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31.08.12

WhatsApp nimmt die USA ein: Mobiler Chatdienst auf stiller Welteroberungsmission

Schon länger dominiert WhatsApp den Markt der mobilen Chatdienste in Europa. Jetzt führt der aufmerksamkeitsscheue Anbieter aus Kalifornien auch in den USA die Downloadcharts an. Kaum ein Startup wächst momentan schneller.

Vor gut neun Monaten beschrieben wir, wie sich mit WhatsApp ein mobiler Chatdienst anschickt, ein alternatives soziales Netzwerk aufzubauen. Im Gegensatz zu vielen anderen Aspiranten auf einen solchen Status geschieht dies bei dem Dienst aus der Google-Stadt Mountain View nahezu im Stillen, dafür umso effektiver. Das Unternehmen ist bekannt für seine zurückhaltende Pressearbeit. Auf der WhatsApp-Website wird beispielsweise keinerlei Pressekontakt angegeben, und auch mit der Bekanntgabe öffentlicher Meilensteine halten sich die Kalifornier zurück.

Nach wie vor mangelt es an verlässlichen, aussagekräftigen Statistiken zur Nutzung von WhatsApp. Unsere Anfragen an den Dienst blieben stets unbeantwortet. Vor wenigen Tagen aber gab der Nachrichtenservice in einem ungewöhnlichen Akt von Offenheit per Twitter bekannt, nun zehn Milliarden Mitteilungen täglich zu handhaben - wobei diese Zahl eingehende und ausgehende Nachrichten summiert. Jeden Tag werden vier Milliarden Textnachrichten mit WhatsApp geschrieben, sechs Milliarden gehen bei Anwendern der App ein. Grund für dieses ungleiche Verhältnis ist die Gruppenchatfunktion. Durchschnittlich erreicht damit eine verschickte WhatsApp-Nachricht 1,5 Empfänger. Noch vor zehn Monaten mussten "lediglich" eine Milliarde ein- und ausgehende Mitteilungen pro Tag verarbeitet werden. Dies heißt im Klartext, dass sich das Volumen an Textbotschaften seit unserem WhatsApp-Porträt Ende vergangenen Jahres verzehnfacht hat. Ein beeindruckender Wert.

Erster Platz in den US-iTunes-Downloadcharts 

Ein Grund dafür, warum das 2009 gegründete Startup vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit in der Tech-Presse erhält, war seine bisher vergleichsweise geringe Verbreitung in den USA. Entsprechend wenig wurde der Dienst von den dortigen Technologiemedien beachtet, was zu unserem Eindruck beitrug, dass hier relativ unbemerkt ein möglicher Gigant am Entstehen ist. Auch wenn Apples online einsehbare App-Charts etwas anders behaupten - seit zwei Wochen belegt WhatsApp, das für 79 Euro-Cent gekauft werden muss, auch in den USA den Spitzenplatz der Hitliste bezahlter Apps (geprüft mit einem für den US-App-Store gültigen Login). Platzhirsch ist die Anwendung unter anderem auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Australien, Belgien, Griechenland, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Neuseeland und Spanien. Ein Blick auf die Statistik des Analytics-Anbieters AppAnnie zeigt: In ganzen 126 von 167 iTunes-Ländern belegt WhatsApp den Spitzenplatz in den Downloadcharts. Deutlich weniger populär scheint WhatsApp bei Android-Nutzern zu sein, obwohl die App dort im ersten Jahr kostenfrei angeboten wird - oder die AppAnnie-Statistik ist fehlerhaft.

Nutzerzahl im dreistelligen Millionenbereich ist realistisch

Eine ältere Schätzung aus dem vergangenen Jahr ging von 100 Millionen WhatsApp-Anwendern aus. Das Unternehmen hat sich dazu bisher nicht geäußert. Aber die jüngsten Angaben zu den versendeten vier Milliarden Nachrichten erlauben natürlich Spekulationen. Würde jeder WhatsApp-Anwender durchschnittlich zehn Mitteilungen pro Tag verschicken, entspräche dies 400 Millionen aktiven Nutzern. Bei pro Tag 100 ausgehenden Nachrichten läge die Zahl aktiver Anwender bei 40 Millionen. Der korrekte Wert liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Mit konzeptionellen Weiterentwicklungen hält sich der Dienst von der US-Westküste traditionell zurück. Neue Features gibt es selten, und Pläne für eine Webversion oder eine API existieren laut einer Meldung vom Jahresbeginn auch nicht. Lediglich was die Sicherheit der Anwendung betrifft, gab es in jüngster Zeit ein entscheidendes Update: Mittlerweile werden die Nachrichten der Nutzer nicht mehr wie bisher im Klartext sondern verschlüsselt versendet. Der Service sah sich davor immer wieder Kritik an seinem laxen Umgang mit dem Thema Datenschutz ausgesetzt. Angesichts des Zwangs, WhatsApp Zugriff auf das eigene Adressbuch zu geben, wird sich daran auch künftig nichts ändern.

Eigenwillige Strategie, die funktioniert

Auch die Einführung einer Verschlüsselung wurde nicht etwa an die große Glocke gehängt sondern schlicht als FAQ-Eintrag veröffentlicht. Whats-App Gründer Jan Koum und sein Team bleiben damit ihrer für das Silicon Valley extrem unkonventionellen Linie treu, möglichst wenig mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Während eine derartige Vorgehensweise gegen alle Regeln von gutem Marketing verstößt und in ihren Ausmaßen sogar das zugeknöpfte Verhalten von Apple übertrifft, gibt der Erfolg den WhatsApp-Machern Recht. Allein die Tatsache, dass der von den deutschen Mobilfunkanbietern als SMS-Nachfolger propagierte Mitteilungsdienst Joyn in der Presse als "WhatsApp-Konkurrent" tituliert wird , spricht Bände.

In einem seltenen Interview gab WhatsApp-Gründer und -CEO Jan Koum Ende 2011 zu verstehen, keine Intentionen eines Verkaufs zu hegen. Dennoch wird mit der zunehmenden Verbreitung auch das Interesse möglicher Käufer zunehmen. Wer diese sein könnten, darüber mögen andere mutmaßen, aber ein Vergleich der Google-Trends-Graphen von Google+ und WhatsApp etwa illustriert, das WhatsApp selbst für die Big Player nicht unattraktiv erscheint. Speziell die, die nicht Facebook heißen. Mit lediglich einigen wenigen konzeptionellen Justierungen und viel Feingefühl ließe sich WhatsApp auf einen Schlag in ein mobiles soziales Netzwerk transformieren, das es in puncto Anwenderzahl und Nutzeraktivität im mobilen Segment mit Branchenprimus Facebook aufnehmen könnte. Ein solcher Gedanke ist für einige der führenden Netzfirmen der Stoff, aus dem Träume gemacht sind.

 

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