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20.04.09

Vom Desktop in die Cloud: Wie lange spielen die Provider mit?

Zahlreiche Anwendungen und Prozesse wandern von lokalen Geräten ins Web. Während dadurch die Menge des Datenverkehrs ansteigt, experimentieren Zugangsprovider mit Traffic-Deckelungen und Volumentarifen. Ein brisantes Spannungsfeld.

Ich mache mir seit einiger Zeit Sorgen. Der Grund: Zwei mit der Evolution des Internets einhergehende Trends, die so gar nicht zueinander passen. Auf der einen Seite haben wir Cloud Computing, das verstärkt ressourcenhungrige Prozesse vom Desktop ins Web befördert. Auf der anderen Seite Breitbandanbieter, die sich nicht so recht mit dem dadurch verursachten Anstieg des Datenverkehrs anfreunden wollen und daher verstärkt über die Einführung volumenbasierter Tarife oder Traffic-Deckelungen nachdenken.

Apples populärer Musikshop iTunes bietet nach den USA nun auch in Deutschland Filme zum kostenpflichtigen Streaming bzw. Download. Filmfans haben damit eine weitere attraktive Quelle, um sich neueste DVD-Streifen bequem, legal und bei Leihpreisen von drei bis vier Euro für 30 Tage relativ preiswert aus dem Netz zu laden. Für jeden komplett angeschauten Film fließen zwischen 1,3 und und zwei Gigabyte durch den heimischen Breitbandanschluss - für Besitzer einer Flatrate nichts, worüber sie sich Gedanken machen müssen.

Was für Freunde digitaler Medieninhalte erfreulich ist, wird besonders in den Augen der US-amerikanischen Zugangsanbieter eine immer größere Last. Für sie bedeutet der wachsende Datendurchsatz steigende Kosten. Die bisher funktionierende Mischkalkulation, bei der ein großer Anteil an Flatrate-Durchschnittsnutzern das erhebliche höhere Trafficaufkommen einiger weniger Power User ausgleichen konnte, gerät ins Wanken.

Dank Videoportalen (allen voran YouTube), Musikdiensten, Communities, Fotodiensten oder Online-Backup-Services verursachen auch bisherige Otto-Normal-User einen immer größeren Datendurchsatz. Abgesehen von der Notwendigkeit, ihre Leitungen an das gestiegene Trafficvolumen anzupassen, inspiriert diese Entwicklung die Zugangsanbieter vor allem zu Maßnahmen, um Kunden mit überdurchschnittlicher Netzaktivität extra zur Kasse zu bitten.

Während deutsche User zumindest in Ballungsgebieten eine breite Auswahl an fair bepreisten Breitband-Flatrates haben, experimentieren US-Provider bereits seit einiger Zeit mit Traffic-Begrenzungen und Volumentarifen. Beim Blog GigaOm hat man deshalb einmal verglichen, wie viel der Download eines Filmes aus dem iTunes Store in HD-Qualität den User tatsächlich kostet. Dazu hat man zu den 3,99 Dollar Leihgebühr für den Film Twilight - 3,8 Gigabyte groß - die anteilig für den Traffic anfallenden Kosten für den Internetzugang addiert.

So kostet beim 100 Gigabyte-Paket von Time Warner für insgesamt 75 Dollar pro Monat ein Gigabyte 0,75 Dollar - was den Preis für die Ausleihe von Twilight von 3,99 Dollar auf 6,84 Dollar ansteigen lässt. Bei AT&T beläuft sich die Gesamtsumme in den Testmärkten, in denen eine 150 Gigabyte-Obergrenze gilt, auf 5,36 Dollar, und bei Comcast werden immerhin noch 0,65 Dollar zusätzlich für das Streaming des Filmes fällig.

Was glückliche Besitzer einer unbegrenzten Flatrate leicht (und verständlicherweise) vergessen, wird mit der von den amerikanischen Zugangsprovidern forcierten Wiedereinführung von Volumenpaketen plötzlich zu einer zentralen Frage für Internetnutzer: Wieviel kostet das Herunter- oder Hochladen von Inhalten und Dateien unabhängig davon, ob der jeweils genutzte Service selbst eine Zahlung erfordert oder gratis zur Verfügung gestellt wird.

Wir befinden uns noch immer am Anfang des Cloud-Zeitalters. Bei einer vollständigen Umsetzung der Cloud-Idee liegen im Prinzip keine Daten mehr lokal auf den (stationären sowie mobilen) Zugangsgeräten der Anwender. Sämtliche Rechenprozesse finden innerhalb global verteilter Serverfarmen statt. Dank einer allgegenwärtigen Internetabdeckung greifen User "on Demand" auf die benötigten Daten zu - seien es Filme, Musik, Dokumente, Fotos oder Software-Anwendungen.

Davon ausgehend ist weiterhin mit einer deutlichen Zunahmen des Datenverkehrs auszugehen. Angetrieben wird diese nicht mehr nur von der nach Downloads lechzenden Minderheit an Geeks und Computer-Freaks, sondern verstärkt von Durchschnittsnutzern, die sich langsam aber sicher (und größtenteils unbewusst) an die Cloud heranwagen.

Ein Interessenkonflikt zwischen Usern, Webdiensten und Zugangsanbietern ist unausweichlich. Stellen sich die Provider quer, dürften selbst die besten Cloud-Services Schwierigkeiten haben, die Nutzer von sich zu überzeugen. Zumindest aber würden die zahlreichen Vorteile der Cloud von einem entscheidenden Nachteil auf der Breitband-Kostenseite überschattet.

Bedroht sind vor allem trafficintensive Services wie Online-Backups oder eben Video-on-Demand in hoher Qualität. Bislang haben derartige Angebote nicht den Internet-Mainstream erreicht. Derzeit sind noch Filesharing-Protokolle wie BitTorrent sowie YouTube-Videos für einen Großteil des weltweiten Trafficvolumens verantwortlich. Doch der Anteil anderer Cloud-Dienste am Traffic-Kuchen sowie dessen Gesamtmenge wird ansteigen. Und damit auch die Unzufriedenheit der Zugangsprovider.

 

(Foto: boliston; CC-Lizenz)

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