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11.12.07

Vakant: Boulevard-Blatt in der Schweiz

Herr Döpfner, aufgepasst: In der Deutschschweiz ist Platz frei für eine neue Zeitung. Es geht dabei nicht um irgendeine Nische, sondern um die Position als grösstes Boulevardblatt. Denn der Blick, der diese Position bisher innehatte, wird sich in den nächsten Monaten verabschieden vom Boulevard, wie man ihn seit Jahrzehnten kennt und wie er in vielen Ländern erfolgreich ist.

Der Blick will hintergrundlastig werden, magazinig, ein Bund mit langen Geschichten. Das geschieht, weil man sich abgrenzen möchte von den in der Schweiz grassierenden Gratiszeitungen. Denn viele fragen sich, was denn genau der Mehrwert ist, den der Blick liefert. Zurecht, denn auch wenn in der Hauptredaktion rund 70, beim Sportteil gegen 50 Leute sitzen, merkt man das dem Blatt nur teilweise an. Es sind zwar journalistische Stories im Blatt, aber die sind oft dröge und noch öfters völlig an den Leserwünschen vorbei. Blick wirkt wie eine Zeitung von 50jährigen für 80jährige.

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Daniel Pillard, Direktor ad interim von Ringier Schweiz, sagt :

 

Boulevard kann nicht mehr ?Sex and Crime?, nicht mehr so brutal und so wild sein wie in den Siebzigerjahren. Diese etwas alten Konzepte funktionieren vielleicht noch im Osten. Aber hier geht das gesellschaftlich nicht mehr, die Jungen sind offener, der Platz der Frau in der Gesellschaft hat sich verändert. So muss sich auch der Boulevard ändern, magaziniger werden, mit einer schönen Bildsprache und gut geschriebenen Texten.

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Ich will nicht behaupten, da sei gar nichts dran. Aber das ehemals stolze Blatt hatte mal eine Auflage von 382.000 Exemplaren (1986) und nun nur noch 240.000 ( 2007 ). 1986 gab es noch keine Konkurrenz von den Gratiszeitungen und auch kein Internet, aber damals verkaufte sich die Zeitung. Mit einem Sex & Crime-Kurs, mit einem überzeugenden Sportteil, mit Bingo. Während jedes Land eine oder mehrere Boulevardzeitungen hat, kann das ausgerechnet den Schweizern nicht zugemutet werden?

 

blick online 3Ringier verdient nach eigenen Angaben mit dem Blick immer noch Geld, auch wenn viel weniger als in den goldenen Jahren. Mehr Geld verdient der Verlag aber mit Publikationen in Osteuropa und Asien : Kiew, Prag, Budapest, Bukarest, Ostrava, Bratislava, Belgrad, Hong Kong, Peking, Hanoi. Was das genau für Publikationen sind, will man offenbar auf der Website nicht detailiert ausweisen - einige klassische Boulevardzeitungen sollen aber dabei sein.

Nur in die Schweizerinnen und Schweizer können das anscheinend nicht vertragen. Ich glaube das nicht. Um ein Blatt machen zu können, das nah bei den Leuten ist, muss man so reden und denken wie die Leser (was Ringier mit der Gratiszeitung Heute ganz gut gelungen ist). Bei Blick ist das Problem, dass man weit aufs Land fahren muss, um einen Leser zu finden, der noch nicht vordringlich an seine Rente denkt. Auch wenn es immer mehr alte Menschen gibt - ein nationales Boulevardblatt kann keine Seniorenzeitung sein.

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Ich bin mir sicher, dass wenn man Blick-Leser fragt, ob der neue Blick eher magazinig sein soll oder nicht, ihm das so ziemlich egal ist. Boulevard-Lesern geht's um die Inhalte und die müssen a) etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun haben, b) unterhaltend sein (das heisst spannend, witzig, gut gemacht) und c) etwas liefern, das andere nicht liefern.

Wenn man diese drei Punkte auf den aktuellen Blick anwendet, dann fällt

a) komplett durch. Während sich die Blick-Leser in den letzten Jahren der SVP zugewandt haben und somit indirekt einen Milliardär wählten, der für weniger Staat und eine verschärfte Ausländerpolitik steht, so schrieb Chefredaktions-Sidekick Frank A. Meyer jede Woche verlässlich über die Auswirkungen eines entfesselten Neoliberalismus (im SonntagsBlick, muss man sagen - der Blick machte derweil Kampagnen gegen vermeintliche Abzocker-Manager und vergraulte die Werbekunden).

b) ist schlecht bis ungenügend. Die Zeitung unterhält ab und zu mal, grundsätzlich merkt man aber, dass es ein lieblos gemachtes Produkt ist - gemacht von einer überbesetzten und mehr oder weniger unmotivierten Truppe. Sicher ist ab und zu mal ein Highlight drin, aber von 120 Leuten ist definitiv mehr zu erwarten.

c) ist die tägliche Herausforderung. Wenn man aber soviel Man- und Womanpower zur Verfügung hat, dann kann man was richtig gutes machen, sogar in der kleinen Schweiz. Geliefert hat der Blick in den letzten Jahren kaum etwas, an das man sich erinnert. Und das, an das man sich erinnert, waren Reinfälle: Die schon vorher bekannte Fax-Affäre, Thomas Matter im "Swissfirst-Sumpf", "der frechste Pensionskassenverwalter" Jürg Maurer.

blick online 4Klar ist, und das hat auch auch die Readerscan- Methode gezeigt, dass die Leser mehr wollen als Agenturmeldungen. Das kriegen sie nämlich schon überall sonst (in den Gratiszeitungen, im Bus, im Teletext, im Internet, ...). Der neue Chefredaktor Bernhard Weissberg sagt :

 

Unsere Leserschaftsforschung hat ergeben, dass längere Texte auch bei den Blick-Lesern mehr geschätzt werden als Kurzfutter.

