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24.03.11

Was wäre wenn: Kostenpflichtige Twitter-Konten

Auf der Suche nach einem schlagfertigen Geschäftsmodell lässt sich Twitter zu immer mehr Einschnitten hinreißen. Ein besserer Ansätze wäre, wenn der Dienst es seinen Nutzern erlauben würde, mit ihren Streams Geld zu verdienen.

 

Die vergangenen Wochen waren nicht Twitters beste, fünfjähriger Geburtstag hin oder her . Erst musste der Microbloggingdienst nach Nutzerprotesten Kompromisse bei der Einführung der mit Werbung versehenen so genannte Quickbar (alias "Dickbar") in der offiziellen iPhone-App machen, und kurze Zeit später handelte sich das Unternehmen heftige Kritik ein, nachdem es Entwickler von Twitter-Apps darüber in Kenntnis setzte , dass sie lieber keine vollwertigen Mainstream-Clients entwickeln sondern sich auf Anwendungen konzentrieren sollten, welche die Twitter-Plattform um zusätzliche Funktionalität ergänzen würden.

Diverse Abgesänge auf die Twitter-Plattform (z.b. hier und hier) waren die Folge, und auch die Diskussion über das Fehlen eines soliden Geschäftsmodells kochte wieder hoch. Verständlich, immerhin hängen die jüngsten Ereignisse mit Twitters Streben nach Wirtschaftlichkeit und Profitabilität zusammen.

Zwar erzielt das reifende Startup aus San Francisco laut eigener Aussage bereits Gewinn (mit verschiedenen Werbearten innerhalb seiner Plattform sowie der Vermarktung seines Datenstreams), aber damit Twitters Geldgeber einen maximalen Return on Investment auf die 360 Millionen Dollar sehen, die sie in den vergangenen fünf Jahren in den Dienst gesteckt haben, bedarf es eigentlich einer Cash Cow im Stile von Google AdWords.

Man merkt, wie Twitter auf der Suche nach diesem Honigpott zunehmend bereit ist, in seine einst recht liberal gehandhabte Plattform einzugreifen und neue Grenzen zu ziehen.

Klar, dass nicht nur Twitter-CEO Dick Costello und sein Team über neue Wege der Monetarisierung nachdenken, sondern auch treue Anhänger des Dienstes - wie Jim Gilliam, einer der zwei Gründer des in Los Angeles ansässigen Entwicklerstudios 3dna .

In einem Blogbeitrag hat Gilliam vor wenigen Tagen einen Monetarisierungsvorschlag für Twitter gemacht , der mich nicht mehr loslässt: die Möglichkeit für Twitter-Nutzer, von anderen Usern Geld für das Abonnieren ihrer Streams zu verlangen. Anwender würden einmalig oder periodisch einen Betrag dafür zahlen, um Zugang zu den jeweiligen Tweets zu erhalten. Der Microbloggingservice selbst bekäme eine Provision, z.B. die bei vielen App Stores üblichen 30 Prozent.

Ein solcher Ansatz wäre für diejenigen interessant, die zeitkritische bzw. exklusive Informationen verbreiten oder an diesen so großes Interesse haben, um dafür ins Portemonnaie greifen - ein etablierter Kenner des Börsengeschehens könnte so z.B. spezielle Kauf- und Verkaufstipps publizieren, Promis könnten ihren sie vergötternden Fans in einem kostenpflichtigen Stream zusätzliche Einblicke gewähren und News Junkies hätten die Möglichkeit, einen sorgfältig kuratierten, hochaktuellen Nachrichtenfeed für Menschen zusammenzustellen, die wenig Zeit aber ein großes Echtzeit-Informationsbedürfnis besitzen.

Jim Gilliam sieht auch die Möglichkeit, dass ein Pay-Mechanismus als simples Zahlungssystem eingesetzt werden könnte, um Zugang zu spezifischen Applikationen oder Websites zu geben - immerhin kann jeder Webanbieter mit Hilfe von OAuth eine Authentifizierung über Twitter implementieren.

Das Beste an einem solchen System: Kostenpflichtige Accounts werden nur dann genutzt, wenn eine tatsächliche Nachfrage besteht. Es würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu einer massenhaften Umwandlung von jetzt kostenfreien zu kostenpflichtigen Konten kommen - weil der durchschnittliche Twitter-Nutzer ganz einfach nichts zu sagen hat, was so wichtig ist, dass andere dafür zahlen würden. Die Einschnitte für individuelle User hielten sich somit in Grenzen. Die Einsatzgebiete des Microbloggingdienstes würden hingegen noch breiter werden.

Die größte Herausforderung bei der Umsetzung wäre der Umgang mit Retweets und Twitter-Konten, die kostenpflichtige Streams "spiegeln". Hier müsste Twitter versuchen, einen sinnvollen Kompromis zu finden, der die Limitierungen so weit wie möglich begrenzt und nur im Falle offensichtlichen Missbrauchs greift. Fakt ist: Gäbe es Bezahlaccounts, würden Anwender Wege finden, die dort publizierten Tweets öffentlich zu machen. Dagegen anzugehen, wäre ein Kampf gegen Windmühlen (wie er sich gerade im Kontext der neuen New-York-Times-Bezahlschranke andeutet).

Ich bin mir sicher, dass sich eine gute Balance zwischen dem Schutz kostenpflichtiger Accounts und der Freiheit für Individuen finden lässt, dort veröffentlichte Tweets im Sinne des Twitter-Prinzips weiterzuverbreiten. Immerhin ist jeder Retweet eines Paid-Kontos gleichzeitig Werbung für selbiges.

Was haltet ihr unter Anbetracht der Tatsache, dass der Service ein solides Geschäftsmodell finden muss, von der Idee einer Option kostenpflichtiger Twitter-Konten? (Hinweis für alle, die Artikel von hinten nach vorne lesen: Es geht NICHT um die Frage, ob Twitter selbst Geld von seinen Nutzern verlangen sollte.)

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