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24.09.10

Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht: Googles Social Network heißt YouTube

Google will seine Dienste mit einer sozialen Ebene ausstatten, um endlich Facebook Paroli bieten zu können. Der Internetriese scheint zu übersehen, dass er mit YouTube bereits ein populäres Social Network besitzt.

 

Google arbeitet bekanntlich gerade fleißig an einem Projekt, das es mit Facebook aufnehmen soll. Das unter dem Arbeitstitel "Google Me" bekannt gewordene Vorhaben wurde zu Beginn als vollwertiges neues Social Network ins Gespräch gebracht. Kürzlich deutete Google-CEO Eric Schmidt jedoch an, dass es sich nicht um einen eigenständigen Dienst sondern eher um einen "Social Layer" handelt, also eine zusätzliche soziale Ebene, die über existierende Google-Angebote gestülpt wird.

Diese Idee klingt nicht nur weit weniger aufregend als der Gedanke eines völlig neuen sozialen Netzwerks aus dem Hause Google, sondern ignoriert auch die Tatsache, dass Social-Web-Dienste stets dann die größten Erfolgschancen hatten, wenn sie von Anfang an darauf ausgelegt waren, Kommunikation und Interaktion zwischen Usern zu ermöglichen.

Google hingegen versucht, vollkommen andere Intentionen seiner Anwender dazu einzusetzen, diese miteinander in Kontakt zu bringen. Kritik für diesen Plan folgte auf dem Fuße. Auch Facebook-CEO Mark Zuckerberg hält einen solchen Ansatz (wenig überraschend) für fragwürdig, wie er kürzlich im Interview mit TechCrunch verriet ("I still think a lot of them are only thinking about it on a surface layer, where it’s like “OK, I have my product, maybe I’ll add two or three social features and we’ll check that box”. That’s not what social is.")

Nun darf man Google trotz wiederholter Fehlversuche im Social-Web-Bereich nicht unterschätzen. Immerhin hat der Webgigant für Google Me eine Reihe von ausgewiesenen Social-Networking-Experten eingestellt, und selbst ein (im Hinblick auf die soziale Komponente) blindes Huhn findet irgendwann ein Korn.

Dennoch lässt mich das Gefühl nicht los, dass Google einen wichtigen Punkt übersehen könnte: Es besitzt bereits ein Social Network, das zu den größten Websites dieser Welt gehört, das mindestens den gleichen Bekanntheitsgrad wie Facebook hat und das Nutzern Funktionen bietet, mit denen kein anderer Netzwerkdienst mithalten kann. Nein, ich meine nicht Orkut, und ich meine auch nicht Gmail, sondern YouTube!

Zu Gedankenspielen über das Potenzial von YouTube wurde ich nach dem Lesen dieses Beitrags von All Facebook inspiriert, der die Bedeutung von Fotos für das blau-weiße Social Network unterstreicht (neben Spielen sind Fotos das am meisten genutzte Facebook-Feature) und die Frage stellt, was Google Facebooks Foto-Funktionen entgegenzusetzen hat. Die von All Facebook im Ansatz gegebene Antwort ist genau die, die mir auch vorschwebte: Videos!

Genau wie für Benutzer von sozialen Netzwerken Fotos einen hohen Stellenwert und Unterhaltungsfaktor besitzen, gilt dies ebenfalls für Videos. Und obwohl Facebook mittlerweile die drittgrößte Videosite in den USA ist, kann der Dienst aus Palo Alto bei weitem nicht mit YouTube mithalten, was die Anzahl an verfügbaren Clips und konsumierten Videos betrifft.

YouTube bietet bereits heute grundlegende Social-Networking-Funktionen. Allerdings würde sicher niemand auf die Idee kommen, YouTube als Plattform zu verwenden, um mit Freunden, Bekannten und Familie in Kontakt zu bleiben. Weil YouTube sich bisher nicht in diese Richtung positioniert hat. Und obwohl der Gedanke, YouTube sukzessive in ein ernstzunehmendes Social Network zu transformieren, anfänglich seltsam anmuten mag, so gibt es eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen:

