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10.10.14

The Physical Web: Wie Google dem Internet der Dinge auf die Sprünge helfen will

Orte und Gegenstände sollen Teil des Webs werden, aber noch sind viele Fragen rund um diese Idee offen. Mit dem Projekt „The Physical Web“ will Google nun einige davon beantworten und einen offenen Standard schaffen.

physical-web-example

Eine Szene aus einer nicht allzu fernen Zukunft: Man nähert sich einer Bushaltestelle und das eigene Smartphone empfängt automatisch ein Signal mit einer eindeutigen ID. Sofort ist abrufbar, wann die nächsten Busse kommen – ohne dass man als Nutzer erst die Website oder die App des Busunternehmens aufrufen müsste, um dann dort nach der Haltestelle oder einem Echtzeit-Fahrplan zu suchen. Man muss auch keinen QR-Code einscannen oder auf andere Weise aktiv werden. Die Information ist einfach da. Andere Beispiele: Ein Carsharing-Fahrzeug identifiziert sich selbst und man kann es mit einem einzigen Tap buchen. Oder man hat die Angebote der Woche auf seinem Handy, sobald man ein Ladengeschäft betritt.

Möglich wird das mit „Beacons“, einer Form der so genannten Location-Based Trigger (LBT). Diese Beacons sind im Prinzip kleine Sender, die laufend ein bestimmtes Datenpaket senden, beispielsweise eine eindeutige ID. Ein Smartphone kann das empfangen und dann weiterverwerten. Die dafür notwendigen Technologien sind bereits vorhanden: Zum Senden der Information lässt sich beispielsweise die stromsparende Funktechnik Bluetooth Low Energy einsetzen. Die Idee klingt spannend, aber es ergeben sich im alltäglichen Einsatz ganz praktische Fragen, die Google nun im Zuge seines Projekts „The Physical Web“ beantworten will. Ziel ist es, einen Standard auf Basis vorhandener Webtechnologien zu entwickeln. Es ist kein fertiges Produkt, sondern eine erste Diskussionsgrundlage. Erdacht hat es Scott Jenson, der in diesem Talk voriges Jahr bereits seine Ideen dazu zusammengefasst hatte:

www.youtube.com/watch

Weg mit den Apps

Bisher müssen Nutzer für jeden gewünschten Anwendungszweck eine passende App installiert haben. Wer seinen Besuchern und Kunden einen solchen Service bieten will, braucht somit ebenfalls eine App oder muss mit übergreifenden Drittanbieter-Apps zusammenarbeiten. Das legt die Hürde für die Technik alles in allem sehr hoch.

Nach Scott Jensons Vorstellung ist sein Standard künftig direkt in alle Mobilbetriebssysteme integriert. Google, Apple, Microsoft und andere würden also selbst eine Oberfläche schaffen, damit Nutzer die Beacons in ihrer Umgebung finden und mit ihnen interagieren können.

Sein Vorschlag basiert auf einem Informationsträger, den wir schon bestens kennen: den URL. Er ist flexibel einsetzbar: Er kann auf weiterführende Informationen im Web ebenso verweisen wie auf ein Formular oder einen Shop. Im Zweifel ist ebenso ein Link direkt auf eine installierte App möglich. Zugleich bietet ein URL nach Jensons Worten darüber hinaus alle Möglichkeiten, um Informationen ausschließlich einem bestimmten Nutzerkreis zur Verfügung zu stellen: Wer Beacons in seinem Zuhause oder im Büro einsetzt, kann beispielsweise ein Login vorschalten, damit nur berechtigte Personen Zugriff haben.

Alles das passiert in diesem Fall passiv: Die Beacons selbst wissen nicht, wer sich in ihrer Nähe befindet und interagieren nicht mit den Geräten. Sie sind hier reine Sender. Erst wenn man sich als Nutzer dazu entschließt, den verknüpften Dienst oder das Angebot zu nutzen, würde man sich identifizieren – so wie man es bei einer App oder Website heute auch tut. Wer aber einfach durch ein Ladengeschäft geht, wird deshalb nicht automatisch erfasst.

Die Sache mit dem Spam

Weitere Fragen ergeben sich, wenn man einmal davon ausgeht, dass solche Beacons tatsächlich massenhaft eingesetzt werden. Zum einen: Wie verhindert man, dass die Nutzer von Werbenachrichten überrannt werden? Zum anderen: Wie sorgt man dafür, dass man in einer langen Liste von Beacons in der Umgebung überhaupt denjenigen finden kann, für den man sich gerade interessiert?

Das Problem der übermäßigen Werbung oder des ganz banalen Spams will Googles Projekt auf simple Weise angehen: Der Nutzer entscheidet, welche Informationen er abruft. Es gibt somit keine automatischen Benachrichtigungen. Daniel Buchner hat mit „Geo-Origins“ einen ergänzenden Vorschlag dazu entwickelt. Nach seinem Modell könnten Nutzer bestimmte Orte wie zum Beispiel ihrem Stamm-Supermarkt eine generelle Erlaubnis erteilen oder natürlich ebenso wieder entziehen.

Damit Nutzer das gewünschte Beacon in einer potenziell langen Liste finden, will Google ihnen auf bekannte Weise helfen: mit einem Sortier-Algorithmus. Hier ließe sich beispielsweise einbeziehen, wie weit ein Beacon in etwa entfernt ist. Auch persönliche Präferenzen oder frühere Interaktionen könnten in ein solches Ranking einfließen. Im Prinzip würde das ähnlich funktionieren wie Googles Websuche heute – nur eben mit physischen Gegenständen und Orten in der Nähe.

Apples iBeacons

Mit der Integration von „iBeacons“ in iOS 7 hatte Apple die Phantasie rund ums standortbasierte Marketing Anfang des Jahres ordentlich angeheizt. Das Unternehmen besitzt insofern einen Startvorsprung, als dass sich seine Geräte und sein Betriebssystem erheblich länger auf Bluetooth Low Energy verstehen als die Android-Konkurrenz. Zudem laufen über 90 Prozent aller iOS-Geräte mindestens mit der notwendigen Version 7. Im Prinzip funktionieren iBeacons aber auch mit anderen Betriebssystemen, wie beispielsweise Android ab Version 4.3. Denn letztlich verbirgt sich hinter „iBeacon“ nichts anderes als ein Format für Informationen, die mit Bluetooth Low Energy übertragen werden.

Die iBeacon-Funktion ist in iOS ein Teil der Ortungsdienste. Nach Apples Vorstellung erscheint dann beispielsweise auf dem Sperrbildschirm eines iPhones wie von Zauberhand ein App-Symbol, sobald man sich in der Nähe eines passenden Beacons befindet. Man kann die App darüber dann direkt öffnen.

Apple setzt also vor allem auf Apps, Google vor allem auf das Web – ziemlich typisch für die beiden Unternehmen. Letztlich ließen sich aber ihre Modelle auch miteinander kombinieren.

Scott Jenson spricht in seinem TEDx-Talk oben von „Truck“-Ideen und „Road“-Ideen. Sein Vorschlag für das „Physical Web“ ist definitiv als „Straße“ gedacht – also als neue Infrastruktur, auf der sich andere Dinge aufbauen lassen. Wie man an den obigen Beispielen zugleich sieht: Es gibt noch einige Punkte zu klären, bevor Beacons und ähnliche Dienste wirklich nützlich und praktisch einsetzbar sind.

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