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27.10.11

WhatsApp, Kik und Viber: Datenschutz als Bremsklotz der Vernetzung

Die Welt sozialer Netzwerke ist ungerecht: Anbieter, die sich an die Konventionen halten, werden zu Geisterstädten, während Regelbrecher sich vor Nutzern kaum retten können. Die mobilen Apps Kik, WhatsApp und Viber verdeutlichen dies exemplarisch.

 

Wenn ich mit Freunden oder Bekannten per mobiler Kurznachricht kommuniziere, versuche ich, die in ihrer Zeichenlänge begrenzte und je nach Tarif auch kostenpflichtige SMS zu vermeiden und stattdessen per Smartphone-Chatdienst zu kommunizieren. Wie ich bereits in einem älteren Beitrag dargelegt habe, nutze ich hierfür den kanadischen Dienst Kik.

Doch leider hat dieser in Europa eine äußerst geringe Verbreitung. Abgesehen von einigen Kontakten, die ich selbst zum Einsatz von Kik bewegen konnte, begegnen mir selten Personen, welche die Kik-App installiert haben und somit über den kostenfreien Service für mich erreichbar sind. Einer vergleichbaren Applikation dagegen ist es gelungen, in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine kritische Masse zu erreichen, nämlich WhatsApp.

Genaue Benutzerzahlen zu WhatsApp sind zwar nicht bekannt, aber 37.157 Bewertungen allein im deutschen App Store im Vergleich zu gerade einmal 267 bei Kik sprechen Bände - und das, obwohl WhatsApp im Gegensatz zu Kik sogar 0,79 Euro kostet (die Android-Variante ist im ersten Jahr gratis).

Nun mag es sein, dass Kik dem US-Konkurrenten-WhatsApp vom Funktionsumfang her unterlegen ist - denn während Kik für Einzel- und Gruppenchats lediglich die Übermittlung von Text und Fotos erlaubt, unterstützt WhatsApp auch den Videotransfer, Audiobotschaften sowie das Übermitteln der aktuellen Position.

Warum Kik hier nicht in der Lage ist, mit dem Wettbewerber gleichzuziehen (beide Dienste haben in diesem Jahr jeweils acht Millionen Dollar Risikokapital zur weiteren Expansion erhalten), verstehe ich zwar nicht, doch der unterschiedliche Featureumfang kann nicht die einzige Ursache für die enorme Diskrepanz zwischen der Popularität von WhatsApp und Kik darstellen.

Der entscheidende Punkt, warum WhatsApp Kik davoneilt, ist einer, der uns unfreiwillig zum netzpolitischen Lieblingsthema der Deutschen führt, nämlich dem Datenschutz:

WhatsApp zwingt Nutzer zur Adressbuchfreigabe, Kik nicht

Denn während Kik die für das Erreichen einer kritischen Masse wichtige Vernetzung der Nutzer lediglich auf manuellen Wegen fördert (Anwender können per E-Mail, SMS und über soziale Netzwerke Einladungen an Freunde verschicken), erzwingt WhatsApp den Zugriff auf das Adressbuch und erfordert die Eingabe einer anschließend auf ihre Korrektheit hin überprüften Mobilfunknummer.

Kik bietet den Adressbuchabgleich lediglich als fakultative Option, versteckt in den Privacy-Einstellungen.

Der erste Eindruck zählt

Aus diesen zwei grundverschiedenen Ansätzen resultiert ein vollkommen anderer erster Eindruck beim Starten der Apps: Während Kik Nutzer mit einer leeren Kontaktliste begrüßt, die diese anschließend händisch befüllen müssen (z.B. durch die Eingabe der Kik-Benutzernamen ihrer Freunde oder das Versenden von Einladungen), präsentiert WhatsApp umgehend eine Liste von Personen aus dem Smartphone-Adressbuch, die ebenfalls WhatsApp installiert haben. Mit diesen kann sofort losgechattet werden.

WhatsApp greift hierfür auf das Smartphone-Adressbuch zu, speichert alle darin enthaltenen Mobilfunknummern und gleicht diese mit denen von bereits registrierten Nutzern ab. Auf diese Weise kann es nicht nur sofort Kontakte präsentieren, sondern meldet sich auch in Zukunft, wenn eine weitere Person aus dem Adressbuch sich erstmals mit ihrer Mobilnummer bei WhatsApp registriert.

