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22.12.10

Tech-, Blog- und Startup-Welt: Reizthema Männerdominanz

In der Blog-, Internet- und Startup-Welt dominieren Männer. Von einem ausgeglicheneren Geschlechterverhältnis würden alle profitieren. Das Schwierige ist der Weg dahin.

 

Bei der Auswahl der Sachkundigen für unsere Umfrage zur Webanwendung des Jahres (die mittlerweile abgeschlossen ist - Dropbox ging als Sieger hervor) gab es eine große Herausforderung: Hinreichend weibliche Teilnehmer zu finden, die uns vorab ihre fünf favorisierten Webdienste des Jahres mitteilten. Angesprochen wurden von uns dafür ausschließlich Kollegen und Kolleginnen aus der deutschsprachigen Tech-Blogosphäre, und diese ist primär (wie die Internetbranche im Allgemeinen) männerdominiert.

Anfragen wurden an 40 Personen verschickt - 7 Frauen, 33 Männer. Angesprochen wurden von uns dafür ausschließlich Kollegen und Kolleginnen . Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis sieht zwar anders aus, aber letztlich spiegelt dieses Resultat ungefähr die Verhältnisse in der hiesigen Tech-Blogosphäre wieder. Zumindest sah ich dies als Rechtfertigung für mich selbst, um trotz des Ungleichgewichtes hinter der Liste stehen zu können.Bloggerin Tina Pickhardt war jedoch anderer Meinung und äußerte sich in diesem Tweet kritisch über den geringen Frauenanteil unserer Sachkundigen.

Ich gebe zu, dass mich dieser Tweet durchaus traf. Immerhin hatte ich mir vorab den Kopf über die Problematik zerbrochen und glaubte, alles dafür getan zu haben, um wenigstens einige weibliche Tech-Blogger in der Liste der Sachkundigen zu haben. Tina Pickhardt war hingegen der Überzeugung, dass durchaus genug weibliche Blogger mit Startup- und Tech-Expertise existieren, sofern man sich nur die Mühe macht und nach ihnen sucht.

Ich möchte ihr in diesem Fall nicht widersprechen - ich hoffe sogar, dass sie recht hat! Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass bei den "führenden" Techblogs und Webangeboten, bei denen es thematisch ausschließlich (!) um Internet- und Startup-Themen geht, bis auf Ausnahmen (wie deutsche-startups.de oder mobile zeitgeist) nur Männer publizieren. Und dass die Sichtbarkeit (die sich z.B. auch durch E-Mail-Anfragen, Blogverlinkungen, Kommentare zeigt) der weiblichen Akteure deutlich geringer ist als die ihrer männlichen Pendants.

Während es mit Sicherheit eine ganze Reihe von Frauen aus dem deutschsprachigen Raum gibt, die sich gelegentlich in ihren Blogs oder bei Twitter über neue Webangebote äußern, also ein entsprechendes Interesse mitbringen, ist der harte, sichtbare Kern der aktiven deutschsprachigen Tech-Enthusiasten überwiegend männlich - an dieser Aussage halte ich fest.

Das dies so ist, bestätigte vor einigen Tagen auch FAZ-Bloggerin Violandra Temeritia von Ávila. Zitat: "Frauen sind auf Internet-Konferenzen so selten wie der sibirische Tiger". Die Schuld dafür sieht sie größtenteils bei den männlichen Konferenz-Protagonisten, bei denen sie ein klares Interesse an einem ausgeglicheneren Geschlechterverhältnis über das womöglich bessere Flirtpotenzial hinaus vermisst.

"Ausgeglichene Geschlechterverhältnisse, nicht durch die Messe-Hostessen, führen für sowohl die Damen als auch die Herrn zu mehr Wohlbefinden, vielleicht sogar zu mehr Flirtkompetenz", ist Violandra Temeritia von Ávila überzeugt, und ich stimme ihr uneingeschränkt zu. Dass sich eine stärkere Präsenz von Frauen im Technologie- und Internetsektor - ganz gleich ob wir von weiblichen Tech-Bloggern, Startup-Gründern oder Führungskräften sprechen - durch neue Ideen, Sicht- sowie Herangehensweisen äußerst positiv auf die Branche auswirken würde, daran besteht für mich kein Zweifel. Die Frage ist, wie wir an diesen Punkt gelangen.

Neu ist die Problematik nicht. Sie betrifft auch nicht nur die Welt der Blogs rund um Startups und Technologiethemen. Die allgemeine Dominanz männlicher Blogger in den deutschen Blogcharts sorgt bereits seit längerem für Unmut und Erklärungsversuche. Mal werden dabei Frauen als die Schuldigen ausgemacht, mal Männer. Die tatsächliche Antwort ist wahrscheinlich vielschichtiger.

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks ist die fehlende Balance beim Geschlechterverhältnis in der Internetwelt Anlass für Kritik. Die berühmte Tech-Bloggerin Kara Swisher moniert in einem aktuellen Artikel die Abwesenheit von Frauen in den Führungsetagen der großen US-Internetfirmen. Ob Google, Twitter, Facebook, Zynga, foursquare oder Groupon - weibliche Vorstandsmitglieder besitzen Exotenstatus. Voraus sind uns die USA allerdings, was weibliche Tech-Journalisten und -Blogger betrifft (Swisher ist bei weitem nicht die einzige hochangesehene Branchenbeobachterin).

Zu hitzigen Debatten kam es im Sommer, als TechCrunch-Boss Michael Arrington - der nicht unbedingt als der Prototyp des modernen Mannes gilt - sich zum Frauenmangel im Silicon Valley äußerte. Und eine der vergleichsweise wenigen Frauen, die genau dort erfolgreich die Karriereleiter erklommen hat - Facebook-COO Sheryl Sandberg - erklärt in dieser TED-Präsentation, wie sich Frauen verhalten müssten, um verstärkt in der Männerdomäne Internet aufsteigen zu können.

Ich schreibe diesen Beitrag nicht, um fertige Lösungsvorschläge zu präsentieren. Diese habe ich nicht, zumal die Grundlagen für ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis in Technologie-, Web-, Blog- und Startup-Kreisen ohnehin sehr viel früher gelegt werden - im Kindergarten oder noch davor, in der Schule und in der Uni.

Dass Autoren rund um Internetthemen zumeist Männer sind und Modeblogs vorrangig von Frauen betrieben werden, ist nichts, das sich mit einem Fingerschnippen verändern lässt. Selbst in Schweden - seit einigen Jahren meine Wahlheimat und in Sachen Gleichberechtigung den meisten anderen Ländern um viele Jahre voraus - ist eine derartige Rollenverteilung wahrnehmbar.

Mein Hauptanliegen mit diesem Posting ist daher primär, auf das Thema aufmerksam zu machen und die Diskussion dazu voranzutreiben. Denn eines sollte klar sein: Wenn von den über 300 Kommentatoren, die im Rahmen dieses Artikels ihr Interesse an einer Einladung zu diaspora geäußert haben, über den Daumen gepeilte 1 (!) Prozent weiblich sind, dann ist dies ein Zustand, mit dem wirklich niemand zufrieden sein kann.

(Foto: Flickr/jolieodell, CC-Lizenz)

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