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10.05.11

"Technik frisst Privatsphäre": Zeit, sich dieser Erkenntnis zu stellen

Der technische Fortschritt lässt sich mit Regulierung und neuen Datenschutzgesetzen bremsen, aber nicht aufhalten. Es ist Zeit, dass wir uns dieser Erkenntnis stellen.

 

Der Kampf um die Daten der Menschen und darüber, was mit ihnen geschehen darf und nicht geschehen darf, ist in vollem Gange und wird in nächster Zeit noch an Intensität gewinnen.

Egal welche Position man in puncto Datenschutz und Privatsphäre im Kontext des Zusammenprallens der analogen und digitalen Welt einnimmt, so ist es an der Zeit, einer Tatsache ins Augen zu schauen: Alles, was technisch geht, wird kommen.Es mag eine äußerst unbehagliche und verstörende Erkenntnis sein. Mancher mag sich einreden, dass man durch Regulierungen bestimmte technologische und durch diese verursachte gesellschaftliche Trends aufhalten, abschwächen und bremsen kann. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt funktionieren dies eventuell auch (Stichwort: Verpixelung bei Google Street View).

Doch der technische Fortschritt ist mittelfristig stärker als der traditionelle, juristisch gestützte Begriff der Privatsphäre. Georg Jähnig beschreibt dies auf sehr schöne Weise in einem mit der Überschrift "Technik frisst Privatsphäre" betitelten Gastbeitrag im Blog der Post-Privacy-Aktivisten "datenschutzkritischen Spackeria".

Am Beispiel eines (noch) fiktiven, "Zweithirn" genannten, mit der Cloud verbundenen Gerätes, das wie eine Brille aussieht und als solche getragen wird, aber alle Personen um einen herum in Bild und Ton aufnimmt, illustriert er, welcher juristische und persönliche Aufwand notwendig wäre, um sich gegen eine derartige Erfindung zu schützen.

Ihm geht es mit dem Artikel nicht darum, eine Begeisterung für das hypothetische digitale Zweithirn im Brillen-Look zu schaffen, sondern aufzuzeigen, wie sich neuartige Technologie Schritt für Schritt in unseren Alltag einfügt, fast unbemerkt langsam geltende Konventionen in Bezug auf Datenschutz und Privatsphäre auflöst und sich dabei nur begrenzt von nationalen Gesetzen aufhalten lässt.

Zwar könnte man sich noch der Aufnahme durch das Zweithirn widersetzen, wenn dies als solches erkennbar vor sich hergetragen wird. Was aber, wenn es so klein wie ein Hörgerät ist und nicht als multifunktionelles Aufnahmegerät erkennbar ist?

Die beste Lösung, sich vor den in die Privatsphäre eingreifenden Technologien zu schützen, wäre es, zu Hause zu bleiben, merkt Jähnig in Form eine rhetorischen Frage an, und benennt damit zugleich die offensichtliche Schwäche dieses Ansatzes an.

Für erwähnenswert halte ich den Beitrag vor allem wegen des Schlusswortes:

"Wenn wir also das Zweithirn nicht verhindern können, sollten wir stattdessen die Frage stellen, wie wir damit umgehen."

In dieser Aussage steckt meines Erachtens nach viel Wahrheit. Denn ob die technischen Errungenschaften der Zukunft sich nun in Form des beschriebenen Brillen-Aufnahmegerätes präsentieren oder doch eher konventionell als Gesichtsidentifizierungs-Applikation auf einem Smartphone, läuft letztlich auf das Gleiche hinaus.

Fest steht für mich, dass die Entwicklung unweigerlich in diese Richtung gehen wird und lediglich kurzfristig, aber nicht langfristig durch politische, regulatorische und juristische Eingriffe aufgehalten werden kann.

Soll man deshalb die eigenen Werte und Überzeugungen aufgeben? Wäre es besser, sich die immer gerne in Blogkommentaren und Foren angebrachte 1984-Referenz zu verkneifen? Muss man Firmen, die in den eigenen Augen unachtsam und unverantwortlich mit ihnen anvertrauten Anwenderinformationen umgehen, deshalb freie Hand gewähren?

Sicherlich nicht (ok, der Verweis auf Orwells Roman 1984 ist tatsächlich etwas abgegriffen). Man sollte sich aber auch nicht der Illusion hingeben, dass man durch teils energiezehrende Konflikte an den zahlreichen Kriegsherde in der Schlacht um den Schutz der Daten dauerhaft und auf breiter Front etwas gewinnen könnte.

Wir müssten uns schon vollständig von der Digitalisierung verabschieden, um zu verhindern, dass das, was wir außerhalb unserer heiligen vier Wände machen, tendenziell öffentlich wird. Ob wir wollen oder nicht.

Ein Appell wie der von Georg Jähnig ist deshalb wichtig, weil er die Prioritätensetzung konstruktiv beeinflussen kann. Jede Minute, in der wir uns mit der Verpixelung von Häuserwänden oder dem digitalen Radiergummi beschäftigen, ist eine Minute weniger, die wir für die viel wichtigere, weil unausweichliche Frage haben: Wie gehen wir mit dem um, was kommt.

Es wird Zeit, dieser Frage eine größere Aufmerksamkeit einzuräumen, statt plakativ Flickschusterei zu betreiben.

(Foto: Flickr/infrarad, CC-Lizenz)

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