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07.05.08

Wellness-Texte ohne Substanz: Hilfe, die Fluffies kommen!

Sie bereiten nur Schaumspeisen zu: Die Fluffies, anzutreffen vor allem in der PR-Branche. Sie schreiben Sabbersätze mit scheinbarer Plausibilität, wollen bloß keinem weh tun und haben stets ihre Karriere im Blick.

Coffee
Mit Schaum kennen sich die Fluffies aus (Bild journeyscoffee)

Bei mir im Lehrgang war er der Sympathiko - mit viel Schlag bei den Frauen. Buchstäblich jede und jeder mochte ihn: "Genau das ist mein Problem", gestand er mir dann auf der Abschlussfeier als gegen Mitternacht der Alkoholpegel die Promillegrenze durchbrach: "Jeder schätzt mich. Ich bin rundum beliebt, und ich stoße nirgends auf Kritik oder Ablehnung. Weißt du eigentlich, wie schlimm das ist?" Dabei heulte er dann fast. "Was manche Leute für Probleme haben", dachte ich und erinnerte mich an Goethe: "Ein Lump, wer keine Feinde hat!". Dann spielte ich aus pädagogischer Verantwortung solange den großen Tröster, bis ich jemanden fand, an den ich den Patienten weiterreichen konnte.

Seither aber fällt mir dieser Typus auf, den ich für mich 'Fluffy' nenne, nach dem amerikanischen Wort für 'Schaumspeise'. Besonders in den Public Relations sind die Fluffies allgegenwärtig - und sie werden auch immer zeittypischer.

Der Fluffy hat nicht nur das Bedürfnis, von allen geliebt zu werden, er hat auch oft möglichst harmlose 'Gedanken', die niemandem weh tun sollen, weshalb sie im allgemeinen die Festigkeit und Härte eines Marshmallow besitzen. Auch dieses rosagefärbte Essplastik schmerzt niemanden, es sei denn, er hätte zuvor unter Karies oder Intelligenz gelitten. So ähnlich schmeckt solche Gedankenspeisung dann auch, und man mag auch gar nicht widersprechen. Es lohnt ja nicht. Unter einer immerhin passend gewählten Überschrift - 'Weisheit. Zusammenhanglos' - klingen solche Denkereignisse beispielsweise so:

 

Wer Zeit hat, verliert sie.

Zielgruppengerecht 'angedacht' mag das immerhin sein, denn der Fluffy ist stets auf dem Sprung 'nach oben', er will immer etwas erreichen - vornehmlich für sich. So ist auch diese Zeile zu verstehen, es ist ein Instant-Kalenderspruch für den eiligen Unternehmer, der sich aufs Fluffy-Blog verirrte. Die Vorurteile des unverhofften Gastes von der Kostbarkeit der Zeit - 'Termine, Termine!' - werden mit kalendarischem Fliegenleim geködert: Phishing for sympathy ...

Inhaltlich nehme ich solche Lautgebungen gar nicht erst ernst, weil ich meine kognitive Gesundheit im allgemeinen nicht mit der Sinngebung des Sinnlosen strapaziere. Wir finden hier die übliche intellektuelle Unterforderung vor, selbst Kukident-Intelligenzen beißen nicht auf Granit: Schon der einfachste aller formallogischen Tests auf die Kernhaftigkeit der Aussage falsifiziert sie als luftleeren Fahrradreifen - wie die Prüfung durch die 'doppelte Negation':

 

Wer keine Zeit hat, gewinnt sie.

Genau - und wer kein Geld hat, soll sparen. Nach ähnlichem Muster funktionieren dann - ad hoc gebastelt: 'Wer verliert, gewinnt Zeit'. Oder: 'Der Dumme vertändelt die Zeit, die der Kluge gewinnt'. Vielleicht wäre solch ein Abreißkalender fürs Bizziniss ja wirklich mal eine gute Geschäftsidee, wenn ich wieder ein paar Dollars benötige. Derartige Bonmots und Gossenperlen jedenfalls sind so billig wie der Glasschmuck, mit dem die Missionare einst die Südseehäuptlinge behängten. Jeder Spruch ist so 'wahr' oder 'nicht wahr' wie der nächste, der immerhin das Gegenteil behauptet - allemal ist es nämlich höherer Blödsinn: Banalitäten vom Esoterikbasar, die im Kunstlicht eines Wassermann-Zeitalters verführerisch funkeln.

Scheinbare Plausibilität gewinnen solche esoterisch-ökonomischen Sabbersätze dann für diejenigen, die an der kapitalistische Ursünde leiden, die nämlich die Meinung hegen, man könne alles irgendwie 'besitzen', ein Fehler, der ihnen beim einfachsten Gegenbeweis, dem Verstand, aus Mangel desselben leider gar nicht mehr auffällt. Was aber auch für die Zeit nicht zutrifft - das ist letztlich das einzig harte 'Faktum'. Zeit ist etwas, was eher uns 'besitzt', und zwar von der Geburt an. Selbst dann, wenn unsere Zeit einmal erfüllt sein sollte, wenn wir also stocksteif in unserem Sarg liegen, dann 'besitzen' wir noch nicht einmal dieses hölzerne Symbol unserer Zeitlichkeit. Was uns verhältnismäßig egal sein dürfte ...

Kurzum - hier wurde von mir ausnahmsweise einmal viel Mühe auf ein Phänomen verwandt, das diese Mühe eigentlich nicht lohnt: Die Fluffies zähle ich zur großen Gruppe der Bullshit-Produzenten, es sind Artisten vom Zirkus 'Humbug': Sie wirbeln bunte Bälle aus Verbalien durch die Luft, jonglieren virtuos mit allen Keywords dieser Welt und preisen uns wie ein Zirkusdirektor unerhörte Dinge an - derzeit zum Beispiel als dernier cri eine ominöse 'Innovationskommunikation'. Sobald aber der Tusch ertönt, ist regelmäßig nichts geschaffen, nur die Nummer ist vorbei. Und morgen stehen die Zelte in der nächsten Stadt ...

Das eingangs geschilderte 'Fluffy-Syndrom' aber, die große Sinnfrage nach dem welken Band der Sympathie, die grassiert innerhalb dieser Berufsgruppe überall. Sie müssen zu allen nett sein - und sie machen neuerdings sogar aus dieser, aus ihrer mangelnden Fähigkeit zur Distanz und Abgrenzung, ein Geschäft und ein Thema :

 

Es gibt Kulturen, in denen es nicht einmal ein Wort für Ablehnung gibt. Das hat guten Grund: Wer NEIN sagt, riskiert jedes Mal, Menschen vor den Kopf zu stoßen. Doch wer nicht NEIN sagt, riskiert seine Zukunft und die seines Unternehmens. NEIN sagen muss erlernt werden. Dafür sind wir da.

NEIN - sind sie nicht süß! Die Fluffies, diese geborenen Zustimmer und Abnicker also, die haben jetzt das Nein-Sagen, das 'Absagemanagement', als ihr neuestes Thema entdeckt. Dazu kann man doch gar nicht mehr Nein sagen! Gegenfrage: Würde irgendein Kunde zu diesen Absagern einfach Nein sagen, hätte er dann nicht schon erfolgreich das Ziel des Absagemanagements ganz ohne investierte Seminargebühren erreicht? Denn, das behaupten die Fluffies doch selbst, wer Zeit dafür hat, verliert sie ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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