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18.02.07

Was mit "Leserbriefen" passiert

Heute ein Gastbeitrag unseres Lesers Martin Steiger. Er machte die SonntagsZeitung auf einen zwar nicht besonders schlimmen, aber doch fraglichen Fehler aufmerksam. Er schrieb dazu:

Angehängt sende ich Dir meine Beschreibung der ganzen «Geschichte»... selbstverständlich kein dramatisches Ereignis, aber für mich symptomatisch dafür, wie die traditionellen Medien mit Ihrer Leserschaft umgehen, insbesondere auch im Bezug auf Fehler.

Hier also sein Text:

Peter Sennhauser befasst sich in seiner aktuellen Kurzserie bei medienlese.com mit den Unterschieden zwischen Blogging und herkömmlichem Journalismus. Meiner Erfahrung nach besteht ein wesentlicher Unterschied darin, wie Blogger und Journalisten mit Ihren Publikum kommunizieren. Ein Beispiel:

Am 4. Februar 2007 entdeckte ich im "Multimedia"-Bund der SonntagsZeitung einen Fehler. In einem kurzen Artikel mit der Überschrift "Apple legt die neuen Notebooks an die kurze Leine" war unter anderem folgendes zu lesen:

Allerdings beschränkt Apple den maximal möglichen Arbeitsspeicher auf gerade mal zwei Gigabytes. Die Notebooks der Konkurrenz lassen sich mit bis zu acht Gigabytes bestücken. Hier schränkt Apple die Zukunftsfähigkeit seiner neuen Notebooks unnötig ein. Auch die teurere MacBook-Pro-Reihe indes ist mit maximal drei Gigabytes betroffen.

Diese Aussage ist falsch und stellt aus der Feder eines Fachjournalisten einen groben Fehler dar. So schrieb beispielsweise die renommierte deutsche Fachzeitschrift c't in ihrer Ausgabe 2007/03 im gleichen Zusammenhang:

Der Hauptspeicher der PCs lässt sich einfach und kostengünstig auf 4 GByte erweitern, bei einigen auch auf noch mehr. Notebooks verkraften hingegen maximal 4 GByte, was derzeit noch viel Geld kostet, weil sie nur zwei Steckplätze haben und die 2-GByte-Module immer noch sehr teuer sind. Zudem sind aufgrund des PCI/AGP-Adressraums ohne angepasstes BIOS auch mit 64-Bit-Betriebssystemen kaum mehr als 3 GByte nutzbar - einige Hersteller wie Apple geben die Maximalbestückung direkt mit 3 GByte an.

Der oben zitierte Artikel in der SonntagsZeitung war mit dem Kürzel (DM) gezeichnet. Da das Impressum der SonntagsZeitung keine Kürzel aufschlüsselt und auch nicht beschreibt, wie man die einzelnen Journalisten direkt kontaktieren kann, sandte ich noch am gleichen Tag eine kurze E-Mail an redaktion@sonntagszeitung.ch, die offizielle E-Mail-Adresse der SonntagsZeitungs-Redaktion. Darin bezog ich mich auf den oben erwähnten Artikel in der SonntagsZeitung und ergänzte dazu:

Tatsache ist, dass heutige Notebooks mit maximal 4 GB RAM ausgestattet werden können (2 x 2 GB). Aufgrund der Beschränkungen der AGP/PCI-Adressierung allerdings sind davon kaum mehr als 3 GB verwendbar, auch nicht mit 64-Bit-Betriebssystemen. Insofern empfinde ich es als Ehrlichkeit gegenüber den Kunden, wenn Hersteller wie Apple die maximale Ausstattung mit Arbeitsspeicher direkt mit 3 GB angeben.

Da der Betreff meiner E-Mail mit "E-Mail an (DM)" begann, ging ich davon aus, ich schriebe direkt an den verantwortlichen Journalisten mit dem Kürzel (DM)?

Neun Tage später, am 13. Februar 2006, erhielt ich endlich eine Antwort der SonntagsZeitung - allerdings nicht vom verantwortlichen Journalisten (DM), sondern von einer Mitarbeiterin der Leserbrief-Redaktion der SonntagsZeitung (leserbrief@sonntagszeitung.ch). Per E-Mail aus dem Textbaukasten wurde mir folgendes mitgeteilt:

Vielen Dank für Ihren Leserbrief. Ein Echo aus der Leserschaft freut uns und Kritik nehmen wir ernst.

Leider können wir nur Leserbriefe mit vollständiger Absenderadresse berücksichtigen. Aus diesem Grund konnten wir Ihren Leserbrief in der letzten Ausgabe der SonntagsZeitung nicht veröffentlichen. Ihr Leserbrief wurde aber dem entsprechenden Redaktoren zur Kenntnis weitergeleitet.

[?]

Natürlich freuen wir uns, wenn Sie auch weiterhin zu den aufmerksamen Lesern zählen und uns Ihre Meinung schreiben!

Wir bitten Sie um Verständnis.

Mein Leserbrief????

Auf meine entsprechende E-Mail-Rückfrage hin - ich verfasste diese ein paar Minuten später und gab darin der Überraschung Ausdruck, dass meine persönliche E-Mail an einen Journalisten als Leserbrief mit unvollständiger Absenderadresse behandelt wurde - erhielt ich unverzüglich eine automatische Standard-E-Mail-Antwort. Diese begann wie folgt:

Vielen Dank für Ihren Leserbrief. Wir haben ihn erhalten und werden ihn an unsere Redaktoren weiterleiten, die sich über Reaktionen freuen und froh über die Darlegung verschiedener Meinungen und neuer Standpunkte sind.

Schon wieder ein Leserbrief?

Kurze Zeit später antworte mir dann auch noch die oben erwähnte Mitarbeiterin der Leserbrief-Redaktion persönlich. Sie ging nicht darauf ein, dass meine persönliche E-Mail als Leserbrief behandelt worden war, und schrieb im Wesentlichen:

Ich habe Ihr E-Mail an den betroffenen Journalisten weitergeleitet mit der Bitte Ihnen eine Antwort zu geben, und hoffe er wird Ihnen noch antworten.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt, rund zwei Wochen nach meiner ursprünglichen E-Mail, hat sich (DM) immer noch nicht bei mir gemeldet und in der SonntagsZeitung fand ich bislang auch keine Berichtigung? dieses Beispiel ist symptomatisch dafür, wie die herkömmlichen Journalisten mit Ihrem Publikum umgehen, insbesondere auch im Bezug auf Fehler. Bei einer ähnlichen Beobachtung in einem Blog-Beitrag, beispielsweise bei neuerdings.com, würde ich den Blog-Autor per E-Mail kontaktieren oder einen Kommentar hinterlassen, worauf dieser die Sachlage prüfen und allenfalls eine Korrektur vornehmen würde. Die SonntagsZeitung hingegen hätte meine persönliche E-Mail beinahe fälschlicherweise als Leserbrief abgedruckt, bedachte mich vorwiegend mit Standard-E-Mail-Antworten und der Journalist (DM) hat bis heute noch keine Stellung zu seinem Kunstfehler bezogen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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