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11.05.08

Viel Feuilleton, wenig Feuilletonisten

Eine Theaterkritik macht noch kein Feuilleton: Was sich heute hinter diesem Ressort versteckt, ist oft genug ein Ramschladen journalistischer Versicherungsschäden.

Eine Theaterkritik macht noch kein Feuilleton (Bild Keystone)Es ist so ein Wort, bei dem ich mich ständig vertippe: Feuilleton. Alle großen Zeitungen sind voll davon, doch im Innern ist immer nur wenig Feuilleton zu finden: Diese impressionistisch hingehauchten 'Blättchen' vom Baum des Lebens sind fast völlig verschwunden. Woran liegt's?

Hauptsächlich wohl an einem Missverständnis. Bloße Kritik ist noch lange kein Feuilleton. Stellt eine Zeitung also die Buchrezensionen, die Theaterkritik, die Vernissagen-Berichte und die Reportagen aus der Belgrader Dancefloor-Szene unter den Schriftbalken 'Feuilleton', dann hat sie wohl der Pop-Literatur und allen möglichen anderen Absolventen der Geisteswissenschaften eine mediale Heimat gegeben, sie hat aber noch lange kein Feuilleton geschaffen. Genrebewusstere Zeitungen schreiben daher auch 'Kultur', 'Theater', 'Wissenschaft', 'Reisen' oder 'Modernes Leben' über ihre entsprechenden Spalten. Mit anderen Worten: Aus vier Seiten DNA-Code wird im Leben kein echtes Feuilleton.

Theodor Lessing, einer der wenigen wirklichen Feuilletonisten, die wir in Deutschland kannten, schrieb selbstbewusst, weil er beides konnte:

 

"Viel leichter zehn Seiten wissenschaftliche Abhandlung als zehn Zeilen Feuilleton".

Kürze, Stoffarmut, Verständlichkeit und das 'Übersetzen von Gedanken in Situationen', das bezeichnete er als die wesentlichen Merkmale eines guten Feuilletons. Natürlich in einem feinst ziselierten Text, der exakt diesen Merkmalen entsprach. Feuilletonismus wäre ihm zufolge die Kunst, nahezu ohne Inhalt auszukommen, ganz ohne das Schwarzbrot des gewöhnlichen Journalisten, und trotzdem etwas Dauerndes zu schaffen.

Von diesen raren Figuren gab es in Deutschland wirklich nur wenige: Ferdinand Kürnberger konnte so etwas, auch der Franz Dingelstedt , mit Sicherheit ein Kurt Tucholsky, vor allem dann, wenn er als 'Peter Panter' unterwegs war, der große Joseph Roth natürlich, der nahezu vergessene Franz Blei, ein Alfred Polgar, von den neueren vielleicht ein Friedrich Sieburg an besseren Tagen. Sicherlich zählt auch der Joachim Ringelnatz in seinen prosaischen Momenten dazu, wenn der Köm und das Geld zur Neige ging ('Mit der 'Flasche' auf Reisen'), ebenso wie ein Peter Rühmkorff - dessen Tagebücher sind Tag für Tag nichts anderes als Feuilletons in nuce. Vor allem aber der Meister von allen: der versoffene Österreicher Peter Altenberg.

An letzterem lässt sich übrigens die ganze Inkonsequenz eines Karl Kraus aufzeigen, der mit seinen Invektiven für die Hälfte aller Ressentiments gegen das Feuilleton in Deutschland verantwortlich ist. Denn wer hierzulande erst einmal als 'Feuilletonist' beschimpft wurde, dem sind alle höheren Ämter fortan verschlossen. Während Karl Kraus also den minderen Feuilletonisten wie Stefan Grossmann, Hermann Bahr oder Theodor Herzl einen verdienten Tritt nach dem anderen versetzte und dabei an diesen, seinen 'Mausis', kein gutes Haar ließ, küsste der sensible Sprach-Gourmet einem Peter Altenberg wiederum in tiefer verbaler Demut die Füße. Obwohl der doch nur jenes Feuilletonistische zur Meisterschaft entwickelt hatte, an dem die anderen scheiterten.

Sagen wir's also, wie's ist: Unsere Feuilletons sind trotz ihres irreführenden Namens heute gar keine mehr. Vor allem aus Mangel an Feuilletonisten. So wurden sie Tummelplätze für diejenigen Leute, die sich ein Leben lang fragen werden, welchen Beruf sie nach dem Studium eigentlich genau verfehlten.

Das aber, was uns in den Journalismus-Seminaren als 'Feuilleton' verkauft wird, das vergessen wir ganz schnell wieder. Da ist es nur die Bezeichnung für eine 'Resterampe' oder für einen Ramschladen journalistischer Versicherungsschäden. Dort findet sich dann das übliche Sammelsurium an Artikeln ein, das nach dem Auskehren der Redaktionen allabendlich übrig bleibt und auf jenen Seiten entsorgt wird, die diesen altehrwürdigen Namen zu Unrecht tragen.

Wer aber selbst mal ein echtes Feuilleton verfassen möchte, wer also etwas Bedeutendes ohne Anlass schreiben will, der soll sich doch ruhig am Naheliegendsten versuchen. Thema: Mein Monitor. Platz: 60 Zeilen. Pointen nicht erlaubt. – Wie, geht nicht? ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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