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18.11.14

Wi-Fi-Hauptstadt Hamburg: Der verfrühte Jubel über kostenloses WLAN

Hamburg will in die WLAN-Offensive gehen und gemeinsam mit Unternehmen an vielen Stellen der Stadt kostenlosen Internetzugang ermöglichen. Ähnliche Pläne gibt es auch in New York, allerdings haben die Amerikaner an vielen Stellen weiter gedacht als die Hanseaten.

Beispiel für einen „LinkNYC“ Hotspot inklusive LCD für Werbung. Beispiel für einen „LinkNYC“ Hotspot inklusive LCD für Werbung.

Wenn eine Stadt dafür sorgen will, dass auf ihrem Gebiet kostenloses WLAN zur Verfügung steht, klingt das erst einmal nach einer guten Idee. Wie „Die Welt“ berichtet, ist das genau, was Hamburg vorhat. Die Hansestadt wird hier gar schon zur „Hotspot-Hauptstadt“ gekürt. Der Hamburgische Senat will dazu mit Unternehmen zusammenarbeiten. Diese Offensive ergänzt andere, bereits laufende Bemühungen. Die Deutsche Telekom ist mit 700 Hotspots an der Elbe vertreten, das Unternehmen willy.tel will bis 2020 gar 7.000 Zugangspunkte im Stadtgebiet einrichten.

Interessant sind solche Angebote vor allem für Touristen aus dem Ausland, die auf diese Weise ohne teures Roaming auf das mobile Web zugreifen können. Sicherlich wird sich außerdem der eine oder andere Bürger der Stadt freuen, der nur über einen kleinen Datentarif verfügt. Zudem könnte es die bisweilen überforderten Mobilfunknetze entlasten. Praktischer Nutzen fragwürdig

Allerdings sollte man die Erwartungen an solche Angebote zum einen niedrig halten und ihren Sinn und Zweck zum anderen auch hinterfragen. So zeigt sich in der Praxis oftmals, dass die freien, offenen WLANs kaum nutzbar sind. Die installierten Router und der Internetzugang sind nicht selten überfordert mit der Zahl WLAN-fähiger Geräte in ihrem Einzugsbereich – so jedenfalls meine ganz persönlichen Erfahrungen. Wer genauer nachsehen will, dem sei die Seite rottenwifi.com empfohlen, auf der sich die Qualität öffentlicher WLANs nachlesen lässt.

Darüber hinaus sollte man Datensicherheit und Datenschutz im Auge behalten, wenn man sich in einem öffentlichen Wi-Fi bewegt, das zudem auch noch kostenlos von einer Firma zur Verfügung gestellt wird. Dass kein Unternehmen dieser Welt etwas zu verschenken hat, ist bekannt. Sich als Stadt mit „freiem WLAN“ zu brüsten und die Refinanzierung dann den Unternehmen zu überlassen, ist meiner Meinung nach nicht mehr als Marketinggeklingel. Zumal bei einem flächendeckenden Angebot noch ein weiteres Problem hinzukommt: Dann lassen sich sehr einfach Bewegungsprofile erstellen, denn jedes WLAN-fähige Gerät funkt in der Regel eine eindeutigen ID in die Umgebung („MAC-Adresse“). Apple hatte für sein neues Mobil-Betriebssystem iOS 8 damit geworben, dass iPhones und iPads stattdessen eine zufällige ID senden – was sich allerdings als nur sehr eingeschränkt korrekt herausgestellt hat.

„LinkNYC“ geht über freies WLAN hinaus

Während man solche und ähnliche Bedenken auch gegen das Vorhaben New Yorks für ein stadtweites Gratis-Wi-Fi haben kann, sind die Pläne dort an einigen Stellen durchdachter. So geht es hier beispielsweise u.a. darum, die inzwischen nur noch wenig gebrauchten öffentlichen Telefone zu WLAN-Hotspots aufzurüsten. Vorhandene Infrastruktur wird mit dem „LinkNYC“ genannten Projekt also neu genutzt. Die Zugangspunkte werden zugleich zu nützlichen Anlaufstellen: In die eleganten Aluminium-Stehlen sind Android-Tablets mit vorinstallierten Apps integriert. Wessen Gadget auf die schnelle ein wenig Strom braucht, wird hier ebenfalls bedient. Und nicht zuletzt: Telefonieren geht auch und ist innerhalb der USA sogar kostenlos.

Alles das wird über ein altbekanntes Mittel finanziert: Werbung. Eine der beiden vorgestellten Stehlenmodelle hat auf beiden Seiten ein LCD, das sich für Reklame nutzen lässt – oder für wichtige Informationen im Katastrophenfall, Verkehrsinformationen und andere Services. Darüber sollen sich diese Nachfolger der Münztelefone nicht nur refinanzieren, sondern der Stadt New York in den nächsten 12 Jahren sogar 500 Millionen US-Dollar einbringen. Naturgemäß wird Vandalismus hier ein Problem sein, aber dazu hat die Stadt schließlich schon Erfahrungen mit ihren Touchscreen-Informationstafeln für die U-Bahn gesammelt.

Während beim Hamburger Projekt „kostenloses WLAN“ als alleiniges Argument ausreichen muss, baut New York also stattdessen eine Infrastruktur auf, die gleich mehrere Zwecke erfüllt und Geld einbringt. Natürlich muss sich noch zeigen, ob die Rechnung der Macher aufgeht, aber immerhin wurde hier gleich soweit gedacht.

So löblich es ist, dass man in der Hansestadt an der Elbe nun soweit gekommen ist, kostenloses WLAN als wichtig anzusehen: Auf der anderen Seite des großen Teichs zeigt man, dass sich daraus sehr viel mehr machen lässt.

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