  • Medieninhalte sind ein zentraler Aspekt für Social Networks. YouTube als mit Abstand größte Videoplattform besitzt hier ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber sämtliche Konkurrenten aus dem Netzwerkbereich.
  • Jeder Nutzer mit einem Google-Konto kann sich bei YouTube einloggen - für viele hundert Millionen Internetanwender ist somit keine Neuregistrierung notwendig.
  • Das Anschauen von Videos ist ein soziales Erlebnis, welches gemeinsam mit anderen mehr Spaß macht als alleine - externe Dienste wie synchtube oder YouTubeSocial tragen dem Rechnung.
  • YouTube bietet mittlerweile auch komplette Filme zum Abruf - dieses Angebot könnte deutlich erweitert und Anwendern als Anreiz geboten werden, sich bei YouTube einzuloggen, statt ohne Login auf dem Portal herumzusurfen.
  • Die Websuche ist nicht selten eine intime, private Angelegenheit, die Nutzer nur ungern mit anderen Personen teilen. Wie oben beschrieben fehlt die Intention der User, Suche zu einem gemeinsamen Erlebnis zu machen (selbst wenn "Social Search" in Hinblick auf die Ergebnisse der Resultate Potenzial hat). Die Gründe, warum Benutzer ein Videoportal wie YouTube besuchen, lassen sich sehr viel besser mit dem sozialen Kontext vereinen (Spaß, Unterhaltung, Weiterempfehlen etc.).

Heißt das, Google sollte YouTube mit einem Schlag in einen Facebook-Wettbewerber umbauen? Nein! Denn die Welt braucht nicht ein zweites Facebook. Wenn ein Netzwerk gegen das aus heutiger Sicht fast unbesiegbar erscheinende Facebook ankommen soll, dann muss es in einem entscheidenden Punkt anders sein. Oder besser. Eine Differenzierungsoption wären Datenschutz und Privatsphäre. Ein anderer sind Inhalte. Bei dieser punktet YouTube.

Google müsste das YouTube-Erlebnis deutlich sozialer zu gestalten. Ein guter Anfang wäre ein ausgereifter Newsfeed mit den Aktivitäten von Freunden, eine Integration von Twitter und Facebook, überarbeitete Profilseiten sowie Features, die in Richtung der oben erwähnten Services gehen und das gemeinsame Echtzeit-Betrachten von Clips erlauben.

Auch könnte eine virtuelle Währung eingeführt werden, die man sich durch Aktivitäten auf der Site erwerben kann und mit der man Zugang zu Premium-Content erhält. Das wäre für YouTube zwar mit einem gewissen Investment verbunden, das die Lizenzzahlungen für das Streaming aus eigener Tasche berappen müsste, aber Geld ist ja nicht gerade das, woran es der YouTube-Mutter Google mangelt.

Google scheint den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. YouTube ist Googles bisher aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten relativ blass gebliebenes, aber dafür umso bekannteres Social Network. Ein Social Network, dessen soziales Potenzial bisher ungenutzt bliebt.

Der von Eric Schmidt angesprochene "Social Layer" soll auch Video (womit wohl YouTube gemeint ist) umfassen und als Herzstück einen Stream beinhalten, der Aktivitäten der Google-Kontakte anzeigt. Das Problem ist, dass für viele User Google-Kontakte nicht die gleiche Bedeutung haben wie Facebook-Kontakte, da sie sich häufig aus dem Gmail-Adressbuch rekrutieren und sich somit unter ihnen sowohl Freunde als auch (ehemalige) Kollegen oder Geschäftspartner befinden. Kombiniert man dies mit der Vorstellung, von Personen, die einem mitunter vollkommen egal sind, die jüngsten Aktivitäten bei Google Maps oder der Google-Suche zu sehen, klingt "Google Me" alles andere als erstrebenswert.

Ein Fokus auf YouTube, bei dem nicht die bestehenden Google-Kontakte als Grundlage genommen, sondern digitale Freundschaften neu geschlossen (aber durch die Integration von anderen Social-Web-Services unterstützt) werden, garantiert auch keinen Erfolg. Aber eine Garantie für das Gelingen existiert im Social-Networking-Bereich sowieso nicht. Netzwerk- und Lock-In-Effekte folgen ihren eigenen Gesetzen. Viele etablierte, mit tiefen Tasche ausgestattete Anbieter mussten dies bereits erfahren (man denke nur an MySpace aus dem Hauser News Corp oder Bebo von AOL).

Der gewählte Ansatz für Googles Vorhaben kann funktionieren. Auf Papier allein klingt er jedoch äußerst unsexy. Im Gegensatz zu YouTube, dem angesichts der zunehmenden Beliebtheit von Onlinevideo die Welt zu Füßen liegt. Bald werden wir wissen, welche Rolle das Videoportal in Googles nächstem Versuch spielt, endlich eine soziale DNA zu entwickeln und in das eigene Produkt zu implementieren.

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