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25.02.13

Überlegenheit als Problem: Google ist zu gut für diese Welt

Kein Unternehmen wird in den nächsten Jahren das Leben von Menschen so sehr prägen wie Google. Das schafft Probleme für Konsumenten, Behörden - und für Google selbst. Der Netzgigant ist schlicht zu gut für diese Welt.

Zu behaupten, Google wäre derzeit an verschiedenen Fronten ein kraftvoller Innovator, wäre noch eine Untertreibung. Selbstfahrende Autos, die revolutionäre Cyberbrille Google Glass, eigene Ladengeschäfte, Tablets und Smartphones unter eigener Marke, das mobile Betriebssystem Android, der intelligente Mitdenkdienst Google Now, das Cloudbetriebssystem Chrome OS mit dem jetzt vorgestellten Flaggschiff-Rechner "Pixel", das soziale Netzwerk Google+, das Videoportal YouTube, Gmail, der Browser Chrome, die Office-Suite Google Apps samt dem Cloudspeicher Google Drive, ein geplanter Musikstreamingservice à la Spotify, Google Maps und natürlich die Websuche sowie das Werbevermarktungsgeschäft gehören zu den zahlreichen Eckpfeilern des Unternehmens - und in dieser Aufzählung fehlen sogar noch einige Tätigkeitsfelder. In allen Segmenten ist der Konzern aus Mountain View einziger ernstzunehmender Anbieter, Marktführer oder zumindest eine der treibenden Kräfte. Die Zahlen sprechen für Google

Dem Unternehmen gelang außerdem das Kunststück, sich trotz dieses enormen Expansionsunterfangens nicht zu verzetteln und das Kerngeschäft zu vernachlässigen. Allen Unkenrufe zum Trotz sprudelt der größtenteils aus der Anzeigensparte stammende Umsatz und Gewinn weiter, während der Aktienkurs bisher ungekannte Höhen erklimmt . Das Vertrauen der Anleger in das Google-Papier verwundert nicht: Je länger der Wandel von Google 1.0 - der dominierenden Suchmaschine mit angeschlossener Vermarktungseinheit - zu Google 2.0 - dem allgegenwärtigen digitalen Mischkonzern - läuft, desto deutlicher wird der zu Beginn dieser Transformation nur wenig sichtbare rote Faden. Mit fortschreitendem Reifungsprozess der einzelnen Vorhaben profitiert das kalifornische Unternehmen immer mehr von positiven Netzwerkeffekten. Durch die intensiv vorangetriebene Integration der einzelnen Angebote führt die Verwendung eines Google-Dienstes Anwender fast immer auch zu weiteren Services aus dem Hause Google - was sich im Endeffekt positiv auf die Werbeumsätze auswirkt. Damit schließt sich der Kreis aus Produktinnovation, Integration und Umsatzgenerierung.

Lebensbeherrschende Stellung

Googles haushohe produktbezogene und technologische Überlegenheit sowie die Omnipräsenz in fast allen entscheidenden Bereichen des digitalen Lebens stellen jedoch ein großes Problem für das Unternehmen dar. Es führt zwangsläufig zu einer Distanzierung der Menschen. Denn wenn eine einzelne gewinnorientierte Organisation eine marktbeherrschende Position einnimmt, so ist dies für eine Marktwirtschaft immer ein Grund zur Sorge. Google ist dabei, nicht nur in einzelnen Sektoren marktbeherrschend zu werden, sondern diesen Status auf die gesamte Informationsgesellschaft auszuweiten. Da diese maßgeblich unsere Zukunft prägt, so könnte man sogar von einer tendenziell lebensbeherrschenden Stellung Googles sprechen. Zumindest läuft das Treiben des Unternehmens darauf hinaus.

Google ist gut, zu gut

Das Besondere an der Entwicklung ist, dass Google diese Rolle bis dato fast ausnahmslos durch von den smartesten Menschen auf diesem Planeten geschaffene, hochgradig qualitative, leistungsfähige und für Millionen Menschen sehr attraktive Produkte erreicht hat, nicht durch das (Aus)-Nutzen monopolistischer Strukturen. Auch wenn es von Kritikern gerne behauptet wird: Google ist kein Monopol. Wer will, kann mit Bing oder DuckDuckGo suchen statt mit Google, über Outlook oder Yahoo E-Mails verschicken statt über Gmail, Videos bei Dailymotion hochladen statt bei YouTube und so weiter. Sicher gibt es Ausnahmen, wie etwa das aggressive Werben für Google+ bei zahlreichen anderen Google-Services. Im Allgemeinen verwenden User die Dienste der Kalifornier aber, weil sie ihre Bedürfnisse erfüllen und oft schlicht besser sind als die der Konkurrenz.

Doch langfristig gesehen spielt es keine Rolle, wie eine Firma zu einer globalen Machtkonzentration gelangt; ob durch böswilligen Missbrauch seiner einmal erreichten Stellung oder durch kontinuierliches Forschen und Experimentieren bei weitestgehender Beibehaltung eines ethisch korrekten Geschäftsgebarens. Die Konsequenzen sind die gleichen: Eine zunehmende Gefahr, dass sich ganz automatisch eine Art monopolistisches Handeln entwickelt, und dass daraus eine Abhängigkeit der Anwendern von den Launen eines einzigen Unternehmens entsteht.

Der Lock-In entsteht automatisch

Je weiter Google in den Alltag der Menschen vordringt, je mehr Services des Unternehmen sie nutzen, und je weiter auch so faszinierende, einzigartige Vorhaben wie Google Glass oder selbstfahrende Autos Marktreife erlangen, desto schwieriger wird für Konsumenten der Wechsel. Nicht aufgrund von Boshaftigkeit seitens Googles, sondern schlicht, weil derzeit niemand dem Unternehmen in seiner vollständigen Breite das Wasser reichen kann. Dass Google bei Android, Chrome OS und Google Glass seine eigenen Dienste mit höchstem Bedienkomfort und maximaler Funktionalität einbettet, liegt auf der Hand. Weil diese leistungsfähiger sind als die der Wettbewerber, die zudem keine entsprechenden Schnittstellen anbieten. Und weil es die Nutzer wollen. Sukzessive entsteht auf diese Weise ein Lock-In.

"Single Point of Failure"

Auch wenn wir noch weit von diesem Punkt entfernt sind: Wenn es derzeit ein Unternehmen gibt, dem zuzutrauen ist, sich zu 100 Prozent in den Tagesablauf von Personen zu integrieren - vom ersten Weckerklingeln bis zum Ausschalten der Bettlampe am Abend - so heißt dieses Google. Unbehagen bereitet mir nicht der Gedanke, dass es sich um Google handelt, sondern dass ein spezifisches Unternehmen dadurch zu einem "Single-Point-of-Failure" für das Leben werden würde. Dies halte ich grundsätzlich für nicht erwünschenswert - erst recht nicht, wenn es um eine Organisation geht, die uns, unsere Interessen, Präferenzen und Verhaltenweisen besser kennt als wir dies tun. Geht doch einmal etwas schief - sei es interner Missbrauch, Missmanagement oder ein technischer Fehler - die Folgen könnten im besten Fall sehr ärgerlich und im schlimmsten Fall verheerend sein.

Ein Dilemma für alle

Die Situation stellt für alle ein Dilemma dar. Für Konsumenten/Nutzer, Kartellbehörden und auch Google selbst. Das Unternehmen ist seinen Anteilseignern gegenüber verpflichtet, künftige Profitabilität sicherzustellen, und verwirklicht dafür eine langfristige Vision, anstatt kurzfristig die Kuh zu melken. Anwender wünschen sich nützliche Tools, komfortable Dienste, vielseitig einsetzbare, erschwingliche Gadgets sowie futuristischen Stoff zum Träumen. Google liefert ihnen dies. Die Behörden begutachten Google argwöhnisch und drohen mit Sanktionen, sobald sie Verstöße vermuten, kratzen dabei jedoch nur an der Oberfläche und werden Google bisher nicht wirklich gefährlich. Was, sofern der Eindruck eines im Vergleich zu Kontrahenten weitgehend korrekten Verhaltens zutrifft, auch angemessen ist. Eine Firma kartellrechtlich zu belangen, weil sie durch hervorragende Produkte den Wettbewerb hinter sich lässt, würde kein gutes Signal an die Wirtschaft senden.

Ich frage mich, ob die Google-Oberen beim Blick auf die Liste der manngifaltigen Vorstöße des Unternehmens selbst erkennen, in welch gefährliche Gewässer sie sich mit der angestrebten Allgegenwärtigkeit bewegen. Sowohl, was Attacken durch die Behörden angeht, als auch im Bezug auf die Wahrnehmung in der Bevölkerung. Ab einem gewissen Punkt der gefühlten Abhängigkeit von Google ist von einer verbreiteten Skepsis der Nutzer gegenüber dem Unternehmen auszugehen. Derzeit scheint es, als teste man in Mountain View, wo die Schmerzgrenze liegt. Vielleicht ist sie tatsächlich noch lange nicht erreicht. Es bleibt aber zu hoffen, dass Nutzer abseits von den populistischen Grabenkämpfen rund um Googles Macht eine eigene Sensibilität dafür entwickeln, den Single Point of Failure in ihrem Digitalleben zu vermeiden. Selbst wenn dies bedeutet, gelegentlich doch auf den ultimativen Komfort verzichten zu müssen. Oder ihn bewusst zu wählen, im Wissen der Implikationen. /mw

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