skriptkiddies und Cyber-Anarchos, die in heller Empörung Paypal, Mastercard und eben Postfinance mit DDoS-Angriffen überziehen und deren Facebook-Seiten mit Beschimpfungen zumüllen, leisten ihrer eigentlichen Absicht den gleichen Bärendienst, für den ich auch zunehmend das Vorgehen von Wikileaks halte.

Die sehr beschränkte Machtdemonstration wird eine unbeschränkte und langanhaltende Gegenbewegung aus einer unheiligen Allianz von Wirtschaftsvertretern, Konzernsauriern und Politikern zur Folge haben, die sich bereitwillig vor den Karren jener Leute spannen lassen, welche unter dem Vorwand staatspolitischer und gesellschaftlicher Räson aus purem Eigenininteresse die Netzneutralität und die freie Architektur des Internets zu zerstören versuchen.

Das wird ihnen natürlich nicht gelingen, aber wie sehr unsinnige Regulierungen und politische Panikmache die Entwicklungsmöglichkeiten einschränken und bereits eingefallene Mauern durch neue Zäune zu ersetzen vermögen, brauche ich angesichts der Grotesken, welche sich namentlich Deutschland mit Internet-Regulierungen leistet, wohl niemandem zu erklären.

Das folgende ist nicht mehr als meine sprichwörtlichen "two cents" zum Thema. Aber als Journalist sehe ich die Vorgänge in einem anderen Licht als viele Kollegen, welche Wikileaks für eine Revolution und den "alten Journalismus" für überholt und korrupt halten.

Die Revolution ist nicht Wikileaks

Die Revolution besteht nicht in Wikileaks, sondern im Internet. Das ist eine banale Feststellung. Welch breite disruptive Wirkung die Technologie haben könnte, wissen wir seit mehr als einem Jahrzehnt; dass sie zugleich ungeheure Chancen bietet, wissen zumindest all jene, die sich damit tagtäglich auseinandersetzen. Allerdings gibt es auch viele Interessensträger, welche die Chancen als Gefahren für ihre Geschäftsmodelle erkannt haben und seither nach einer Argumentation suchen, das Internet in streng kontrollierte Bahnen zu kanalisieren.

Wikileaks ist eine grundsätzlich begrüssenswerte Erscheinung, die in der Übergangsphase garantieren könnte, dass der Journalismus von den Verlagen nicht trotz serbelndem Geschäftsmodell im Austausch gegen protektionistische Regulierungen der Politik geopfert wird. Wenn ein "neutrales" Gremium als Anlaufstelle für Whistleblower dafür sorgt, dass keine (öffentlichkeitsrelevante) Information mehr durch Absprachen und Einflussnahmen aus den Medien gehalten werden kann, gibt es für diese Medien auch keinen Grund mehr, solche Absprachen zu treffen.

Einschub: Eigentlich sollte der Markt diese Garantie leisten, aber zumindest in den USA ist seit 9/11 auch in namhaften Medienhäusern eine Bereitschaft zum Kuschen zu erkennen, die über alles bisher dagewesene hinausgeht und ihre Ursachen in einer Mischung aus wirtschaftlicher Bedrohung (durch das Internet) und politischer Gleichschaltungs-Polemik hat.

Die Absicht der Wikileaks-Gründer und Träger könnte aber nach hinten losgehen. Nämlich dann, wenn die Wirkung des "Vorzeigeportals" Wikileaks in der Summe geringer ausfällt als die Reaktion, die sie hervorruft.

Deswegen erscheint mir der Frontalangriff auf die USA das Falscheste, was man derzeit zur Stärkung der Internet-Demokratie und der Informationsfreiheit tun kann. Wer jubelt, dass Wikileaks (ausschliesslich mit Hilfe der alten Medien) in den Schlagzeilen stehe und den Politikern gezeigt habe, was eine Harke ist; wer Unternehmen angreift, die sich aus dem Tauziehen mit legitimen Mitteln raushalten wollen, der liefert den Gegnern Argumente für mehr Kontrolle, mit denen die unentschiedene (und ignorante) Mehrheit überzeugt werden wird.

Erst jetzt und erst durch das Aufsehen rund um Wikileaks nämlich hat wohl auch der hinterste amerikanische Lokalpolitiker verstanden, dass Wikileaks (lies: das Internet) jederzeit all seine Machenschaften an die Öffentlichkeit bringen und er nichts dagegen unternehmen kann. Er wird deswegen ohne jeglichen Sachverstand jedem Kontrollversuch zustimmen.

Man kann von den USA halten, was man will, aber sie waren bisher der wichtigste Garant von Netzneutralität und Redefreiheit. Den Macht- und Geldhabern in dieser Situation zu zeigen, dass diese Freiheiten letzlich für sie selbst zur grössten Bedrohung überhaupt werden könnten, klingt nicht nach einer Strategie.

Rohe Daten sind keine Information und keine Öffentlichkeit

Das wäre anders, wenn die bisherigen Veröffentlichungen von Wikileaks über alle Zweifel erhaben und ihr Nutzen für die Gesellschaft eindeutig erkennbar wäre. Aber was Wikileaks derzeit vor allem beweist, ist, dass

  • verfügbare Daten noch nicht Information sind;

  • dass die alten Medien noch immer ein quasi-Monopol auf Aufmerksamkeit haben und

  • dass letzlich Verschwörungstheorien und der Thriller rund um die Information mehr interessiert als diese selbst.

Abgesehen davon, dass jeder einen in Gang bringen kann, hat sich also an den Informationsflüssen noch nichts geändert. Auch nicht an den journalistischen Prozessen, die über Jahrhunderte entstanden sind und aus Beschaffung, Beurteilung, Aufbereitung und Verbreitung bestehen.

Denn rohe Daten sind noch keine Information, und Information ist noch keine Öffentlichkeit. Wer Öffentlichkeit schaffen will, braucht Information plus Relevanz und / oder Interesse. An den grundlegenden Abläufen, wie aus rohem Wissen Öffentlichkeit entsteht, vermag das Internet und ganz bestimmt Wikileaks allein noch nichts zu verändern. Betroffenheit ist Trumpf, und wer sich filmen lässt, wenn er ein Kätzchen quält, muss nicht mehr nur den Lokalsender und die Polizei, sondern eine weltumspannende Internet-Hetzjagd fürchten. Dass das mehr interessiert als tiefgreifende Gesetzesanpassungen, daran hat das Internet noch nichts geändert.

Journalisten haben nicht aus Spass auf ethische und moralische Regeln bei der Verarbeitung von Daten zu Öffentlichkeit geachtet, sondern aus simplen ökonomischen Notwendigkeiten. Ein Informant, den man preisgibt, wird einem nicht nur nichts mehr erzählen, sondern auch andere Informanten ("Whistleblower") abschrecken; wenn man irrelevante Vorgänge unnötig ans Licht zerrt, werden Quellen versiegen, wenn man Unwahrheiten kolportiert oder Einzelinteressen aufsitzt, wird das Publikumsvertrauen schwinden.

Wikileaks unterliegt diesen Regeln genauso wie jedes andere Outlet. Als ungefilterte Datenhalde verliert es Brisanz, ohne Redaktion verkommt es zum Verleumdungsportal, und durch Gewichtung wiederum wird es zum Interessenträger.

Die Ignoranz zum Gegner machen

Das ist es bereits, indem seine Macher öffentlich ankündigen, wen sie "aufs Korn nehmen" werden. Das wäre weiter nicht schlimm, denn selbst beim Untergang von Wikileaks wird ja nicht die Idee für einen "Steinbruch geprüfter, unkommentierter Daten" im Internet untergehen.

Aber die aktuelle Provokation macht bisher unbeteiligte, ignorante und mächtige Leute zu radikalen Gegnern der Presse- und Redefreiheit, die gerade jetzt dank des Internets auf extrem viel weitere Kreise als die "Presse" ausgeweitet werden könnte.

Die Wikileaks-Macher haben eine grössere Verantwortung als die Journalisten, weil die innerhalb alter Regelsätze operieren, während Wikileaks die Entstehung der neuen mitprägt. Weil ohnehin klar ist, dass auch Wikileaks - wie jede Redaktion - allein schon durch die Auswahl der Themen Stellung bezieht (um nicht zu sagen einer Agenda nachkommt), sollte die auf einer Strategie beruhen, die weiter geht als einen möglichst hohen Aufmerksamkeitsgrad zu erreichen.

Vielleicht sehe ich es ja nicht, aber derzeit scheint mir Wikileaks die Aufmerksamkeit vor allem der falschen Leute zu gewinnen.

Die Revolution wird nicht mehr gestoppt, aber sie könnte einen wesentlich blutigeren und weniger erfolgreichen Ausgang nehmen, nur weil zu früh ein paar schlafende Hunde geweckt wurden.

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