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25.10.11

Wer weiß was über die Nutzer: Die wirkliche Datenkrake heißt Amazon

Google, Facebook und vielleicht auch Apple bereiten Datenschützern Kopfschmerzen. Aber sie vergessen einen großen Konzern im Internet, der viel sensiblere Informationen über uns hat als alle anderen: Amazon.

 

Datenschützer möchten uns davor schützen, dass unsere persönlichen Daten zu einem späteren Zeitpunkt gegen uns verwendet werden. Der Mensch im Allgemeinen lässt sich sehr leicht beeinflussen (abgesehen von netzwertig.com-Lesern natürlich). Marketingstrategen wissen wie es geht. Es haben sich ganze Wissenschaften darum gebildet, wie Menschen sich durch Werbung und Informationen beeinflussen lassen.

Der Schlüssel zum Erfolg eines Werbers sind Daten und zwar solche, die Datenschützer lieber schneller gelöscht sehen würden, als andere das Wort Datenschutz aussprechen können. Je persönlicher diese Daten sind und je mehr sie unseren emotionalen Vorlieben entsprechen, desto besser eignen sie sich, um bei uns einen Kaufimpuls auszulösen.

Facebook weiß, wer wir sein möchten

Datenschützern läuft es hauptsächlich aus zwei Gründen kalt den Rücken runter, wenn sie an Facebook denken: Zum einen sorgen sie sich um zerstörte Jobkarrieren der Anwender, weil irgendwelche Bilder oder Aussagen öffentlich und unlöschbar im Internet verteilt werden. Zum anderen malen sie sich aus, was Facebook alles mit unseren Daten anstellt, um aus selbigen Profit zu schlagen.

Aber überlegen wir doch mal, was Facebook wirklich über uns weiß: Es kennt die Persönlichkeit von mir, die ich im Internet gerne wäre. Man kann (noch nicht) sein ganzes Ich im Internet abbilden, jeder beschränkt sich auf einzelne Punkte seiner Persönlichkeit. Einige tun das weniger erfolgreich (mit Bier in der Hand) als andere (Fan von Audi).

Die Aussage, dass mir Porsche gefällt, haben rund zwei Millionen andere Menschen bei Facebook auch abgegeben. Hat Porsche deswegen zwei Millionen Autos verkauft? Natürlich nicht. Starbucks hat fast 26 Millionen Fans auf Facebook. Einer bin ich. Dass ich aber im Monat zwischen 100 und 200 Euro in Kaffee dieser Rösterei investiere und damit zu den besseren Kunden zähle, steht nicht bei Facebook und Facebook weiss dies auch nicht. Rolex verzeichnet rund 260.000 Fans - trotzdem wird nur ein Bruchteil dieser Personen wirklich eine Rolex erworben haben. Die meisten versuchen lediglich, ihr Image aufzuwerten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Facebook Informationen darüber hat, wer oder was wir gerne sein möchten. Facebook kennt unsere Wunschpersönlichkeit. Es kann aber nur sehr eingeschränkt darüber Auskunft geben, was uns wirklich interessiert und keine sichere Aussage über meine Kaufkraft treffen - abgesehen von drei Erdbeeren bei Farmville.

Google hat Kenntnis darüber, womit wir uns beschäftigten und was uns interessiert

Meiner Meinung nach spielt Google in Bezug auf Datenschutz in einer anderen Liga als Facebook. Bei vielen Produkten, allen voran Google Mail und Google+, hat der Internetkonzern aus Mountain View es geschafft, dass ich ihm meine Daten anvertraue. Darüber hinaus besitzt Google viele andere Gelegenheiten, Nutzerdaten zu sammeln: Durch das Werbeprogramm Adsense hat Google im ganzen westlichen Internet „Satelliten“ installiert, die nach Hause funken, wofür wir uns interessieren, und durch den kostenlosen Webseite-Trafficanalysedienst Analytics weiß Google außerdem noch, welche Websites im Internet wirklich relevant sind.

Google hat genaue Kenntnis darüber, womit wir uns beschäftigen und wofür wir uns interessieren. Anzumerken sei hier allerdings, dass Google eher "kopflastige" Daten über Anwender besitzt: Google kommt oft ins Spiel, wenn der Kopf die Kontrolle über uns Handeln hat und wenn wir uns versichern müssen, dass der Mercedes wirklich besser ist als der Opel, der wahrscheinlich eher dem Budget entspricht. Genau wie Facebook kann Google nur sehr eingeschränkt eine Aussage darüber treffen, ob wir uns unsere Interessen wirklich leisten können. Daran konnte auch Checkout nicht viel ändern, Googles bedingt relevanter Zahlungsabwicklungsservice.