WhatsApp erlaubt sofortigen Einstieg in die Interaktion mit Freunden

Selbst wer die beiden Apps bisher nicht ausprobiert hat, kann sich ausmalen, bei welcher eine dauerhafte Nutzung nach der Installation wahrscheinlicher ist: Kik, das mühseliges manuelles Hinzufügen von Freunden erfordert und damit von einer mutmaßlich hohen Zahl an Testern schnell links liegen gelassen wird, oder WhatsApp, das sofort eine Freundesliste anzeigt und Nutzer umgehend in die Kommunikation mit Bekannten einsteigen lässt.

Dieses Beispiel zweier konzeptionell ähnlicher, aber die Vernetzung auf unterschiedliche Weise antreibender mobiler Chatdienste könnte kaum besser illustrieren, wieso sich zu einfach macht, wer eine Hardliner-Haltung zum Thema Datenschutz einnimmt und sich reflexartig über entsprechende Fehltritte empört.

Datenschützer würden die Geisterstadt Kik vorziehen

Denn genau wie Facebook durch systematisches Verstoßen gegen europäische Datenschutzgesetze überhaupt erst zu der heutigen Stärke kommen konnte (auch dort hat der - immerhin freiwillige - Adressbuchabgleich für Wirbel gesorgt: "Datenschutz-Debakel - Wie Facebook private Telefonbücher abgreift"), wäre auch WhatsApp ohne die erzwungene Überlassung und Speicherung der Adressbuchdaten heute bei weitem nicht so verbreitet, sondern würde herumkrebsen wie Kik - die App, die jeder Datenschützer dem Konkurrenten WhatsApp vorziehen würde.

Viber: Dank Adressbuchabgleich in zehn Monaten zu 30 Millionen Nutzern

Auch die rasant wachsende, aus Israel stammenden iOS- und Android-VoiP-App Viber verwendet die Kontakte des Smartphone-Adressbuches, um eine sofortige Vernetzungen abbilden zu können und somit die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Nutzer Gefallen an der Anwendung finden und sie dauerhaft einsetzen. Innerhalb von zehn Monaten sollen sich atemberaubende 30 Millionen User bei Viber registriert haben - von solchen Wachstumsraten können andere Frühphasen-Startups nur träumen - zumal mit Skype die Konkurrenz nicht gerade schwach ist.

Die Welt sozialer Netze ist ungerecht

Die Welt sozialer Netzwerke ist eine ungerechte: Dienste, die nach den gängigen Regeln spielen (sowohl den gesetzlichen als auch den ethischen) und Anwendern eine maximale Entscheidungshoheit einräumen, werden zu Geisterstädten. Anbieter, die das Risiko in Kauf nehmen, gegen die strikten Datenschutzgesetze der EU zu verstoßen und Nutzer nur herein lassen, wenn diese persönliche Informationen freigeben, können sich dagegen vor Mitgliedern kaum retten.

Auf den ersten Blick erscheint dies wie ein großer Widerspruch. Auf den zweiten Blick jedoch verwundert diese Entwicklung nicht: Im Social Web siegt, wem es gelingt, das Bedürfnis der Konsumenten nach Interaktion mit ihrem Bekanntschaftskreis best- und vor allem schnellstmöglich zu befriedigen. Kenntnis über die Kontakte der Anwender ist das Rezept, um dieses Verlangen der Nutzer zu stillen, wie WhatsApp und Viber zeigen.

Mich persönlich stört es, dass mich WhatsApp und Viber zur Herausgabe sämtlicher Telefonnummern zwingen. Gleichzeitig ist es aber auch schade, dass ich bei Kik jeden Kontakt manuell hinzufügen, sprich Nutzernamen erfragen muss, und dass kaum jemand aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis Kik verwendet.

Am Ende steht der individuelle Entscheid über das geringere Übel. Leicht ist dieser nicht und er erfordert intensives Abwägen. Das jedoch fehlt bei allen, die undifferenziert und kompromisslos für maximalen Datenschutz eintreten und die Konsequenzen nicht sehen.

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