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03.02.14

Uber: Ein Luxusprodukt wird zum Aushängeschild der Internetbranche

Das als Limousinenvermittler gestartete US-Startup Uber erweitert langsam seinen Kundenkreis und stößt in das klassische Taxisegment vor. Doch das Luxusimage bleibt. Parallel avanciert das Unternehmen zu einem der Aushängeschilder der Internetbranche. Gut ist das nicht.

Uber-Website

Als Redakteur eines Technologie-Fachblogs hat man so seine Startup-Lieblinge - und man hat auch das Gegenteil: Firmen, über die alle reden, denen man selbst jedoch rein gar nichts abgewinnen kann. Damit mag man total ins Schwarze treffen - oder völlig daneben liegen und ein Konzept sowie dessen Marktpotenzial komplett unterschätzen.

Ubers Weg vom Limousinendienst zum Aushängeschild

Ganz oben auf meiner persönlichen Liste der "ungeliebten" Startups steht seit längerem Fahrzeugvermittler Uber. Vor genau einem Jahr bezeichnete ich den Dienst aus San Francisco als "Startup für die ein Prozent". Doch die bereits zu diesem Zeitpunkt anhaltende Uber-Euphorie in Branchenkreisen hat sich in den vergangenen zwölf Monaten subjektiv eher noch gesteigert. Ob bei Twitter, Instagram, in Blogs oder in Gesprächen: Ubers Name fällt oft, und in der Webwirtschaft trifft man regelmäßig auf Personen, für die Uber jedes andere Transportmittel ersetzt hat. Ende vergangenen Jahres geleakte interne Statistiken deuten auf fast 500.000 Nutzer pro Monat hin, die per App Ubers Vermittlungsdienste für die On-Demand-Bestellung eines fahrbaren Untersatzes in Anspruch nehmen. Eine Bewertung von 3,5 Milliarden Dollar reflektiert die hohen Erwartungen, die Investoren in das kalifornische Startup haben. Für seine Expansion hat Uber mehr als 300 Millionen Dollar externes Kapital aufgenommen. Mittlerweile bietet das Unternehmen seine Dienste in Metropolen in 26 Ländern an. Angesichts dieser Entwicklung zwang ich mich dazu, meine Antipathie für das Startup noch einmal genau zu hinterfragen. Augenscheinlich stößt der Service, der Passagieren seiner häufig luxuriösen Fahrzeuge eine extrem bequeme Usability bietet und sie dank automatisierter Abrechnung über die App vom manuellen Bezahlen der Chauffeure befreit, auf große Gegenliebe. Uber ist damit quasi das bessere Taxi - speziell in Städten, in denen das Heranwinken oder Bestellen eines Taxis zu einer Geduldsprobe wird, wie etwa in Ubers Heimat San Francisco. Insofern ist es Uber gelungen, die Stärken des mobilen Internets zu nutzen, um ein hochpreisiges Segment der Personentransport-Branche zu revolutionieren, in dem bislang die Bedürfnisse der Nachfrager zu kurz kamen.

Mittlerweile fahren für Uber in Schlüsselmärkten auch nicht mehr nur Oberklasselimousinen und SUVs, sondern ebenfalls ganz herkömmliche Taxis und geringer dimensionierte Fahrzeuge; Letztgenannte unter der Submarke "UberX". In San Francisco seien Fahrten mit UberX zehn Prozent günstiger als Taxitouren, hieß es in einem Blogbeitrag.

Insofern handelt es sich bei Uber um einen weiteren Vertreter aus dem Segment der mobilen, intelligenten Mobilität, der im Gegensatz zu anderen Akteuren wie myTaxi, Lyft, flinc oder Flightcar zwar seinen Ursprung in der Limousinenvermittlung hat, der seinen Markt jedoch sukzessive auf eine regelmäßige, stilvolles Reisen schätzende Taxi-Kundschaft erweitert.

Meine ursprüngliche plakative Behauptung, Uber sei das "Startup für die ein Prozent", lässt sich damit nicht mehr aufrecht halten. Uber ist mittlerweile eher ein Startup für zehn bis 20 Prozent der Gesellschaft.

Ein Luxusprodukt repräsentiert die Internetbranche 

Doch trotz dieser Einsicht fällt es mir sehr schwer, die prominente Stellung des Unternehmens im Tech-Medienzirkus sowie die innerhalb der Branche verbreiteten Sympathien für den Dienst zu akzeptieren. Trotz seiner Öffnung für weniger potente Kunden präsentiert sich das Unternehmen auf seiner Website als elitäre Luxusmarke. Genau das ist Uber auch: ein Luxusprodukt. So wie Taxis es übrigens auch sind.

Vielbeschäftigte Startup-Gründer, VCs, Unternehmer, Manager und Angestellte mit der Firmenkreditkarte mögen gute Gründe dafür haben, mit Uber jeden Monat lange Spesenrechnungen zu produzieren, keine Frage. Sie vergessen aber leicht, dass für die meisten Privatpersonen aus mittleren oder unteren Einkommensschichten - also die Mehrzahl der Bevölkerung - schon eine normale Taxifahrt zu einem teuren Spaß ausarten kann. Solange Uber nicht eigene U-Bahnen auf die Schienen oder Busse auf die Straßen schickt, wird das Unternehmen nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Bevölkerung ansprechen können. Doch die relative Aufmerksamkeit, die Uber zuteil wird, spiegelt dies nicht wider.

Ein Luxusprodukt, das die Bedürfnisse eines kleinen, von der digitalen Revolution profitierenden Teils der Gesellschaft befriedigt, steht an der Spitze der momentan angesagtesten Technologie-Startups. Und irgendwie scheint niemandem aufzufallen, dass dies ein fragwürdiges Licht auf diese Branche wirft. An dem Produkt Uber ist nichts auszusetzen. Als repräsentatives Aushängeschild für die Webbranche eignet sich die Firma aber genauso wenig wie Louis Vuitton oder Gucci für die Taschenindustrie.

Die Rolle von Uber ist symptomatisch für den Stand einer Industrie, welche die großen, der Allgemeinheit dienenden Visionen der Internetära aus den Augen verliert und vor allem die Konzepte feiert, die der Befriedigung der eigenen Luxusbedürfnisse dienen. Dass diese Industrie zunehmend in die Kritik gerät , darüber muss man sich nicht wundern. /mw

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