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27.11.12

WhatsApp und Co: Die heimliche Sehnsucht der Nutzer nach weniger Vielfalt

Ideen wie Second Screen, Instant Messaging oder People Discovery setzen sich schwerer durch, wenn zu viele Anbieter den gleichen Ansatz verfolgen. Die Nutzer wünschen sich insgeheim, auf nur einem oder zwei Diensten alle ihre Freunde zu finden. Tun sie das, spielen Sicherheitsbedenken kaum noch eine Rolle.

Der Erfolg von WhatsApp ist nicht so einfach zu erklären. Der mobile Instant Messenger ist weder der beste, noch der einzige seiner Zunft. Das Unternehmen gibt sich zugeknöpft, liest Adressbücher aus, spottete lange jeglichem Datenschutz. Konkurrenten gibt es zu Hauf, KikYuilop oder mySMS sind nur einige Beispiele. Warum also WhatsApp? Vielleicht gerade, weil die Menschen diese Vielfalt nicht wollen. Wenn man alle seine Freunde auf fünf Dienste verteilt hat, kommt man aus dem App-Management gar nicht mehr heraus. Einigt man sich stillschweigend auf WhatsApp, haben es alle Seiten viel bequemer. Der Messenger aus Kalifornien war zwar nicht als erster da, aber er bot eine bequeme Lösung zu einer Zeit, als Sicherheitsbedenken bei den Early Adopters weniger weit verbreitet waren als heute. Als Multiplikatoren führten sie den Dienst nach und nach im Freundeskreis ein. Die Konkurrenz hatte von da an praktisch keine Chance mehr. Dabei hat Samsung mit ChatOn eine sicherere Lösung für mittlerweile nahezu alle Plattformen vorgestellt. Die Mobilfunkindustrie will mit Joyn einen eigenen SMS-Ersatz lancieren - doch der muss erst einmal in den Köpfen der Nutzer und vor allem auf ihren Mobiltelefonen ankommen. Anwender von einer etablierten Lösung abzubringen, gelingt allenfalls mit einer noch bequemeren Lösung, dem Zuspruch wichtiger Multiplikatoren und einem massiven Marketingbudget.

Es ist der gleiche Grund, warum Google+ noch nicht den Stellenwert von Facebook erreicht hat oder warum eigentlich jede Second-Sceen-App sich sehr schwer tut. Es gibt jeweils zu viele davon. Google+ konkurriert mit Facebook und Twitter. Für Second Screen, eigentlich ein spannendes Thema, gab es von Anfang an sehr viele Dienste national wie global. Sich mit Freunden oder der Welt über Lieblingsserien oder das laufende Fernsehprogramm auszutauschen, macht Spaß. Tun kann man das aber sowohl auf Miso , Get Glue, IMDB, Zapitano, Tweek.tv oder, recht neu, wywy. Wie soll man sich mit seinen Freunden über das laufende Fernsehprogramm unterhalten, wenn diese auf drei, vier, fünf Plattformen verteilt sind? Deswegen findet Second Screen derzeit vor allem auf Twitter und Facebook statt, Netzwerken, auf denen man ohnehin Zeit verbringt.

Dienste, die Erfolg haben, sind als erster dran, liefern einen guten Service und begeistern früh wichtige Multiplikatoren. Twitter machte seinerzeit die Kommunikation über 140 Zeichen als erster marktreif und fand regen Zuspruch bei den Early Adopters; zahlreiche Copycats kamen da zu spät. Instagram feiert Erfolge, weil die Mischung aus Fotofiltern, Community und Ökosystem in der Form zuvor von niemandem erfolgreich abgedeckt worden war. Die schnell wachsende Masse an aktiven Mitgliedern erschwerte es anderen Diensten, dem Platzhirsch den Rang abzulaufen. Social Gifting hingegen war ein Thema, das von Wrapp , Dropgifts und Karma angeboten - und praktisch von Facebook vereinnahmt wurde, als das Social Network im Zuge seines Börsengangs Karma übernahm.

Hat der Herdentrieb eingesetzt, ist das Rennen praktisch entschieden

Das Thema Location wurde einst bedient von Foursquare, Yelp, Amen, Qype, Friendticker , Gowalla und später Facebook. Der Markt hat sich inzwischen konsolidiert, weil sich Location bisher als weniger lukrativ erwies, als der Trend einst versprach. Foursquare hat als Nummer eins mit Problemen zu kämpfen, Facebook übernahm Gowalla, Yelp erwarb Qype; bei Friendticker passiert nicht mehr viel, Amen kämpft seit dem ersten Tag gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. Ähnlich sieht es mit People Discovery aus: Highlight , Glancee, Sonar, Banjo, Uberlife und, wenn man so will, auch Aka-Aki und Gauss buhlten um die Krone. Heute trägt sie keiner. Facebook kaufte Glancee, um einige der Funktionen zu integrieren und den kleinen Diensten das Wasser abzugraben. Der vermeintliche Trend könnte sich als kurzer Hype entpuppt haben. Hätte ein einzelner Dienst die Idee alleine für sich gehabt, wäre das Rennen anders verlaufen.

Nachdem viele junge Entwickler erkannt haben, dass sie mit Startups theoretisch reich und berühmt werden können, werden Ideen an mehreren Orten der Welt fast zeitgleich umgesetzt. Für die Entwicklerteams wird es deswegen zunehmend schwerer, etwas bahnbrechend Neues zu entwickeln, schnell umzusetzen und die kritische Masse zu erreichen, noch bevor eine schlagkräftige Konkurrenz entstehen kann. Ist der Nutzen nicht einleuchtend, geht vielen Diensten meist recht schnell die Luft aus. Ist es etwas, was den Menschen wirklich noch gefehlt hat, suchen sie sich irgendwann den einen oder maximal die zwei Dienste selbst aus, die sie dafür für am geeignetsten halten. Hier folgt man meist der Herde und geht einfach dorthin, wo die Freunde schon sind. Sicherheitsbedenken werden dann oft in den Wind geschlagen: Je mehr Bekannte einen Service nutzen, desto eher hält man ihn für seriös; egal, ob er es ist oder nicht. WhatsApp kann ein Lied davon singen.

Lässt sich dieser Herdentrieb beeinflussen? Gründer wie Kai Tietjen vom in der vergangenen Woche vorgestellten Location Based Chatdienst F1eld hoffen auf Pioniere, die als Multiplikatoren dienen und dann für den Netzwerkeffekt, sprich: Herdentrieb, sorgen. Hat der erst einmal eingesetzt, braucht eine mögliche Konkurrenz die Marketing-Maschinerie fast gar nicht mehr anzuschmeißen; dann ist der Zug bereits abgefahren. Doch überhaupt an diesen Punkt zu gelangen, ist mehr als eine Kunst.

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