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24.08.12

Unpopulärer Strategiewechsel: Die unangenehme Machtlosigkeit der Twitter-Kritiker

Viele engagierte, aktive und frühzeitige Twitter-Nutzer fragen sich dieser Tage, wie sie gegen die vielkritisierte strategische Neuausrichtung des Dienstes aufbegehren können. Doch im Prinzip sind sie machtlos - ein ungewohntes und ungutes Gefühl.

Noch nie in der Geschichte des Internets hat sich ein Unternehmen in einem so relativ kurzen Zeitraum vom Liebling zum Feindbild der Tech- und Programmierer-Community entwickelt wie Twitter. Sicher, Anzeichen für den geplanten Strategiewechsel des Microbloggingdienstes von der offenen Plattform zum in sich geschlossenen Medienanbieter gab es schon länger. Die entscheidenden Maßnahmen zur Umsetzung dieses Vorhabens traf die Firma aus Kalifornien aber in geballter Form in den letzten Wochen und Monaten. Dazu zählen erhebliche Einschränkungen für Entwickler bei der neuen Version der Twitter-API, die Unterbindung der Möglichkeit des Twitter-Kontakte-Abgleichs für Instagram und Tumblr, das restriktive und seltsame Regelwerk rund um das neue Firmenlogo, die sehr an das Verhalten von Medienkonzernen erinnernden Aktivitäten und Partnerschaften bei den Olympischen Spielen sowie die aufsehenerregende Deaktivierung des Accounts eines Journalisten, der sich in Tweets kritisch über Twitter-Partner NBC geäußert hatte.

Im Sommer 2012 lässt Twitter seine Maske Fallen. Zwar nicht aus Boshaftigkeit sondern aus der nach sechs Jahren des Bestehens immer dringender werdenden Notwendigkeit rasant wachsender Werbeerlöse, aber trotzdem zum Unmut einer mutmaßlich kleinen, aber dafür lautstarken Gruppe an Anwendern und Multiplikatoren. Diese stehen angesichts der Ereignisse bei dem Zwitscherdienst vor einer kniffligen Frage: Auf welche Weise drücken sie ihren Unmut aus und zeigen, dass derartige, bei den einst wichtigsten, da ersten Twitter-Nutzern, unpopuläre Entscheidungen nicht ungestraft bleiben?Die logische Konsequenz hat einen Haken

Die logische Konsequenz wäre, die Nutzung des Dienstes schlicht zu beenden. Genau wie man im Supermarkt nur Produkte wiederholt erwirbt, die den eigenen Ansprüchen gerecht werden, sollte man auch bei digitalen Diensten nur die Angebote konsumieren, die einen nicht ständig enttäuschen. Doch dies ist nicht so leicht. Denn wer den Microbloggingdienst über Jahre regelmäßig für berufliche oder private Zwecke verwendet hat, der ist von ihm auf eine gewisse Weise abhängig. Nicht physisch wie ein Junkie von seinem Heroin, aber doch auf einem subtilen Level.

Wer sich entschließt, am heutigen Freitag aus Protest gegen die Wiedergeburt von Twitter als konservativen Werten folgender Mediengigant die Nutzung des Dienstes einzustellen, dem wird über einen langen Zeitraum etwas fehlen. Je nach bisherigem Einsatzzweck handelt es sich dabei lediglich um ein Gefühl, das sich nach Tagen oder Wochen legt. Oder es entsteht - wie beispielsweise im Falle von Bloggern, Journalisten, Kommunikationsexperten und Marketern - tatsächlich ein Mangel an Echtzeit-Informationen, die negative Auswirkungen auf den beruflichen Alltag haben.

Mangel an Alternativen

Es existiert bisher ganz einfach keine ebenbürtige Alternative zu Twitter. Möglicherweise entsteht diese gerade mit App.net. Noch handelt es sich dabei aber nicht um mehr als einen Testballon im kleinen Kreis mit einem wachsenden, aber noch sehr experimentellen Angebot an Apps. Dass ich heute meine TweetDeck-Desktop-App mit den geliebten Spalten sowie mein Twitter-Kontaktnetz aufgeben und bei App.net ohne immensen Zeitaufwand ein vergleichbares Pendant finden kann, das mich fortan ähnlich gut informiert und unterhält wie Twitter - unwahrscheinlich. Vielleicht nicht für immer, aber derzeit. Auch Facebook und Google+ sind kein adäquater Ersatz. Beide wirken im Vergleich zu Twitter zu komplex und schlicht nicht optimiert für die Einsatzzwecke, in denen Twitters Stärken liegen.

Twitters Untergang heraufbeschwören - und weitertweeten

Das Dilemma derjenigen, die mit Sorge Twitters Neupositionierung beobachten: Um mit dem Tweeten von heute auf morgen aufzuhören, sind sie auf eine akzeptable Ausweichlösung angewiesen. Diese jedoch gibt es nicht. Die Folge ist, dass selbst ein Beobachter wie Nico Lumma, der Twitter unaufhörlich den baldigen Exitus voraussagt, trotzdem weiterhin tweetet wie ein Weltmeister. Twitters größte Kritiker sind nicht in der Lage, dem Dienst den Rücken zu kehren.

Ich bin sicherlich nicht der einzige, der sich nicht dabei wohlfühlt, mich regelmäßig hier oder - noch besser: bei Twitter - besorgt über den eingeschlagenen Pfad des Microblogginganbieters zu äußern, in der nächsten Sekunde aber schon wieder von dessen vielseitiger Einsatzbarkeit entzückt zu sein und es mit Begeisterung den ganzen Tag im Hintergrund laufen zu haben.

Ungewohnte Machtlosigkeit

Viele engagierte, bewusste Nutzer werden es spüren: Wenn Twitter mit seiner jetzt Schlag auf Schlag in die Tat umgesetzten Transformation durchkommt, dann wäre dies eine ganz bittere Pille für alle, die glaubten, im Zeitalter von Social Media könnten Unternehmen nicht mehr einfach rücksichtslos unpopuläre Entscheidungen durchsetzen. Gerade die Firma, die von Verbrauchern gerne zur (kollektiven) Ventilation ihrer Unzufriedenheit über Unternehmen und Organisationen genutzt wird und eine maßgebliche Komponente so genannter "Shitstorms" darstellt, erweist sich dem Eindruck nach immun gegen Proteste seiner Anwender.

Selbstverständlich kann dieser Eindruck trügen. Eine Nutzerabwanderung beginnt mitunter langsam und gewinnt erst nach und nach an Tempo - vorausgesetzt, App.net oder ein anderer Konkurrent erreicht den Tipping Point. Derzeit aber sieht es danach aus, als könnte sich die Tech-Community noch so sehr über das beklagen, was bei Twitter gerade geschieht: Nicht einmal sie kann die Finger von dem Service lassen. Und muss so mit dem unguten und für sie sehr ungewohnten Gefühl leben, machtlos zu sein.

(Foto: Flickr/greg westfall; CC BY 2.0)

 

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