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17.10.12

Totgesagte leben länger: Animierte GIF-Bildchen erobern das Internet

Mit GIFs assoziieren viele Nutzer die grellen, wenig ansehnlichen Grafiken und Logos auf Websites der 90er Jahre. Nach der Jahrtausendwende geriet das Grafikformat in Vergessenheit. Doch nun ist es wieder da - populärer denn je.

Das GIF - Graphics Interchange Format - feiert in diesem Jahr seinen 25-jährigen Geburtstag. Was wäre das beste Geschenk, das ein zuletzt völlig aus der Wahrnehmung der Anwender verschwundenes Grafikformat zu einem derartigen Jubiläum bekommen könnte? Ein zünftiges Comeback. So soll es sein!

Nachdem viele User bei ihren ersten Gehversuchen im Netz in den 90er Jahren regelmäßig mit grellen, häufig animierten GIFs konfrontiert wurden und dieser schnell überdrüssig wurden, verlor das sich durch eine besonders effiziente Kompression auszeichnende Format schnell an Bedeutung. Leistungsfähigere freie Bildformate wie PNG, schnellere Webzugänge und der Aufstieg von Flash-Animationen und Videos lieferten Betreibern von Onlinepräsenzen genug Gründe, um die Finger von dem zudem bis 2006 mit Patentforderungen belegten Format zu lassen. Das GIF geriet nach und nach in Vergessenheit, und wer sich noch daran erinnerte, assoziierte es vor allem mit der Hässlichkeit der frühen Internetära . Doch seit etwa zwei Jahren findet das mit viel Nostalgie behaftete Grafikformat primär in seiner animierten Fassung wieder verstärkt Anwendung. 2012 kommt es nun ganz groß raus.

Statt Logos und Grafiken nun Fotos und Videos

Schon 2010 machte das Onlinemagazin Slate auf den neu erwachenden Trend animierter GIFs aufmerksam. Anders als in der Frühphase des Webs waren es nun nicht mehr Logos und Grafiken, die in sich wiederholenden Sequenzen auf Websites auftauchten, sondern Fotos oder Mini-Ausschnitte aus Videos und Filmen, die mit GIF-Editoren wie GifNinja , Gifsoup, Lunapic oder Gickr zu Endlosschleifen geformt und dann im Netz verbreitet wurden.

Aus einem sporadisch zu beobachtenden Webphänomen wurde in den vergangenen zwei Jahren ein regelrechter GIF-Boom, der im englischsprachigen Raum mittlerweile selbst von Politikern und der Mainstreampresse für eigene Zwecke instrumentalisiert wird. Diverse Berichte rund um die Olympischen Spiele enthielten animierte GIFs von beachtenswerten oder kuriosen Leistungen und Ereignissen. Das Blog der Nieman Foundation bezeichnete die Sportveranstaltung als "gigantische Coming-Out-Party für animierte GIFs". Auch im US-Wahlkampf lassen sich die kleinen, maximal 256 Farben enthaltenden Endlosbildchen sichten: Das Wahlkampf-Team von Barack Obama verschickt eine Mail mit einem animierten GIF an die Unterstützer des Präsidenten, Business Insider zeigt das tanzende Pferd von Mitt Romneys Frau Ann als GIF, und Tumblr publiziert auf einer eigenen Site von Nutzern erstellte, animierte und verfremdete GIFs der zwei Präsidentschaftskandidaten Obama und Romney.

Tumblr als eine der Haupttriebkräfte

Apropos Tumblr: Das New Yorker Schnell-Blog-Portal mit seinen über 50 Millionen Blogs ist eine der primären Triebkräfte der das Netz erfassenden GIF-Welle. Der Dienst wird von vielen vor allem zur schnellen Veröffentlichung und Weiterverbreitung von online gefundenen oder selbst erstellten Medieninhalten genutzt und bietet ideale Voraussetzungen für eine rasante virale Verbreitung von kreativen, einfallsreichen und lustigen GIFs. Das Startup unterstützt dieses Einsatzszenario, wie die jüngste Erhöhung der maximalen Größe einer geposteten GIF-Datei auf ein Megabyte zeigt.

Neben Tumblr gehören weitere andere, für die nach Memen und stetiger Unterhaltung lechzende Social-Media-Crowd optimierte Onlineplattformen und Medienportale zu den Mitverantwortlichen für den Aufstieg des GIFs zu neuem Internetruhm, von Reddit über Buzzfeed und Mashable bis zu Señor Gif. Auch Twitter hilft bei der Verbreitung populärer, mitunter tagesaktueller GIFs - heute früh kursierte beispielsweise dieser Freudensprung des schwedischen Ministerpräsidenten Fredrik Reinfeldt beim Ausgleichstreffer im gestrigen Fußballspiel Deutschland-Schweden in meiner Zeitleiste. Natürlich können Links zu GIFs auch bei Facebook gepostet werden, das soziale Netzwerk versperrt sich aber bisher davor, die Animationen direkt eingebettet darzustellen.

Dass bewegte GIF-Bildchen auch für eine alternative Art der Zusammenfassung seriöser Nachrichten genutzt werden können, versucht das Tech-Blog PandoDaily zu beweisen, indem es einmal wöchentlich 15 GIFs und Videos veröffentlicht, welche die jüngsten Geschehnisse, Finanzierungsrunden und Zitate der Internetwirtschaft illustrieren. Freilich können GIFs auch zur stärker die Sinne ansprechenden Präsentation von Kunst, Mode oder Schmuck verwendet werden.

