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04.09.08

Web-TV: Wackeln im Web

Web-TV, wohin man klickt: Wir haben uns auf den großen deutschen Nachrichtenseiten umgesehen. Unser Überblick zeigt: Wo ist die Qualität, wo wird noch geübt?

Stern.de: Hier hat sich im Laufe des Jahres Einiges getan. Ergebnis: Auf der einen Seite technisch einwandfrei produzierte Kolumnen vor der Bluewall, auf der anderen Seite verwaschene Nachrichtenclips. Auch hier setzt sich der Trend durch, vermehrt eigene Redakteure vor die Kamera zu stellen. Sophie Albers aus der Kulturredaktion moderiert das Kinomagazin "Sneak" und Sportressortleiter Klaus Bellstedt "Bellstedts Ballshow". Prominentester Vertreter aus der stern-Riege ist allerdings Kulturredakteur Alexander Kühn mit seiner Fernsehkolumne "Was kuckt Kühn". Die Videos lassen sich entweder über die Hauptseite abspielen oder über das "stern Digital TV"-Portal ansteuern. An ältere Ausgaben ranzukommen bedarf allerdings oft fortgeschrittene Recherchekenntnisse. Dafür können die Videos auf der eigenen Seite eingebaut werden:

Stern.de-Videos gibt's zum mitnehmen, ganz wie bei YouTube

sueddeutsche.de: Video? Fast Fehlanzeige. In Bayern setzt man noch auf zünftigen Fließtext. Doch es scheint sich etwas zu tun, wenn auch eher experimentell: Fit mit Falterer. Der Ton übersteuert, das Bild die meiste Zeit zu dunkel, die Story selbst nicht neu. Zu guter Letzt wurde die Bildqualität durch den falschen Codec vermurkst und beim Rendern des geschnittenen Materials vergessen, als "interlaced" (da von einer Videoquelle kommend) abzuspeichern. Das sorgt dann für horizontale Streifen im Bild, sogenannte Halbbildsprünge, die vor allem bei schnellen Bewegungen stören. Für die Videos wurde kein eigener Player entwickelt.

Spiegel Online: Der Platzhirsch. Und dank der Unternehmensschwester Spiegel TV auch auf dem Web-TV-Sektor ganz vorne mit dabei. Mehrmals täglich gibt es prominent auf der Seite platzierte Top-News. Außerdem: jede Menge Clips aus den Bereichen Politik, Panorama, Wirtschaft, Sport, Kultur und Wissenschaft. Und auch das Spiegel TV Magazin lagert seine Beiträge aus. Über die Landesgrenzen hinweg bekannt dürfte auch Matthias Matusseks Videokolumne "Matusseks Kulturtipps" sein. Der Videoplayer selbst läuft grundsolide.Ach ja: Ehrensenf hätte ich fast vergessen: Skurrile Fundstücke aus dem Netz. Seit...ja, seit einer gefühlten Ewigkeit. Ich glaube fast, Ehrensenf gab es schon vor dem Internet. Kurz: Technisch einwandfrei, kein Grund zur Kritik.

Faz.net: Ähnlich wie bei Spiegel Online findet sich auch bei den Frankfurtern jede Menge Agenturmaterial auf der eigens eingerichteten Video-Seite. In Eigenregie verantwortet die FAZ unter anderem Filmkritiken. Dafür kommt der Sprechertext sehr dumpf und preiswert produziert rüber. Gleich daneben die Video-Rubrik Interviews & Hintergründe. Wenn man dann beispielsweise auf dieses Video von der IFA 2008 klickt, kommt das Machwerk aber eher wie ein Werbespot für AEG-Staubsauger daher. Für die gedruckte FAZ ein Ding der Unmöglichkeit. Die Videos selbst laufen in für Web-TV ungewöhnlich hoher Auflösung.

Welt.de: Die Kollegen von Welt Online trumpfen mit einem eigenen Label auf: Welt.TV. Durchs Programm zappt es sich zwischen den fast schon wieder aus der Mode gekommenen Redakteur-mit-Videohandy-Filmen (hier Ulf Poschardt mit Kurt Krömer) und höherwertig produzierten Clips (hier zur IFA-Eröffnung). Man setzt auf kleine, eigene Ideen. Dafür umso konsequenter. An einheitlichen Standards hapert es aber auch hier.

