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22.10.13

Von Finnland und Nokia lernen: Wenn das Ende eigentlich der Anfang ist

Wenn, wie gerade in Frankreich, ein nationales Vorzeige-Unternehmen der Technologiebranche ins Straucheln gerät, kann dies die Basis für einen wichtigen Neuanfang darstellen. Finnland macht es vor. Deutschland fehlt ein derartiges Ereignis mit Signalwirkung.

Finnland"Manchmal muss es erst richtig krachen, damit sich etwas ändert". Ich weiß nicht, auf wen dieses Zitat zurückzuführen ist, oder ob es sich um eine simple Volksweisheit ohne spezifischen Urheber handelt. In jedem Fall fällt es schwer, den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu widerlegen. Auf Basis eben dieser Weisheit konstatierte der die französische Startup- und Technologie-Szene beobachtende Blogger Liam Boogar gestern in einem Beitrag, dass Frankreich dringend das Scheitern eines Technologie-Giganten benötigt. Konkret bezieht sich Boogar auf den in Schieflage geratenen französisch-amerikanischen Telekommunikations- und Netzwerkausrüster Alcatel Lucent. Die 2006 aus der Fusion eines US-amerikanischen und eines französischen Unternehmens hervorgegangene Organisation mit Hauptsitz in Paris gab in der vergangenen Woche den Abbau von 10.000 Stellen bekannt. Der Firmenchef stellt sogar die Existenz des Unternehmens in Frage.

Boogar sieht in dem Niedergang des Unternehmens vor allem eine dringend notwendige Befreiung der Wirtschaft von der Macht der in Frankreich extrem starken Gewerkschaften, die das kriselnde Land an einer dringend notwendigen Neuerfindung hindern würden. Ein Kommentator seines Artikels beschreibt Alcatel Lucent als "Symbol von allem, was Frankreich in den vergangenen 15 Jahren falsch gemacht hat". Tatsächlich kann die "Grande Nation" in puncto innovativer Informationstechnologie international noch weniger Akzente setzen als das im IT-Sektor auch nicht sonderlich progressive Deutschland. Stattdessen wird viel proktionisitische Energie in die vor allem medientaugliche Wahrung einheimischer Interessen gesteckt. Amazon, Yahoo und Skype können ein Lied davon singen. Nokias Niedergang setzte Kräfte frei

Boogars Feststellung, dass das eventuell bevorstehende Ende eines einheimischen IT-Giganten eine Notwendigkeit für einen Neuanfang der französischen Technologiewirtschaft sein könnte, hat grundsätzlich Substanz. Mit Finnland zeigt ein europäisches Land gerade, welche kreativen Kräfte sich freisetzen lassen, wenn ein eingerosteter, einstmals die Speerspitz der technischen Innovation darstellender Megakonzern sukzessive seine Magie verliert und nur durch die Veräußerung einzelner Sparten vor dem endgültigen Zusammenbruch gerettet wird. Die Rede ist natürlich von Nokia, einst Finnlands Stolz und Identität, am Ende jedoch behäbiger Handyhersteller, der von Apple, Samsung & Co im Smartphone-Geschäft überholt wurde und sich schließlich nach diversen schmerzhaften Entlassungsrunden zu einer Liaison mit Microsoft gezwungen sah.

Doch während das Quasi-Ende der unabhängigen Handy-Marke Nokia vielen Finnen in der Seele weh tut, hat die sich seit vielen Jahren drehende Abwärtsspirale Nokias für das kalte Land im Norden überraschend viele positive Nebenwirkungen: Die Abfindungspakete, die das Unternehmen seinen vor die Tür gesetzten Mitabeitern anbot, sichern ihnen die zwölf- bis 18-monatige Finanzierung unternehmerischer Neugründungen. Nokia hat dies mittlerweile die Bezeichnung als "größter Frühphasen-Investor Finnlands" eingebracht.

Vom Staat unterstützter Startup- und Gründerboom

Hunderte, wenn nicht tausende ehemalige Nokia-Angestellte, bekamen ausgerüstet mit spezialisierter Expertise ihres ehemaligen Arbeitgebers, Startkapital und einer seit langer Zeit nicht mehr verspürten Freiheit plötzlich die Möglichkeit, ihr eigenes Ding zu machen. Unterstützt werden sie vom finnischen Staat, der ein Interesse daran hat, dass die einheimische Volkswirtschaft nie wieder derartig abhängig von einem einzigen Unternehmen werden würde wie einst von Nokia - laut Economist war er Konzern im Jahr 2000 für vier Prozent des finnischen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich. Auch die erstklassige, Kreativität und eigenständiges Denken fördernde Schul- und Hochschulbildung sowie die für europäische Verhältnisse gute Verfügbarkeit von Venture Capital trugen dazu bei, dass Finnland heute zu den angesagtesten IT-Standorten der Welt gehört. Gerade übernahm der japanische Telekommunikationskonzern SoftBank 51 Prozent des jungen finnischen Spieleherstellers Supercell - für heftige 1,5 Milliarden Dollar. Ein anderes Entwicklerstudio, Rovio, schuf mit Angry Birds einen Welterfolg. Auf derartige Megahits wartet die deutsche Branche schon seit einer gefühlten Ewigkeit.

Von Finnland lernen

Wenn die Nordeuropäer den eingeschlagenen Weg fortsetzen, wird der Verlust von Nokia als einheimischer Job- und Innovationsmotor rückblickend das Beste gewesen sein, was der finnischen Technologiewirtschaft passieren konnte. In anderen Ländern, wie etwa Frankreich, müssen die Effekte des Niedergangs eines einstigen Leuchtturms der Technologiebranche nicht den gleichen Bahnen folgen. Viel hängt davon, wie Bevölkerung und Politik mit der Situation umgehen. Ob sie die Arme hochkrempeln oder lieber ausgiebig die Schuldfrage debattieren (und dabei wahrscheinlich zu der Erkenntnis kommen, dass alle anderen schuld sind). Generell lehrt die Entwicklung in Finnland jedoch, dass ein herber Schlag den idealen Beginn einer neuen Ära einläuten kann.

Auch Deutschland täte ein mentaler und struktureller Neuanfang gut. Nichts konnte die hiesige Politik bisher so richtig davon überzeugen, sich ernsthaft dem Wohle und der Förderung der Internet- und IT-Wirtschaft zu verschreiben. Das hat auch damit zu tun, dass der schmerzhafte Niedergang eines Technologie-Vorzeigeunternehmens - wie etwa SAP - ausblieb. Wo es nicht kracht, sehen die Entscheidungsträger keinen Handlungsbedarf für einschneidende Veränderungen. Eines Tages könnte sich das für Deutschland rächen. /mw

(Illustration: made in finland stamp, Shutterstock)

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