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27.08.12

Wenn Augenzeugen-Aufnahmen im Netz landen: Das Ende der geschminkten Wirklichkeit

Als es am Freitag vor dem Empire State Building zu einer Schießerei kam, landeten mit Mobiltelefonen geschossene Aufnahmen der Opfer schnell im Netz. Der zunehmende Bürgerjournalismus zwingt uns dazu, unseren Wunsch nach einer bereinigten, leicht bekömmlichen Darstellung der Wirklichkeit zu hinterfragen.

Hinweis: Einige der im ersten Absatz verlinkten Seiten enthalten von Augenzeugen gemachte Aufnahmen der Opfer des Schusswechsels am Empire State Building. 

Am Freitagmorgen erschoss ein Mann beim Empire State Building in New York einen ehemaligen Kollegen. Anschließend wurde er von der Polizei getötet. Ein tragisches Ereignis, aber leider kein Einzelfall. Berichte über Schießereien, Amokläufe und andere körperliche Attacken sind fast täglich in der Presse zu lesen. Doch in einem Punkt hebt sich der Vorfall von anderen dieser Sorte ab: Kurze Zeit nach dem Schusswechsel landeten Fotos der Leichen bei Twitter - aufgenommen von Augenzeuge @yoassman mit dem Mobiltelefon - sowie Instagram. Ein andere Anwesender, Sam Gerwitz, befand sich zum Zeitpunkt der Tat im Empire State Building und nahm kurz darauf mit seinem iPhone ein Foto des Opfers auf. Er publizierte es nicht selbst, sondern übersandte es an die New York Times, welche das Bild für kurze Zeit auf der Startseite platzierte und anschließend nach Leser-Beschwerden in eine Bildergallerie abschob. Gerwitz erklärte später, die 300 Dollar Honorar spenden zu wollen.

Neu ist die Erkenntnis nicht, dass im Smartphone-Zeitalter jeder Mensch spontan in die Rolle des Bürgerjournalisten schlüpfen und in Text und Bild einen Lagebericht abgeben kann, noch bevor offizielle Reporter am Ort des Geschehens eingetroffen sind. Doch das Ereignis vom Freitag beleuchtet in diesem Kontext einen Aspekt, der bisher nur wenig Aufmerksamkeit erhielt: Plötzlich erhält die Allgemeinheit einen Blick auf die ungeschminkte und mitunter grausame Wahrheit. Denn die meisten Pressevertreter verzichteten bisher auf die Veröffentlichung von Bildern und Videos, die Opfer von Gewalttaten darstellten. Zum einen aus ethischen Gründen, und zum anderen, weil derartiges Material nur schwer zugänglich war. Zum Zeitpunkt, als erste Berichterstatter an einem Tatort angelangt waren, hatten die Polizei und Rettungskräfte das Gelände bereits weiträumig abgesperrt.

Doch jetzt, wo kaum noch ein Mensch ohne Mobiltelefon mit Kamera und Internetanbindung durch die Gegend läuft, ändern sich die Vorzeichen. Noch bevor die Behörden mit ihrer Abschirmung beginnen, kursieren mitunter die ersten Aufnahmen bei Twitter, Facebook oder Reddit. Und während ausgebildete Journalisten einem Pressekodex folgen, entscheiden Privatleute allein auf Grundlage ihres Gewissens, ob sie bestimmte, die Folgen von Gewalthandlungen darstellende Fotos oder Clips online verbreiten oder nicht. Egal welche Position man selbst zu dieser sensiblen Thematik einnimmt, muss man sich darauf einstellen, dass andere Menschen mit anderen Wertekonstrukten und Auslegungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung entsprechende Aufnahmen im Netz veröffentlichten werden.

Jeff Jarvis, im Web bekannter Journalist und Medienprofessor, befasst sich in einem Blogbeitrag mit der Attacke am Empire State Buildung und der Tatsache, dass wir durch den Wegfall des Monopols von Massenmedien in der Berichterstattung von nachrichtenrelevanten Ereignissen plötzlich die ungeschönte, grausige Realität betrachten können. "Ich denke, wir wurden zu sehr an durch Medien vermittelte, in der Darstellung von Grausamkeiten "bereinigte" Nachrichten gewöhnt", so Jarvis, der seine Retweets der Aufnahmen von Augenzeuge @yoassman verteidigt. Zuvor wurde er bei Twitter dafür kritisiert, nicht wenigstens eine Warnung über die Art der Darstellung ausgesprochen zu haben. "Menschen waren neugierig genug, auf die Links zu den Fotos zu klicken, aber nicht neugierig genug, um zu sehen, wie es tatsächlich am Tatort aussah", moniert Jarvis, der die Medien für das verbreitete Bedürfnis an geschminkter Vor-Ort-Reportage verantwortlich macht.

Sicherlich lässt sich darüber diskutieren, ob die Abbildung einer in einer Blutlache liegenden Leiche tatsächlich einen essentiellen Teil der Nachricht darstellt und ob es für das seelische Wohl der Betrachter gut ist, mit dieser Facette des Ereignisses konfrontiert zu werden. Doch Jarvis hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass wir alle uns aufgrund der oben beschriebenen Entwicklung an derartiges Augenzeugenmaterial gewöhnen müssen.

In der westlichen Welt hat sich über die Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands eine sehr distanzierte Haltung zum Tod entwickelt. Man versucht, ihn so wenig wie möglich zu thematisieren, und viele Menschen haben in ihrem ganzen Leben noch nie eine Leiche gesehen. Natürlich handelt es sich dabei um eine enorme Errungenschaft der modernen Gesellschaft. Doch es hat den Nachteil, das wir extrem sensibel reagieren, wenn wir doch einmal mit der "dunklen Seite" des Lebens konfrontiert werden und etwa einen ungeschönten Blick auf den Tatort eines Gewaltdelikts oder Unglücks erhalten.

Das digitale Zeitalter lässt uns keine andere Wahl, als unser durch die Medien antrainiertes Selbstverständnis, von unbekömmlichen Abbildungen menschlichen Leids vollständig verschont zu bleiben, zu hinterfragen. Vielleicht ist dies gar nicht so schlecht.

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