Zeit Online: Auch Zeit Online hat ein eigenes Video-Ressort eingerichtet. Das sorgt für viel Content auf der Seite: Interviews, eine eigens produzierte Wissenskolumne und auch hier wieder Videokolumnen. Die von Harald Martenstein wird allerdings von Holtzbrincktochter WatchBerlin übernommen. Seit Juni strahlt Zeit Online mit "heute in 100sec" vom ZDF vorproduzierte Kurznachrichten aus. Die Kooperation erstreckt sich aber mittlerweile auch auf die Übernahme von ganzen Beiträgen. So oder so: Eine gesunde Kombination aus eingekauften Filmen und Beiträgen in Eigenregie.

Der Westen: Die Web-TV-Kollegen aus dem Ruhrgebiet trumpfen mit einer eigenen Videorubrik auf. Die überrascht mit allerlei Selbstgedrehtem. Keinerlei Agenturmeldungen zu finden. Und das ist auch gut so. Dafür eigene Serien, wie das von Mario Sixtus' Blinkenlichten produzierte "Lost in Deutschland" und "Das W-Team". Man setzt auf Heimatkunde gepaart mit Comedy. Ansonsten gibt es noch jede Menge Interviews und Beiträge aus Sport und Kultur . Mit Kurzfilmen aus den Städten für die Städte bleibt man dem Anspruch als Onlineportal für Nordrhein-Westfalen treu.

Seit März übernimmt Der Westen auch regionale Beiträge des WDR. Und sorgte damit seinerzeit für Aufsehen. Dafür gibt es nichts zu beanstanden. Genau wie die Kollegen vom WDR, verstehen auch die VJs von Der Westen ihr Handwerk. Das Erscheinungsbild ist einheitlich und auf hohem Level.

Nachtrag Focus Online: Die Münchner liefern getreu dem Motto "Fakten, Fakten, Fakten" mehrmals täglich Nachrichten aus aller Welt. In diesem Fall übernommen von Reuters. Kratziger, übersteuerter Ton inklusive. Auch, wenn die dargebrachten Infos das gedämpfte Hörerlebnis wieder wettmachen, ist mir trotzdem schleierhaft, wie Reuters solch eine Qualität abliefern kann. Doch zurück zu Focus Online: auch hier hat man den kleinen Filmchen eine extra Seite eingerichtet. Die Rubriken: Reisen, Politik, Panorama, Finanzen, Gesundheit, Wissen, Kultur, Sport, Jobs und Auto.

Letztere warten sogar mit eigenen Formaten auf. Mahlzeit nennt sich die allmittägliche Clipschau, Klickdown das hauseigene Motormagazin. Das ist, wie der Rest des angebotenen Videomaterials, von Profis gedreht. Die Bilder sind immer scharf und mit ruhiger Hand gedreht und werden teilweise von Externen produziert. Zur IFA schickt auch Focus Online seine Redakteure vor die Kamera . Das wirkt authentisch. Praktisch: Die aktuellen Videos lassen sich direkt in Thumbnailgröße abspielen. Das spart Zeit und geht auch bei niedrigeren Bandbreiten fix. Fazit: Grundsolide.

Fazit: Noch rappelt und quietscht es im Bewegtbildsektor. Viele Anbieter erfüllen noch längst nicht die Ansprüche ihrer Mutterblätter. Dafür braucht es anscheinend einfach noch Zeit, Geld und die Erkenntnis, dass Videos im Internet nicht immer nur Zusatz, sondern auch ein Alleinstellungsmerkmal sein können. Und noch in eigener Sache: Wenn ich für jedes Agenturvideo mit kratzigem Ton einen Cent bekommen würde ... Mir ist schleierhaft, warum Reuters solche Qualität abliefert. Bei keinem Fernsehsender würde solches Material auf Sendung gehen. Das zeigt aber wiederum, dass Web-Fernsehen nunmal nicht das echte Fernsehen ersetzen kann. Trotzdem ist das kein Freifahrtschein für verwackelte Bilder.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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