Und Bernhard Weissberg ist auch eine Hoffnung für den Blick. Er hat es geschafft, das allerseits belächelte Heute zu etablieren und konnte dem Ringier-Verlag neue, junge Printleser liefern. Geschafft hat er das, in dem sorgfältig abgeklärt wurde, was die Zielgruppe lesen möchte: Offenbar Ausgehen, Internet, Dating, Alltägliches, Kurioses und ab und zu Promis. Vor allem aber etwas über die Leser selbst.

Wenn man nun beim Blick rausgefunden hat, dass eher längere Strecken gelesen werden, ist das schön und gut - aber kann eine Boulevard-Zeitung tatsächlich zu einem Magazin werden? Womöglich noch mit geistigem Anspruch? "Schöne Bildsprache"? Ist es dann nicht einfach ein komplett anderes Produkt? Dass die Leser mehr möchten als die Agenturmeldungen, die sie auch in den Gratiszeitungen lesen können, liegt auf der Hand. Aber elaborierte Aufsätze? Lange Interviews? Warum nicht, aber ist das noch unterhaltend oder schon anstrengend?

In Berlin lese ich regelmässig die B.Z., aus dem Springer-Verlag. Und ich gebe zu, ich lese sie gerne, und offenbar bin ich nicht der einzige. Weit mehr als die Bild-Zeitung aus dem gleichen Verlag prägt diese Zeitung das Strassenbild Berlins. Gerade in Arbeiter- bzw. HartzIV-Bezirken wird sie sehr gut gelesen. Sie liegt in jeder Kneipe, in jedem Take-Away rum. Sie ist emotional und witzig - manchmal gibt sie sich sogar Mühe, fair zu sein . Das ist aber nicht das erste Ziel. Das erste Ziel ist, den Leser zu unterhalten und zu informieren. Und das in Klartext, und nicht in verschwurbeltem Quark.

Es gibt aber einen gewichtigen Unterschied zwischen der B.Z. und dem Blick. Es ist nicht der, dass die B.Z. ja bekanntlich ein menschenverachtendes Naziblatt und der Blick ein Hort der Aufklärung der Massen (B.Z.-Ausgabe vom letzten Donnerstag, Titel: "Blauweisse Hertha, wie braun warst Du? - warum Hertha die Untersuchung so wichtig war". Seite 2: "Postchef Zumwinkel: Auf seinem Konto geht die Post ab".) Nein, es ist der Aufwand und der Ertrag. Gemäss Impressum (06.12.2007) arbeiten bei der B.Z. nämlich exakt 35 Menschen. Da ist der Chefreporter dabei, der Sport, die Politik, Lokales, Kommunales, der Kiezreporter, die Polizeiredaktion, offenbar alles. Kann das die Wahrheit sein? Dass in Berlin 35 Leute eine Zeitung produzieren, die täglich unterhaltsam ist? Während in Zürich 120! Leute, also 3.4! mal mehr, ein Schlafblatt liefern? Ich mach jetzt mal Aus!rufe!zeichen!, wir schreiben ja über Boulevard.

blick online 6Wenn man sich in der Schweiz online umsieht, dann merkt man, dass 20 Minuten die Schwäche von Blick längst ausgenutzt hat und ohne es jemand wirklich bemerkt hätte, zum Boulevard-Onlineportal Nummer 1 avanciert ist. Dass man bei der Printversion nicht mehr reinsteckt als nötig, liegt daran, dass 20 Minuten derzeit so erfolgreich ist, dass jede Änderung überflüssig ist. Wäre es nicht so, hätte Tamedia sicher auch in Print längst mehr in Boulevard investiert. Ein anderer Grund liegt darin, dass sich Tamedia (Tages-Anzeiger ) einer Stammleserschaft gegenübersieht, die Boulevard nicht besonders estimiert. Deshalb wurde auch 20min.ch nur sehr schleichend zum Boulevardportal umgebaut.

Ich weiss nicht, wer die Idee hatte, einen Theologen zum Chefredaktor des grössten Schweizer Boulevardblatts zu machen (Werner De Schepper, Chefredaktor Blick 2002 - 2007), aber vermutlich ist es eine ebenso dumme Idee, wie einen Pfarrer zur Tresenkraft einer Arbeiterkneipe zu machen. Ich bin mir sicher, auch die Schweizer wollen nicht moralisiert werden. Sondern auch sie wollen eine Zeitung, die den wie auch immer Mächtigen auf die Finger klopft. Sie auch mal auslacht. Ihnen zeigt, dass sie sich nicht alles leisten können. Natürlich darf das auch ein Manager sein - aber man darf nicht vergessen, dass das die Hand ist, die den Boulevardleser füttert. Man muss dabei nicht so dreist vorgehen und Promis beim Müllrausbringen fotografieren. Das interessiert nämlich sowieso niemanden.

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Illustriert ist der Text mit Screenshots aus der Hauptseite von Blick Online am 04.12.2007, 13:40 Uhr. Da nichts davon als Werbung gekennzeichnet ist, muss es sich bei allen Ausschnitten um redaktionelle Inhalte handeln.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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