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12.11.10

Twitters Kooperation mit Apple: Seine Seele zu verkaufen, macht nicht glücklich

Apple verknüpft sein an iTunes gebundenes Social-Music-Tool Ping mit Twitter. Nutzer sollen so häufig wie möglich ihre Ping-Aktivitäten bei dem Microbloggingdienst publizieren - ein Abkommen auf Kosten vieler Twitter-Anwender.

 

Wenn tonangebende Anbieter im Web-/Technologie-Bereich gemeinsame Sache machen, dann führt dies manchmal zu äußerst spannenden Resultaten, die sich positiv auf das Benutzererlebnis auswirken können - man denke nur an die Social-Search-Partnerschaft zwischen Bing und Facebook oder Googles Kooperation mit Logitech, Sony und Intel, um endlich Fernsehen und Internet zu vereinen.

Allerdings gibt es auch Abkommen, bei denen zwar die Beteiligten Unternehmen profitieren, die für Konsumenten hingegen tendenziell zu Verschlechterungen führen. In diese Kategorie fällt für mich die am Donnerstagabend verkündete Zusammenarbeit von Twitter mit Apples in iTunes integriertem Social-Music-Dienst Ping.

Im Rahmen der Partnerschaft erhalten Ping-Nutzer die Möglichkeit, ihre Konten mit Twitter zu verknüpfen, um auf diesem Weg User zu finden, denen sie bei Ping folgen können. Zudem lassen sich eigene Ping-Aktivitäten wie das Erwerben, Kommentieren oder Favorisieren von Titeln als Tweet publizieren. Derartige Twitter-Nachrichten enthalten nicht nur einen Link zum jeweiligen Song-Profil in iTunes, sondern servieren bei einer Betrachtung auf www.twitter.com zudem das Cover und eine 30-sekündige Hörprobe (siehe Screenshot rechts).

Als Apple seinen Vorstoß in den Social-Music- bzw. Social-Commerce-Bereich - je nach Sichtweise - Anfang September erstmalig präsentierte, machte ich keinen Hehl aus meiner Abneigung gegen das Vorhaben. Einerseits halte ich iTunes (auf dem PC) für eines der schlechtesten und benutzerunfreundlichsten Desktop-Programme aller Zeiten (zu dessen Nutzung ich jedoch durch iPhone und iPad gezwungen bin), andererseits gab sich Apple stur und wich auch für Ping nicht von seiner Linie ab, sein iTunes-Universum vom Browser fernzuhalten.

Ping ist somit maximal eine nette Erweiterung für intensive iTunes-Nutzer, für alle anderen Internetanwender jedoch ein innerhalb der Apple-Software ein- und weggeschlossenes Tool, mit dem sie glücklicherweise nirgends im Web in Kontakt kommen (eine Integration von Facebook scheiterte aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen Steve Jobs und Mark Zuckerberg).

Bis jetzt. Denn mit der Twitter-Liaison will Ping sich auf einen Schlag allen 175 Millionen friedfertigen Twitter-Usern aufdrängen, egal ob sie iTunes nutzen oder nicht - und das natürlich per Auto-Tweet-Funktion aller Aktivitäten als Standardeinstellung.

Angaben über die Zahl zufriedener iTunes-Anwender mit Twitter-Konto gibt es zwar keine, aber ein schneller Blick auf tweetfeel zeigt, dass sich bei dem Microbloggingdienst nicht nur Fans der Apple-Software aufhalten.

Jeder über Ping in den persönlichen Twitter-Stream eingespeiste Tweet enthält neben einer Beschreibung der Aktivität und des entsprechenden Songs einen Link zu dem Musikstück innerhalb von iTunes. Während die bei einer Betrachtung des Tweets auf Twitters Website angebotene Hörprobe ein nettes Feature darstellt, lässt sich der enthaltene Link nur öffnen, wenn iTunes installiert ist. Externe Twitter-Clients enthalten keine Hörprobe (bei folgendem Beispieltweet fehlt die Vorschau ebenfalls).

 

likes Static (Sasha Virus Remix) by Andy Tau on Ping c.itunes.apple.com/jp/event/id1376061389T3T20 #iTunesless than a minute ago via iTunes Ping

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Die Zusammenarbeit zwischen den zwei populären Firmen bringt für eine mutmaßliche Minderheit (= aktive, glückliche iTunes-Benutzer bei Twitter) einen potenziellen Mehrwert. Für alle anderen Twitterfreunde - speziell diejenigen, die den Dienst über Drittanbieter-Applikationen einsetzen - gleicht jeder über Ping publizierte Tweet einer Spam-Nachricht, welche die Timeline verstopft, ohne Mehrwert zu liefern.

Einmal mehr zeigt sich, wie unerfreulich das Fehlen einer frei zugänglichen Weboberfläche von Ping aus Benutzersicht ist. Sonst hätten auch User ohne iTunes-Konto die Möglichkeit gehabt, auf einen Songlink zu klicken und zumindest Details zum jeweiligen Stück abzurufen. Nun bleibt ihnen nur die manuelle Suche im Netz, sofern ein Interpret- oder Songname ihre Aufmerksamkeit erhalten hat.

Welche finanziellen Details der Zusammenarbeit zugrunde liegen, dazu wollten Apple und Twitter keinen Kommentar abgeben. VentureBeat bringt es mit der Aussage "Apple benötigt Twitter mehr, als Twitter Apple benötigt" meines Erachtens nach auf den Punkt: Nur mit Hilfe von Twitter oder dem momentan unerreichbar erscheinenden Facebook kann Apple die Existenz des viel kritisierten Dienstes im Bewusstsein der Internetanwender verankern.

Weshalb es nicht unwahrscheinlich ist, dass Apple dem Microbloggingservice aus San Francisco für die Integration Bares in Aussicht gestellt hat - entweder über eine Beteiligung am Umsatz für verkaufte Titel oder in Form einer Einmalzahlung.

Angesichts der Art der Integration sowie der Rolle von Twitter als aktuell einziger Ausweg für Apple, um die Präsenz von Ping im Social Web zu erhöhen, entsteht bei mir der Eindruck, Twitter platziere letztlich durch Nutzer selbst initiierte Werbung in Tweets, ohne dass diese im Gegensatz zu den diversen anderen Vermarktungsansätzen der letzten Zeit entsprechend markiert werden. Das ist legitim, da die Tweets eben nicht von Twitter selbst sondern von seinen Anwendern in die Timeline gedrückt werden. Es wirkt dennoch, als sei Twitter gerade dabei, Teile seine Seele zu verkaufen.

Vielleicht klingt dies etwas sehr dramatisch. Und viele User werden die Präsenz von Ping in ihrer Timeline womöglich kaum bemerken. Je mehr Kooperationen Twitter jedoch eingeht, die von einer Mehrzahl der Anwender ein wenn auch kleines Opfer erfordern, desto stärker wird die Zahl der Kritiker wachsen. Twitter ist gut beraten, seine bisher äußerst loyale und (soweit ich das beurteilen kann) größtenteils mit der Entwicklung des Dienstes zufriedene Nutzerschaft nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Der beste Weg, dies zu tun, ist durch Partnerschaften, welche die Timeline mit irrelevanten Meldungen verwässern.

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