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08.04.08

Tibet-Protest an der Golden Gate-Brücke: Greenpeace-Methode, reaktiviert

Mit einer generalstabsmässig geplanten Kletteraktion und zwei riesigen Bannern am Wahrzeichen von San Francisco haben Aktivisten gegen Chinas Tibet-Politik protestiert. Das dürfte sie eine Busse von 10'000 pro Mitglied des Teams kosten - ein Klacks im Verhältnis zur News-Sendezeit, die sie dafür kriegten. Das Greenpeace-Prinzip funktioniert noch immer - oder besser denn je.

Free Tibet Golden gate Brücke Protest in San Francisco

Die Tibet-Aktivisten holten sich mit ihrer Kletteraktion stundenlange Prime-Time mit Extraschaltungen aller TV-Stationen. (ABC 7 SF)

Das Motto der olympischen Spiele "Eine Welt, ein Traum" wandelt sich derzeit für die chinesische Führung in einen Albtraum. Nach den tumultuösen Szenen anlässlich der Fackelläufe in Paris und London haben Tibet-Aktivisten in San Francisco die Welt-Aufmerksamkeit ergattern können, noch bevor das olympische Feuer überhaupt an seinem einzigen Stopp in Nordamerika angelangt ist. Faszinierend daran ist, welch ungeteilte Aufmerksamkeit solche Aktionen fast vierzig Jahre nach den ersten Proteststunts der Greenpeace-Vorläuferorganisationen noch immer erhalten. Die Chronologie der Aktion liest sich wie eine Anleitung fürs PR-Stunts mit maximaler Ausbeute im Jahr 2008:

 

Die Golden Gate Brücke ist eine geographisch wie politisch perfekte Bühne für die Aktion. Sie befindet sich aufgrund anderer Vorkommnisse (Staus, Brückenzoll, Selbstmordwellen, Frontal-Unfälle, Terrorangst etc) ständig im Fokus der lokalen Medien, die allesamt Teil der grossen US-Networks sind und Bildmaterial an die grossen Agenturen liefern. Als visueller Hintergrund ist sie zudem für Kletteraktionen kaum zu übertreffen. Und aufgrund der (verkehrs-) strategischen Bedeutung der Brücke wird jede Aktion auf diesem Bauwerk sofort das Interesse auf sich ziehen.

Dies ist kein abgelegener Felsklotz, auf dem eine Mega-Banner auszubreiten zwar spektakulär ist, aber nicht mehr als den zwei-Sekunden "Rauskicker" der Nachrichtensendungen erobern wird. Es ist ein neuralgischer Verkehrsknotenpunkt, ein Tourismus-Magnet und ein weltweit bekanntes Symbol.

Golden Gate Brücke, Tibet-Protest San Francisco

Die Helikopter waren eh schon in der Luft: News über die Pro-Tibet-Aktion auf der Golden-Gate-Brücke auf KTVU (Fox) und NBC 11

Damit ist die Newsrelevanz für Extra-Schaltungen gegeben, und die aufgeworfenen Fragen sind vielseitig. Zuallererst diejenige, wie es einem knappen Dutzend mit riesigem Banner und Kletterausrüstung bewehrten Aktivisten überhaupt möglich ist, mitten auf der seit 9/11 rund um die Uhr bewachten Brücke die Vertikalkabel zu erklettern. Sie wird für anhaltende Newscoverage in den kommenden Tagen sorgen.

Die aktuelle Sofort-Berichterstattung rechtfertigte sich in einer der verkehrsreichsten Regionen der USA, in der die "Traffic-Reporter" zu Stosszeiten rund 50 Prozent der Nachrichtensendungen bestreiten und jeder Sender seinen eigenen Helikopter in der Luft hat, schon durch den geringsten Rückstau auf der Brücke.

Das Bildmaterial, das die Chopper deswegen binnen Minuten nach Beginn der Aktion lieferten, wird ohne Zweifel um die Welt gehen. Die Aktivisten sind wohl allesamt verhaftet worden. Gemäss Medienberichten drohen ihnen Bussen in Höhe von 10'000 Dollar pro Person für "widerrechtliches Betreten" (und vielleicht noch etwas mehr für die Gefährdung Dritter etc). Aber die Medienpräsenz, die sie allein in der Bay Area erzielt haben, hätte nicht mit Millionen von Dollars erkauft werden können. Vierzig Jahre nach den ersten Stunts von Greenpeace funktioniert die Methode noch immer.

Ein flaues Gefühl im Magen hinterlässt der Protest aber vielleicht grade deswegen. Die zynische Ungeheuerlichkeit von 9/11 basierte nämlich auf den gleichen medialen Strukturen und entfaltete eine Wirkung, die einer medialen Super-Explosion gleichkommt. Damals zeigte sich, dass die Welt aller medialen Überreizung zum Trotz vielleicht insgesamt weniger Aufmerksamkeit für grosse Stoffe und komplizierte Anliegen hat, ihr Augenmerk aber binnen Minuten auf einen einzigen Punkt gezogen werden kann.

Das ist indes nicht einfacher geworden. Die "Konkurrenz" ist gross, und das Setting muss absolut stimmen. Die Golden-Gate-Aktion ist laut Sprechern der Gruppe "Studenten für ein freies Tibet" monatelang vorbereitet worden. Aber bei einer optimierten Planung ist die "Ausbeute" heute unbeschreiblich viel grösser - und dank der Repetition der massiv höheren Zahl an Medienkanälen von Live-TV bis zu Blogs und Youtube wohl auch nachhaltiger.

Diese inzwischen banale Feststellung scheint die chinesische Regierung in ihrer rückwärtsgerichteten "Öffentlichkeits-Strategie" noch immer nicht kapiert zu haben. Ich erinnere mich: Vier Jahre nach dem Brent-Spar-Desaster, mit dem Grosskonzerne wie Shell endgültig ihre Lektion im Umgang mit der Weltöffentlichkeit gelernt zu haben scheinen, verlor der damalige chinesische Staatschef Jang Zemin bei einem Besuch in der Schweiz noch immer ob einer Gruppe Demonstranten auf Berns Hausdächern vollkommen die Fassung. Es ging ganz einfach über seine Vorstellungskraft hinaus, dass eine westliche Regierung nicht die Kontrolle über jegliche Form von "öffentlichem Raum" - oder gar jegliche Form von Protestaktion - haben könnte.

Angesichts der Zensur, der gegenwärtigen Abschottung Tibets von der Weltöffentlichkeit und den Manipulationsversuchen an der Geschichte (Tianmen-Massaker) ist davon auszugehen, dass die chinesische Führung sich zwar ein paar Dinge über Wirtschaftsreformen einverleibt, aber noch immer nicht kapiert hat, dass damit über kurz oder lang eine mediale Öffnung einher gehen muss. Insofern könnten die olympischen Spiele insgesamt zu einem noch weit grösseren PR-Debakel für China werden, als es die Fackelläufe in Europa - und ab Mittwoch hier in San Francisco - schon geworden sind.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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