Der anscheinend keine Grenzen kennende GIF-Hype inspiriert wenig verwunderlich auch Gründer. Das Berliner Startup Loopcam sowie der US-Konkurrent Cinemagram erlauben es Anwendern, aus Smartphone-Schnappschüssen mit wenig Aufwand GIF-Sequenzen zu erstellen.

Animierte GIFs sind heute (wieder) eine allgegenwärtige Erscheinung im Netz und nicht mehr länger auf die Epizentren von Internetkultur, Nerdhumor und Katzenbildern beschränkt. Doch wieso? Wo liegen die Vorteile dieses Formats, das quasi schon vom Aussterben bedroht war, und nun das alte Sprichwort von den länger lebenden Totgesagten exemplarisch bestätigt? Folgende Aspekte spielen eine Rolle:

  • Urheberrecht

    Ein sehr wichtiger Aspekt: Viele animierte GIFs bedienen sich urheberrechtlich geschützten Materials. Doch im Gegensatz zu Videos, die von den führenden Videoplattformen auf Beschwerden hin schnell gesperrt werden, gilt für die mit einem Klick lokal abspeicherbaren und nicht ohne Weiteres mit Anti-Piraterie-Software wie Content ID automatisch zu identifizierenden GIFs noch viel mehr: Sind sie einmal im Netz, lassen sie sich nicht wieder von dort entfernen. Auch wenn die Rechtslage die gleiche ist, bieten animierte GIFs von urheberrechtlich geschütztem Videomaterial gewissermaßen ein Schlupfloch - auch, weil intelligente Urheber die Marketingwirkung erkennen und einsehen, dass die Endlosschleifen-Grafiken nicht ihre Umsätze bedrohen. Achtung: Riskant kann die Anfertigung und das Veröffentlichen von GIFs aus TV-Inhalten oder Filmen natürlich trotzdem sein - speziell im deutschsprachigen Raum, wo keine Fair-Use-Regelung existiert.

  • Umgehung staatlicher Zensur

    Aus den genannten Gründen sind animierte GIFs auch ein Mittel, um staatliche Zensur zu umgehen, der häufig zuerst führende Videoportale zum Opfer fallen.

  • Kein Ton

    Videos haben in der Regel Ton, GIFs nicht. Wer Musik hört oder telefoniert und ohnehin nur am visuellen Part Interesse hat, ist dafür dankbar.

  • Pointierte Darstellung von Kuriositäten

    Wozu ein 90-minütiges Fußballspiel anschauen, wenn nur ein einziges Tor fällt? Nicht jeder räsoniert so, dennoch eignen sich GIFs dazu, Höhepunkte, Pannen und Kuriositäten in pointierter und effizienter Form darzustellen.

  • Kompromiss aus Foto und Video

    Ein animiertes GIF ist ein Zwischending aus Foto und Video, das versucht, die Vorteile beider Medienarten zu vereinen, ohne die Nachteile zu übernehmen.

  • Ideal für eine Generation mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne

    Weil Ablenkung immer nur einen Klick entfernt ist, kann ein mehrminütiges Video für manche Nutzer schon zu einer Geduldsprobe werden. Da kommen bewegte GIFs, die in der Regel nur ein wenige Sekunden andauerndes Ereignis zeigen und dann wieder von vorne beginnen, gerade recht.

  • Einfachste Einbettung

    Grafikdateien lassen sich einfacher und ohne Zuhilfenahme von Javascript oder iFrames in beliebige Websites einbetten.

  • Hohe Kompatibilität

    Als der Wiederaufstieg des GIFs begann, setzten viele Webvideos noch das Flash-Plugin voraus und konnten etwa auf mobilen Apple-Geräte nicht betrachtet werden. Mittlerweile hat sich dieses Thema zwar erübrigt, aber grundsätzlich beherrscht jeder erdenkliche Browser die Darstellung von GIFs, was dem Format zugute kommt.

  • Geringer Ressourcenanspruch

    GIF-Dateien nehmen in der Regel deutlich weniger Speicher in Anspruch als Videos, was sie auch über langsamste Onlineverbindungen in allen Ländern der Welt problemlos abrufbar macht.

  • Viralität und Sharability

    Die Konsequenz aus allen genannten Punkten: Viele User bekommen GIFs zu Gesicht, und entsprechend viele verbreiten diese auch weiter.

  • Redakteure und Blogger lieben GIFs

    Die Konsequenz aus der Viralität: Redakteure, Blogger und Website-Betreiber nutzen GIFs, um mit minimalem Aufwand viele Klicks zu generieren.

Fazit

In den Anfangsjahren des neuen Jahrtausends, als endlich Rich-Media-Inhalte Realität wurden, hat garantiert niemand damit gerechnet, dass ein Jahrzehnt später das GIF-Format einen zweiten Frühling erleben würde. Wie lange dieser anhält, lässt sich schwer vorhersagen. In Teilen handelt es sich beim neuerlichen GIF-Boom eindeutig um eine Modeerscheinung. Die aufgelisteten Vorteile allerdings zeigen, dass es tatsächlich eine Reihe guter Gründe dafür gibt, GIFs in bestimmten Situationen anderen multimedialen Darstellungsformen vorzuziehen. Wir legen den Artikel auf Wiedervorlage - für 2017 und 2022.

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