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09.06.11

Twitter & Facebook: Das Netz braucht eine Non-Profit-Alternative

Frankreichs Schleichwerbedebatte rund um das Verbot von Twitter- und Facebook-Nennungen im Rundfunk verdeutlicht einmal mehr, wieso eine nicht-kommerzielle, global verbreitete Alternative zu den zwei Diensten wünschenswert ist.

 

Foto: stock.xchngAls Anfang der Woche die Meldung über das Verbot der Erwähnung von Twitter und Facebook im französischen Rundfunk die Runde machte, war dies ein willkommener Anlass, sich wieder einmal über die gestörte Haltung unserer westlichen Nachbarn zum Internet zu echauffieren. Frankreich versucht wie kein anderes Land der westlichen Welt, die durch den digitalen Wandel ausgelösten, tiefgreifenden Veränderungen durch Regulierung und Gesetze wie Hadopi auszubremsen.

Entsprechend einhellig schien das Echo von Berichterstattern und Beobachtern zu dem Schritt zu sein: absurd und rückwärtsgewandt. Nur an einer Stelle im Netz stieß ich auf Lob für die Entscheidung, nämlich beim Internettheoretiker und Softwareexperten Dave Winer. "Ich denke, dies ist ein sehr kluger Ansatz", so Winers Fazit in diesem Blogbeitrag. Seine Perspektive regte auch mich zum (erneuten) Nachdenken über die Machtkonzentration im Social Web an.

Frankreichs (zumindest vorgeschobene) Rechtfertigung für das Verbot der Nennung des T- und F-Worts bezieht sich auf die Verhinderung von Schleichwerbung in den Medien des Landes. Wenn französische TV-Sender auf ihre Twitter-Feeds oder Facebook-Pages verweisen, dann sei dies nachteilig für alle Konkurrenten, die dann ein ähnliches Recht für sich beanspruchen könnten, so die Denkweise.

Während die Maßnahme angesichts der Bedeutung der zwei Dienste für viele Millionen Franzosen den Eindruck eines unverhältnismäßigen Eingriffes macht, handelt es sich bei dem anbahnenden Konflikt nur um einen Nebenschauplatz einer viel bedeutsameren, übergeordneten Problematik: dass die zwei führenden digitalen Kommunikations- und Interaktionskanäle der digitalen Welt sich in privater Hand befinden und von gewinnorientierten Unternehmen betrieben werden.

Diese Tatsache beunruhigt, bedenkt man, wie abhängig viele User, aber auch Organisationen und Unternehmen mittlerweile von den zwei Firmen sind. So abhängig, dass ein objektiv betrachtet legitimes Anliegen, die Hervorhebung und Bewerbung einzelner Firmen im redaktionellen Programm der Medien zu unterbinden, für die betroffenen Sender zu einem echten Dilemma führt.

Eine derartige Abhängigkeit von einzelnen kommerziellen Anbietern ist niemals wünschenswert. Erst recht nicht, wenn es keine Alternative gibt. Und genau des Fehlen einer unabhängigen, nicht profitorientierten Alternative ist das eigentlich Bedauernswerte.

Entsprechende Experimente und Versuche gab es bereits zahlreiche. Der prominenteste Ansatz ist neben identi.ca (das bisher im Internetmainstream aber niemand kennt) sicherlich diaspora. Das dezentrale Social Network aus New York sieht sich zwar nicht als Non-Profit-Organisation (NPO), bietet Anwendern durch seine P2P-Struktur aber eine erhebliche Unabhängigkeit und die Option zum Betrieb eines eigenen Servers, um sich von diesem aus mit anderen Nutzer zu vernetzen. Dass jedoch aus diaspora ein Massenphänomen wird, erscheint aus heutiger Sicht eher fraglich - wenn auch nicht unmöglich .

Bedenkt man, welchen Einfluss soziale Netzwerke bereits jetzt auf das Leben vieler Menschen haben und wie sie sogar dabei helfen können, ganze Regime zu Fall zu bringen, erscheint eine unabhängige Non-Profit-Alternative beispielsweise nach dem Vorbild von Wikipedia bzw. der Wikimedia Foundation unglaublich wünschenswert. Es würde nicht nur Frankreichs Schleichwerbediskussion lösen, sondern gleichzeitig sicherstellen, dass Menschen auch noch in fünf oder zehn Jahren frei, unzensiert und ohne tiefgreifende Eingriffe von außen miteinander kommunizieren können.

Das Netz braucht eine Art Wikipedia für Social Networking. Oder ein BitTorrent für Social Networking - irgendeine auch vom Otto-Normal-Nutzer zu bedienende Lösung, die sich Parallel zu Twitter und Facebook etabliert und auch dann zuverlässig bereit steht, wenn bei den zwei kommerziellen Diensten in Folge von internen oder externen Ereignissen nicht alles so läuft, wie es soll.

Die Herausforderungen auf dem Weg dahin sind vielfältig und die Vorzeichen entsprechend schlecht. Trotzdem bin ich mir sicher, dass ein derartiges Projekt entstehen und eines Tages auch seinen Weg zu den Usern rund um den Globus finden wird. Wenn nicht aus freiem Antrieb, dann eines Tages vermutlich aus der Not heraus.

(Foto: stock.xchng)

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