<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

06.07.10

Technischer Fortschritt: Heißes Eisen Gesichtserkennung

Was technisch schon längst möglich ist, dürfte früher oder später zu Endanwendern finden: Tools zur vollständigen automatischen Gesichtserkennung. Das wirft Fragen auf.

 

Stellt euch vor, ihr spaziert die Straße entlang, seht ein euch bekanntes Gesicht, kommt aber einfach nicht drauf, woher ihr die Person kennt. Also zückt ihr euer Smartphone, schießt unbemerkt ein Foto und erhaltet Sekunden später den Namen samt Link zu einem Profil bei einem Social Network.

Die gleiche Funktion ließe sich natürlich auch für andere Zwecke einsetzen, beispielsweise von Flirtwilligen, die für eine direkte Ansprache zu schüchtern sind, aber trotzdem mit der angebeteten Person in Kontakt kommen wollen. Bereits hier landet die beschriebene Gesichtserkennung in einer Grauzone zwischen "sehr nützlich" und "potenziell gefährlich". Wahrscheinlich gäbe es weitere Szenarien, in denen eine solche Technologie für Individuen zu einem Problem werden könnte.

Doch wie stehen die Chancen, dass wir uns in Zukunft nicht mit dieser Problematik beschäftigen müssen? Sehr gering!

Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, als ich in der vergangenen Woche von Facebooks Funktion zur Erkennung von Gesichtern auf Fotos las . Diese soll das Taggen von Personen erleichtern und sicherstellen, dass Tags nicht an einer Stelle auf dem Bild landen, an der nur Bäume zu sehen sind.

Das neue Feature hat mit dem eingangs beschriebenen Prozess nicht viel gemeinsam, da es lediglich das Vorhandensein eines Gesichts feststellt, jedoch nicht automatisch einen Namen dazu liefert. Und obwohl Facebook bei weitem nicht der erste Dienst ist, der eine derartige Technologie einsetzt, unterstreicht der Schritt des größten Social Networks der Welt, in welche Richtung die Entwicklung mittelfristig steuert, gebremst lediglich von Datenschutzgesetzen und ethisch-moralischen Bedenken.

Technisch ist eine vollständige Gesichtsidentifikation, bei der das Antlitz auf einem Foto mit im Web auffindbaren Bildern sowie damit verknüpften Informationen abgeglichen wird, bereits problemlos möglich. Das bestätigte mir auch Google-Sprecher Stefan Keuchel, der darauf hinweist, dass eine derartige Funktionalität bewusst nicht in Googles Bilderkennungssoftware Goggles integriert wurde.

Mit der Android-App Goggles lassen sich beispielsweise Kunstwerke oder Gebäude fotografieren, die anschließend von Google mit Abbildungen aus dem Netz abgeglichen werden und Hintergrundinformationen anzeigen. Den Bogen von Kunstwerken oder Gebäuden zu Gesichtern zu spannen, ist nicht allzu abwegig, wenn auch technisch anspruchsvoller.

Dass dies praktisch problemlos möglich ist, zeigt auch Googles Fotosoftware Picasa. Diese erlaubt das automatische Gruppieren von Fotos mit ungetaggten Gesichtern, bei denen Picasa der Ansicht ist, dass es sich um die selbe Person handelt. Wird diese in einem Bild namentlich getaggt, übernimmt Picasa den Tag für alle Fotos dieser Gruppe. Dies geschieht jedoch ausschließlich lokal auf den Rechnern der Picasa-Anwender.

Auch Dienste wie Polar Rose , das Flickr-Fotos auf Basis der Bilder von Facebook-Kontakten taggt, oder Apples iPhoto-Software setzen in verschiedener Ausprägung auf Gesichtserkennung. Selbst Nokia experimentiert damit. Und die "Rückwärts-Bildsuche" TinEye zeigt, wie groß die Transparenz des Webs hinsichtlich visueller Daten wirklich ist.

Grundsätzlich begrüße ich technische Innovationen, die neue Nutzungsmuster und Anwendungsbereiche ermöglichen. Auch habe ich erst einmal nichts dagegen, dass Personen zukünftig anhand ihres Aussehens über einen Algorithmus identifiziert werden können. Nur weil bisher dazu die technischen Möglichkeiten fehlten, muss dies nicht automatisch bedeuten, dass die Gesellschaft davon nicht profitieren würde. Doch auf die Frage, wie mit den negativen Folgen einer derartigen Technologie umzugehen ist und was der vollständige Verlust der Anonymität für Individuen bedeutet, fehlen mir bisher Antworten.

Es scheint, als erreiche die Digitalisierung mit der Fähigkeit zur Identifikation beliebiger Gesichter anhand eines Fotos einen kritischen Punkt und eine neue Dimension, was den Bedarf an einer konstruktiven (!) Diskussion betrifft. Bedenkt man jedoch, wie unsachlich und populistisch schon vergleichsweise harmlose Webinnovationen wie etwa Google Street View in der Öffentlichkeit debattiert werden, frage ich mich, wie das gehen soll.

(Foto: allaboutsymbian.com)

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer