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07.12.12

Von 0 auf 30.000 Besucher in einem Tag: Die wahre Kraft des Internets

Dass das Internet jedem Menschen die Werkzeuge in die Hand gibt, um zum Publizisten zu werden, ist keine Neuigkeit mehr. Dennoch kann die Fähigkeit des Netzes zur unvermittelten Schaffung massiver globaler Reichweite vollkommen überraschen.

Wir heben immer wieder gerne die Eigenschaft des Internets hervor, jedem Menschen publizistische Reichweite zu verschaffen. Etwas, das noch vor 20 Jahren undenkbar war. Gewisserweise stellen netzwertig.com und alle anderen Blogs, Blognetzwerke und Mini-Onlineverlage den lebendigen Beweis für diese These dar. Genau wie jedes Twitter-Konto natürlich, jedes öffentliche Facebook-Profil und jede Google+-Präsenz. Doch selbst jemand wie ich, der diese Eigenschaft der digitalen Ära nicht nur vor langer Zeit verinnerlicht, sondern von ihr auch maßgeblich profitiert hat, kann von den Dimensionen, welche die Kraft des Webs annehmen kann, vollkommen überrascht werden. So geschehen gestern.

Auf meinem privaten Blog, wo ich sporadisch kurze Beiträge über dies und das auf Englisch publiziere, wo ich aber aufgrund langer Phasen ohne Updates so gut wie keine regelmäßigen Leser habe, schrieb ich mir gestern in einem kompakten Text meine Besorgnis über das geplante Leistungsschutzrecht und die unverfrorene Stimmungsmache der hiesigen Mainstreampresse unter dem Deckmantel von objektivem, ausgeglichenem Journalismus von der Seele. Das Ganze dauerte ungefähr 30 Minuten, kurz vor Mittag war der Post online. Ich weiß nicht, wie viele Nutzer meinen RSS-Feed abonniert haben. Viele dürften es nicht sein, auch weil ich kürzlich erst die Blogplattform gewechselt und dabei den alten RSS-Feed einfach stillgelegt habe. Die einzigen Kanäle, über die ich auf den Beitrag hinwies, waren Twitter, Facebook, App.net, LinkedIn und Google+.

Ich hatte die Hoffnung, dass der Beitrag einigen meiner vergleichsweise wenigen, nicht der deutschen Sprache mächtigen Followern dabei hilft, zu verstehen, was es mit den zahlreichen Tweets der letzten Zeit zum "Leistungsschutzrecht" oder "#lsr" auf sich hat. Mein Eindruck war, dass die ausländische Tech- und Medienwelt noch nicht ganz im Bilde darüber ist, was Verleger und Politiker in Deutschland da gerade zusammenbrauen.

Nun, das Ergebnis meines spontanen, eher flüchtig heruntergeschriebenen Beitrags auf einem Blog, das an vielen Tagen über Besucherzahlen im unteren zweistelligen Bereich nicht hinauskommt: Zwischen 11:00 am gestrigen Donnerstag und 6:30 heute früh erhielt der Artikel 319 Retweets, 159 Facebook-Likes und 68 G+-Klicks. Was die Trafficzahlen betrifft, traute ich beim Blick auf die Statistik kaum meinen Augen: Rund 30.000 Unique Visitors riefen den Beitrag in gut 20 Stunden auf (laut Clicky). Der Großteil davon, mehr als 20.000, kamen vom renommierten, im Silicon Valley ansässigen Portal Hackernews, wo mein Blogbeitrag von einem Leser verlinkt wurde und dank zahlreicher Votes von Hackernews-Anwendern viele Stunden prominent unter den beliebesten Meldungen erschien.

Dem Post bei Hackernews vorausgegangen war eine virale Verbreitung über die genannten Social-Media-Kanäle. Rivva, das selbst vom Leistungsschutzrecht betroffen wäre, illustriert ansehnlich, welche Twitter-Konten als entscheidende Multiplikatoren fungierten, um den Artikel in der englischsprachigen Websphäre zu verbreiten. Dass mein eigener Tweet vergleichsweise viele Retweets erhielt, ist zum Teil eine Folge der Retweets durch andere Nutzer.

Angesichts des für mich völlig unerwarteten Besucheransturms war es kein Wunder, dass mein Blog eine Zeit lang eher behäbig reagierte und auch mal kurz gar nicht aufgerufen werden konnte. Bedenkt man aber, dass die Site auf einem herkömmlichen Webhosting-Privatpaket für umgerechnet ein paar Euro monatlich läuft, muss ich meinem schwedischen Hoster Binero an dieser Stelle ein Lob aussprechen.

Der Fall führt eindrucksvoll vor, wie selbst ein völlig unbekanntes Webangebot von einem Augenblick zum nächsten zu einem Trafficmagnet für Nutzer aus aller Welt werden kann. Und das mit einem schlichten Meinungsbeitrag. Sicherlich wirkte sich die Tatsache, dass ich mir über die Jahre bei Twitter & Co einige tausend Follower erarbeitet habe, positiv auf die virale Distribution aus. Doch in der Regel erhalten meine Tweets kaum mehr als einige wenige Reaktionen, manchmal auch gar keine. Entscheidend für den Erfolg des Textes war meines Erachtens nach eine effektive Überschrift und, dass zum richtigen Zeitpunkt die "richtigen" User, etwa Medienprofessor Jeff Jarvis oder Journalist Mathew Ingram, durch Shares zu Multiplikatoren wurden. Von da an war der Post ein Selbstläufer, was die weitere Verbreitung betraf.

Obwohl bereits eine Reihe von Blogs und Nachrichtenportalen im angloamerikanischen Bereich über das geplante Leistungsschutzrecht berichtet haben, zeigt die Resonanz auf meinen Beitrag auch, dass die Initiative der Verlage außerhalb des deutschsprachigen Raums bisher kaum wahrgenommen wurde. Sofern ich mit meinem Text daran etwas ändern kann, dann freut mich das sehr. Wenn schon die deutschen Presseverlage nicht in der Lage sind, inhaltlich angemessen und nach Regeln der journalistischen Sorgfalt über den Gesetzentwurf zu berichten, dann schadet ein kritischer Blick aus dem Ausland sicherlich nicht.

Es ist diese Fähigkeit, sämtliche Publikations- und Reichweitenbarrieren niederzureissen, die das Internet zu so einer revolutionären Technologie macht. Und es ist das sich dadurch auflösende Informations- und Meinungsmonopol, das einigen - nicht allen, aber einigen - etablierten Medienakteuren nicht behagt. Der Ruf nach einem Leistungsschutzrecht stellt eine Folge dieses Unbehagens dar. Beobachtet man, mit welchen ethisch fragwürdigen Mitteln die Medien das Gesetz durchzudrücken versuchen, erscheint für mich eindeutig, dass ihre - ohnehin zum Scheitern verurteilten, aber Kollateralschaden anrichtenden - Versuche, das Monopol künstlich aufrecht zu erhalten, nicht vertretbar sind.

Sollte ich mit diesem Beitrag einigen Leserinnen und Lesern Lust gemacht zu haben, auch mal wieder zu bloggen: Tut es. Es wirkt!

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