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30.08.12

Technischer Fortschritt als gesellschaftliche Herausforderung: Wenn Waffen aus dem Internet heruntergeladen werden

Eine US-Initiative möchte jedem Menschen die Möglichkeit geben, sich eine schussfähige Waffe zuzulegen - per Download aus dem Internet und 3D-Ausdruck.

Die zur Neige gehende Woche zeigt wieder einmal exemplarisch, wie die Digitalisierung und ihre Folgen Menschen und Organisationen vor bedingt beherrschbare Herausforderungen stellt. Die Diskussion rund um den verbreiteten Einsatz von Smartphone-Kameras an Tat- und Unglücksorten (siehe Kommentare) sowie der Beschluss der Bundesregierung, auf Drängen der Presseverlage und trotz aller Kritik ein Leistungsschutzrecht einzuführen, sind zwei ganz unterschiedliche Ereignisse mit dem gleichen Nenner: Der rasante technische Fortschritt bedroht etablierte Strukturen, Konventionen und auch Werte. Doch die in der Vergangenheit vollkommen normal erscheinende Forderung, einer solchen Entwicklung mit nationaler Regulierung und Gesetzgebung zu begegnen, scheitert an den besonderen Eigenschaften und Dynamiken der globalen Vernetzung.

Und während für die genannten Konfliktherde noch lange keine konstruktive, nachhaltige Lösung in Aussicht ist, nähern sich am Horizont schon ganz andere, noch sehr viel massivere Umwälzungen mit hochdisruptivem Potenzial. Hierzu gehören die zunehmende Automatisierung genauso wie Cyberbrillen à la Google Glass oder das heiße Eisen der Gesichtserkennung. Doch selbst diese Dinge erscheinen harmlos im Gegensatz zu einem bevorstehenden Trend, auf den ReadWriteWeb aufmerksam macht: schussfähige Waffen aus dem 3D-Drucker .

Daten downloaden, 3D-Drucker anschalten, fertig ist die Waffe

3D-Drucker erlauben das sprichwörtliche "Ausdrucken" dreidimensionaler Werkstücke. Bisher waren derartige Geräte äußerst teuer und damit für Privatanwender nicht erschwinglich. Mittlerweile finden sich in ihrer Funktionalität begrenzte 3D-Drucker bereits für rund 400 Euro auf dem Markt. Wenn sich jeder Mensch eines Tages beliebige Gegenstände anhand vorgegebener Daten und Materialien einfach ausdrucken kann, dann verleiht dies nicht nur der Urheberrechtsdebatte eine völlig neue Dimension. Nein, es würde sogar zu Folge haben, dass Personen im heimischen Wohnzimmer Dinge herstellen können, die gegen geltendes Recht verstoßen oder zumindest streng reglementiert sind. Wie eben Waffen.

Eine Gruppe namens Defense Distributed möchte von Waffenfreunden 20.000 Dollar Spendengelder einsammeln, um einen 3D-Drucker von Stratasys erwerben zu können. Der 24-jährige Projektinitiator und Jurastudent Cody Wilson träumt davon, mit dessen Hilfe die weltweit erste Waffe zu konzipieren, die sozusagen aus dem Internet heruntergeladen werden kann. Gelingt dieses Vorhaben, soll ein 3D-Drucker mit Basisfunktionen im Wert von rund 1000 Dollar ausreichen, um zu Hause eine schussfähige Waffe aus Plastik zu produzieren. Das erklärte Ziel des Texaners und seiner Mitstreiter ist es, die mit der Amerikanischen Revolution verbundene Idee des Rechts auf eine Waffe für Jedermann in die Tat umzusetzen. Laut Defense Distributed verstößt das Unterfangen nicht gegen US-amerikanisches Recht, solange die produzierten Waffen nicht zum Verkauf angeboten werden.

Ursprünglich sollte das Geld über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo eingesammelt werden, die Kampagne wurde dort jedoch nach 22 Tagen wegen des Verstoßes gegen die Geschäftsbedingungen gesperrt. Nun kann per PayPal, Bitcoin oder in bar zur Verwirklichung dieses im besten Fall eigenwilligen, im schlimmsten Fall gefährlichen Plans beigetragen werden.

Es ist bei Weitem nicht garantiert, dass das Vorhaben der Waffennarren funktioniert. Selbst wenn sie die notwendige Finanzierung zusammenbekommen, heißt dies nicht, dass sich am Ende mit den heute verfügbaren Mitteln tatsächlich eine einsatzfähige Plastikwaffe gestalten und für die Ausgabe über den 3D-Drucker konzipieren lässt.

Medienwandel ist die geringste Herausforderung

Doch darum geht es auch gar nicht. Die Frage ist wie so oft nicht ob, sondern wann sich dieses Ziel realisieren lässt. Der Zeitpunkt wird kommen, an dem irgendwo in der Welt ein Mensch eine Pistole oder ein Maschinengewehr ausdrucken und feststellen wird, dass er/sie damit tatsächlich in der Lage ist, Kugeln abzufeuern. Und während man bei heutigen, durch die Digitalisierung verschärften Konflikten wie dem Datenschutz oder der Darstellung von anstößigen Inhalten noch argumentieren kann, dass sich der gesellschaftliche Umgang damit durchaus an neue Umstände anpassen kann, fällt es selbst einem sonst im Bezug auf Auswirkungen technologischer Neuerungen optimistischen Menschen wie mir schwer, einem solchen Szenario etwas Positives abzugewinnen.

Aber es wird kommen. Daran besteht für mich kein Zweifel. Umso kleingeistiger und abwegiger erscheint im Lichte dieser bevorstehenden Revolution die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht. Während das digitale Zeitalter dabei ist, keinen Stein der bisherigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen unangetastet zu lassen und frühzeitige, zukunftsorientierte und entscheidende Aspekte priorisierende Handlungen erfordert, befasst sich die Politik über Jahre mit einer bürokratischen Forderung, deren einziges Ziel es ist, einer kleinen Gruppe von Marktteilnehmern einige wenige Jahre zusätzliche Zeit zu verschaffen, bevor die grundlegende Zäsur unvermeidlich ist.

So wird die Politik immer dem Stand der Dinge hinterherhinken. Dabei müsste sie diesem im Idealfall sogar einige Jahre voraus sein.

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