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21.09.10

Widersprüche gegen Street View: Wo liegt Googles Schmerzgrenze?

Gut 1,5 Millionen Wohngebäude gibt es in den 20 Städten, in denen Google mit Street View starten möchte. Für wie viele davon müsste ein Widerspruch eintreffen, damit Google sein Vorhaben auf Eis legt?

 

Noch bis zum 15. Oktober können Bürger online oder per Post Vorab-Widerspruch gegen eine Darstellung ihrer Hausfassade bei Google Street View einlegen. Der 3D-Kartendienst soll Ende des Jahres in 20 deutschen Städten online gehen - sofern Google nicht vorher das Handtuch wirft.

Laut Spiegel Online sollen bereits "Hundertausende Bürger" einen Antrag auf Löschung ihrer Hausfassade gestellt haben. Angesichts der tagelangen, breiten und höchst unsachlichen Street-View-Debatte Anfang August kommt ein derartig starkes Interesse an der Widerspruchsmöglichkeit nicht überraschend.

Auf eine Anfrage von uns äußerte sich Google leider nicht konkret zu der Spiegel-Meldung. Sprecherin Lena Wagner verwies lediglich darauf, dass derzeit die eingegangenen Widersprüche von E-Mail-Spam und Doppelungen gereinigt werden (manche Bürger haben gleich auf mehreren Wegen Einspruch eingelegt), weshalb momentan keine seriöse Zahl der Widersprüche genannt werden könne.

Doch die Frage, die ich mir stelle: Wo liegt Googles Schmerzgrenze? Wie viele Häuser müssten verpixelt werden, damit der Internetkonzern Street View in Deutschland auf Eis legt? Oder würde er den Service selbst dann launchen, wenn ein Viertel oder Fünftel aller abgebildeten Wohnhäuser nicht zu erkennen sind?

Zur Bewertung der vom Spiegel kolportierten Dimension an eingegangenen Widersprüchen muss man einige Besonderheiten des Verfahrens berücksichtigen: Google wird keine spezifischen Fensterpartien unkenntlich machen, sondern die komplette Außenfassade eines Hauses verpixeln, sobald ein valider Antrag dazu eingegangen ist - selbst dann, wenn andere Bewohner kein Problem mit Street View haben.

Angenommen, die Zahl der eingegangenen Widersprüche liegt derzeit zwischen 200.000 und 300.000 (das wäre meine Interpretation von "Hundertausende Bürger"), dann erscheinen bis zum Ablauf der Frist am 15. Oktober 400.000 Widersprüche durchaus vorstellbar. Von diesem Wert muss man eine in ihrer Höhe unbekannte Summe an Widersprüchen abziehen, die von verschiedenen Wohnungseigentümern oder Mietern aus dem selben Haus eingereicht wurden. Angenommen, 25 Prozent. Die endgültige Zahl an unkenntlich zu machenden Häuserfronten läge dann bei über den Daumen gepeilten 300.000.

Welche Auswirkungen hätten 300.000 verpixelte Häuserfassaden - von denen ein unbekannt großer Teil aus Regionen und Orten kommt, die nicht zu den 20 Street-View-Städten gehören - auf das Erscheinungsbild der 3D-Karten? Um darauf eine Antwort zu erhalten, hilft ein Blick auf statistische Angaben zur Wohnsituation in Deutschland:

Laut Statistischem Bundesamt gab es 2008 in Deutschland 40.057.869 Wohnungen und 17.950.185 Wohngebäude. Rund 15 Millionen Menschen, also ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Deutschlands, leben in den 20 von Google für den initialen Street-View-Start vorgesehenen Städten (Einwohnerzahlen von Wikipedia, Liste der Städte siehe Artikelende).

Die vom Bundesamt ebenfalls aufgeschlüsselten Gebäudezahlen pro Stadt, Landkreis und Regierungsbezirk zeigen, dass in Großstädten im Durchschnitt 9-10 Personen in einem Wohnhaus leben (z.B. München: 1.330.440 Millionen Einwohner 2009, 133.458 Wohngebäude 2008, Mannheim: 311.969 Einwohner 2009, 40.063 Wohngebäude 2008). Ergo wird Street View in den 20 Städten gut 1,5 Millionen Wohngebäude abbilden.

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Offen ist, wie viele der oben geschätzten 300.000 zu entstellenden Häuserfronten sich in den 20 von Google für Street View vorgesehenen Städten befinden. Wären es alle, würde damit jedes fünfte Wohnhaus unkenntlich gemacht werden müssen. Realistischer ist jedoch, dass nur die Hälfte der 300.000 "uniquen" Häuserfassaden in den 20 Städten zu finden sind - in diesem Fall würde jedes zehnte Wohnhaus bei Street View nicht zu erkennen zu sein. Einen Unsicherheitsfaktor in dieser Schätzung stellen staatliche, gewerbliche und industrielle Immobilien dar, welche beim Betrachter die Wahrnehmung des Verpixelungsgrads von Wohngebäuden stören könnten.

Sofern also die für mich plausibel klingenden Informationen des Spiegel stimmen und sofern meine Schätzung nicht an einem Punkt komplett daneben liegt, werden die deutschen Street-View-Metropolen zwar nicht bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, aber die Chance, in einem virtuellen Straßenzug auf die ein oder andere stark verschwomme, eine Häuserfront verbergende Fläche zu stoßen, ist groß.

Damit komme ich zur Eingangsfrage: Es ist unklar, ob Google intern einen "Verpixelungsgrad" definiert hat, ab dem der Webgigant sein Street-View-Projekt in Deutschland einstellen würde. 10 Prozent klingt für mich aber sehr nach Schmerzgrenze. Ich bin noch immer der Ansicht, dass ein Rückzug ein wichtiges Zeichen setzen und Politikern, Datenschützern und sonstigen Skeptikern spüren lassen würde, dass sie wegen ihrer Engstirnigkeit und Rückwärtsgewandtheit etwas verpassen, das Menschen in anderen Ländern mit viel Freude und ohne Nebenwirkungen nutzen können.

Zumal spätestens seit dem gestrigen "Geo-Gipfel" klar ist, dass selbst nach einem eventuellen Start von Street View in Deutschland der Ärger noch lange nicht vorbei wäre. Mit jeder Weiterentwicklung des Dienstes müsste sich das Unternehmen erneut dem (über)kritischen Blick seiner Überwacher aussetzen. Unter diesen Umständen auf dem Kartenservice ein Geschäftsmodell aufbauen zu wollen, mit dem Geld verdient werden soll, erscheint aus heutiger Sicht wie ein unerfüllbarer Traum.

Würden es de Maizière, Leutheusser-Schnarrenberger und Aigner es als Sieg betrachten, wenn Google seine Pläne für einen Street-View-Launch in Deutschland streichen würde? Zu Beginn vermutlich ja. Innerlich würden sie jedoch schnell merken, dass sie und ihr Land etwas verpassen. Eventuell braucht Deutschland ein solches Gefühl, um endlich seine digitale Trägheit abzulegen.

Die 20 Street-View-Städte: Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn, Bremen, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Nürnberg, Stuttgart und Wuppertal.

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