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06.03.12

Von vielen Startups vernachlässigter Aspekt: Eine Idee ist nichts ohne das passende Netzwerk

Entrepreneure im Silicon Valley wissen, dass ihre Idee nichts wert ist, sofern ihnen das erforderliche Netzwerk fehlt. Gründer im deutschsprachigen Raum vernachlässigen diesen Aspekt zu oft.

 

Jeden Monaten stellen wir eine Reihe innovativer Startups aus dem deutschsprachigen Raum vor. Allerdings gelingt es trotz vieler guter Konzepte nur sehr wenigen davon, sich im Laufe der Zeit einen festen Platz in der Internetlandschaft zu erarbeiten und womöglich sogar einen internationalen Durchbruch zu feiern. Das Gros der ambitionierten, in neuen Bahnen denkenden hiesigen Jungunternehmen schafft es nicht, sich dauerhaft zu behaupten, und schließt entweder eines Tages die Tore, oder dümpelt als stiefmütterlich behandeltes Nebenprojekt vor sich hin.

Man kann argumentieren, dass es sich hierbei um kein spezifisches Problem des deutschsprachigen Raums handelt. Auch im führenden Internetmarkt, den USA, gelingt es nur einigen wenigen Anbietern, nachhaltig die eigene Existenz zu sichern. Schließungen sind an der Tagesordnung (aktuell beispielsweise Brizzly und Smartr). Dennoch verbringen wir auch auf dieser Seite des Atlantiks einen immer größeren Teil unserer Onlinezeit mit Diensten und Produkten aus dem Silicon Valley. Dort hingegen assoziiert man mit Deutschland und dem Internet "bestensfalls" die Samwers.

Es wurden schon unzählige Analysen zu der fehlenden Konkurrenzfähigkeit der hiesigen Webwirtschaft im globalen Kontext verfasst. In einem Beitrag von Jenny E. Jung im Apollo M Zukunftsblog des Mediencluster NRW bin ich nun auf ein Zitat gestoßen, welches die Gesamtproblematik und einen der entscheidenden Unterschiede zwischen Deutschland (und wahrscheinlich gilt diese Aussage auch für andere europäische Länder) sowie den USA auf sehr prägnante Weise in einem einzigen Satz zusammenfasst:

"Unlike in Germany, people in the Valley believe that an idea is worth nothing if it doesn’t infuse the right network"

Im Gegensatz zu Deutschland ist man im [Silicon] Valley der Ansicht, dass eine Idee nichts wert ist, solange sie nicht mit dem passenden Netzwerk kombiniert wird", so die Autorin, die sich als Beraterin für die Standortmarketing-Agentur des Landes Nordrhein-Westfalen im Medienumfeld betätigt. Mit der Aussage legt sie den Finger in eine Wunde, die gar nicht so leicht zu heilen ist.

Hiesigen Startups mangelt es häufig am richtigen Netzwerk

Nicht selten geschieht es, dass wir die Mail eines auf dem Papier vielversprechenden Startups aus Deutschland erhalten, das sich durch eine überzeugende Idee, eine angemessene Umsetzung und ein kompetentes Gründerteam auszeichnet. Und dennoch geben wir - basierend auf unserer Erfahrung aus vielen Jahren der Beobachtung der Startup-Landschaft - dem jeweiligen Unternehmen intern nur geringe Chancen. Weil sofort offensichtlich wird, dass das notwendige Netzwerk nicht existiert, um aus einem guten Ansatz ein überzeugendes, von Millionen Menschen genutztes und mit einem zwei- oder gar dreistelligen Millionenbetrag bewertetes Erfolgsprodukt zu machen (von einem Milliardenbetrag ganz zu schweigen).

Für ein herausragendes Netzwerk reicht es nicht, einige lokale Business Angels und zwei Kontakte zu deutschen Tech-Medien zu haben, auf deren Berichterstattung man hoffen kann. Dies genügt vielleicht, um einen akzeptablen Start mit einigen hundert oder tausend Beta-Nutzern aus dem deutschsprachigen Raum hinzulegen. Sobald es aber darum geht, eine signifikante Marktdurchdringung zu erreichen und gegen internationale Konkurrenten um die Gunst der Anwender zu buhlen, ist das Netzwerk vieler hiesiger Gründer einfach zu dünn.

Ein erstklassiges Netzwerk in Aktion zeigen gerade die gestern vorgestellten People-Discovery-Apps Highlight und Glancee. Die zwei US-Startups sind wie im Artikel beschrieben bei weitem nicht die einzigen oder ersten Dienste, die über interessante Personen in der Nähe informieren. Allerdings werden sie von einer Reihe prominenter und erstklassig vernetzter, einflussreicher Vordenker und Blogger des Valleys unterstützt. Bei kaum einem US-Branchenmedium, das etwas auf sich hält, liest man derzeit nicht über die zwei Applikationen, was auf ein breites Netzwerk und eine intensive Vorarbeit der jeweilige Gründerteams schließen lässt.

Frühzeitiger Austausch mit anderen

An der US-Westküste ist genau dieses Networking eine Selbstverständlichkeit. Gründer tauschen sich in einer deutlichen früheren Phase über ihre Ideen aus, weil sie der Überzeugung sind, dass der so zu erzielende Mehrwert erheblich größer ist als das Risiko, dass jemand die Idee klauen könnte, so Jenny E. Jung.

Ausgehend von Jungs Analyse und unseren eigenen Beobachtungen deckt das perfekte Netzwerk meiner Ansicht das komplette Ökosystem der nationalen und internationalen Internetwirtschaft ab, von Kapitalgebern über Business Angels mit einer Vielzahl von guten Kontakten ins Silicon Valley über hervorragend vernetzte, renommierte Evangelisten und befreundete, bereits erfolgreiche Entrepreneure bis hin zu etablierten Beziehungen mit reichweitenstarken Technologie-Berichterstattern.

Natürlich kann das typisch deutsche, aus zwei, drei oder vier frischgebackenen Absolventen (oder Noch-Studenten) bestehende Gründerteam bei weitem nicht ein derartiges Netzwerk vorweisen. Was bedeutet, dass es entweder in vielerlei Hinsicht so außergewöhnlich und kreativ ist, dass es sich diese Kontakte blitzschnell und quasi nebenbei erarbeiten kann, oder dass es an einen Ort ziehen muss, an dem sich dieses Netzwerk fast automatisch ergibt.

Wichtige Entwicklung in Berlin

Genau deshalb stecke ich so große Hoffnungen in den Internetstandort Berlin. Auch wenn der Euphorie mitunter über die Stränge schlägt und man darüber diskutieren kann, ob überhaupt schon eines der im Zuge des Hauptstadt-Hypes entstandenen Onlineunternehmen als großer Wurf bezeichnet werden darf, so entsteht gerade in Berlin ein vielseitiges, auch zunehmend international geprägtes Netzwerk, das einmalig für Deutschland, den deutschsprachigen Raum und auch für viele andere europäische Länder ist. Noch handelt es sich beim Tech-Cluster Berlin um ein zartes Pflänzchen, dessen dauerhafter Bestand nicht gesichert ist. Wächst und gedeiht dieses Pflänzchen jedoch, werden davon am Ende auch diejenigen Entrepreneure profitieren, die heute noch mit Skepsis auf den Startup-Boom der Stadt blicken. Denn hat sich das Netzwerk erst einmal etabliert, wird jeder, der bereit ist, mit Kontakten und Erfahrung dazu beizutragen, dieses auch anzapfen können.

Es wäre sicher falsch, dem studentischen Startup aus einer deutschen Provinzstadt pauschal nahezulegen, von der Gründung eines Web-, Mobile- oder Social-Startups (letzteres ist ohne starkes Netzwerk besonders schwierig) abzusehen. Die Empfehlung eines realistischeren Blicks auf die Tauglichkeit und Diversifikation des eigenen Netzwerks und auf die langfristigen Wettbewerbschancen sowie der Tipp, so früh wie möglich mit den richtigen und wichtigen Personen zumindest auf informeller Ebene in Kontakt zu treten, statt isoliert vor sich hinzuwerkeln, sollte jedoch nicht schaden.

Einige Standortnachteile gegenüber dem kalifornischen IT- und Technologie-Hotspot werden womöglich niemals auszuräumen sein. Manche Faktoren können angehende Gründer jedoch bis zu einem gewissen Maß selbst beeinflussen. Das Netzwerk gehört dazu.

(Foto: stock.xchng/Avolore)

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