Apple kennt unsere emotionalen Vorlieben

Apple ist in Bezug auf persönliche Daten in einer ganz anderen Position als Google und Facebook. Apple kennt unsere emotionalen Vorlieben, weiß, welche Musik wir hören, welche Filme wir gucken und kann dieses Wissen anhand der Kreditkartendaten mit Adressen abgleichen. Dank iPhones weiß Apple vielleicht sogar, wo wir uns befinden und was wir letzten Sommer getan haben.

Anfragen an Apple bezüglich des Datenschutzes sind in der Regel zwecklos, Apple hüllt sich traditionell in Schweigen. Facebook und Google gehen damit anders um. Bei beiden ist Datenschutz immer wieder ein Thema und sie, in unterschiedlichem Umfang, ergreifen gelegentlich die Initiative, um über dieses Thema zu reden. Wann hat Apple das Thema Datenschutz das letzte Mal von sich aus angesprochen?

Apple hat sehr viele Daten über uns, doch es handelt sich dabei vorrangig um "Luxusdaten". Apple-Produkte sind teuer, wodurch ganze Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen werden. Dazu kommt, dass Apple eher „nice to have“ ist - niemand ist zum Leben auf einen iTunes-Song angewiesen.

Amazon, der freundliche Buchhändler im Internet? Mitnichten.

Ich habe vor vier Jahren einen Gefrierschrank bei Amazon gekauft. In den USA liefert Amazon Lebensmittel. Amazon ist günstig, oft sogar der billigste Anbieter und dadurch fast für die ganze Bevölkerung attraktiv. Amazon weiß, was wir brauchen, mögen und uns wirklich leisten können. Amazon kennt auch die Bedürfnisse unserer Nachbarn und hat Informationen über den von mir benutzten Rasierer.

Vor vielen Jahren - ich erinnere mich leider nicht mehr genau wann - kam eine Diskussion auf, warum Amazon während des Bestellvorgangs nach der Telefonnummer fragt. In Deutschland war (und ist wahrscheinlich immer noch) zur Abwicklung von Onlinekäufen nur die Abfrage von Daten erlaubt, die dafür wirklich notwendig sind. Amazon fragt auch noch 2011 nach der Telefonnummer. Angerufen wurde ich nie, und ich habe schon viel bestellt. Warum will Amazon meine Nummer und warum unternimmt kein Datenschützer etwas? Mit 1-Click-Shopping kann Amazon sogar den Impulskauf bedienen, und wenn man in den nächsten drei Stunden noch zusätzliche Produkte erwirbt, kommt alles ohne zusätzliche Versandkosten nach Hause geliefert.

Oft ertappe ich mich selbst dabei, wie ich auf einen Artikel in der Rubrik „Kunden, die gekauft haben, haben auch gekauft“ klicke. Das sind Daten, die mir persönlich gefährlich werden können. Sie fördern, dass man sich auf seine Gefühle verlässt und der Kopf sich ausschaltet. Wer sich für Amazons Express-Versand Prime entscheidet, zahlt eine jährliche Gebühr für die Lieferung innerhalb eines Tages und kann dann versandkostenfrei so viel bestellen, wie er will. Damit sich das aber auch rechnet, wird geshoppt bis zum Umfallen.

Auch wenn ich bewusst überspitze: Wir sollten uns ruhig vor Augen führen, was Amazon alles über uns weiß. Angesichts dessen ist es verwunderlich, wie entspannt doch die Datenschützer in diesem Fall zu sein scheinen: Adresse, Bankkonten, den Inhalt unseres halben Haushalts, Bücher, DVDs, Musik, Kreditkartendaten, Umfelddaten. In meinem Fall weiß Amazon sogar über alle meine Umzüge Bescheid, da ich meinen Amazon-Account schon seit 2001 besitze.

Anfang 2010 berichtete die c’t über die Vermutung der Sippenhaftung bei Amazon. Im übertragenen Sinne bekomme ich nichts mehr geliefert, wenn mein Onkel die Rechnung nicht bezahlen kann. Das ist eine Entwicklung, über die sich Datenschützer wirklich Sorgen machen sollten. Die Schufa würde sich wahrscheinlich über solch genauen Bonitätsdaten sehr freuen.

Amazon hat schon jetzt genauere Daten als die, die Google sehr wahrscheinlich jemals bekommen wird. Die Interessen und die Bedürfnisse gepaart mit den finanziellen Daten können eine datenschutztechnisch explosive Mischung ergeben.

Fazit

Ich behaupte nicht, dass Google, Facebook und Apple aus datenschutzrechtlicher Sicht nicht in Schach gehalten werden müssen. Aber Amazon hat bisher relativ unbehelligt Daten angesammelt, die für Verbraucher schon jetzt gefährlich werden können. Sie geben Auskunft über unsere finanziellen Möglichkeiten und unsere emotionalen Vorlieben auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Kein anderes Internetunternehmen verfügt über solche exakten und umfangreichen Bonitätsdaten. Während Datenschützer sich auf Facebook eingeschossen haben, scheint die wirkliche Datenkrake von ihnen sehr wenig Beachtung zu finden.

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