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30.10.12

Tablet-Magazine: Die humpelnde Revolution

Rund um die Vorstellung des ersten iPads sah so mancher strauchelnde Printverlag sein Heil in digitalen Ausgaben seiner Produkte. Die Voraussetzungen für einen Erfolg waren auch gar nicht schlecht, nur die bisherige Umsetzung ist alles andere als gelungen.

Die Idee digitaler Magazine ist nicht neu, aber bis zur Vorstellung des iPad fehlte es am passenden Endgerät. Apple bot zudem mit dem App Store zugleich das Ökosystem inklusive Bezahlmöglichkeit. Das gefiel vielen Verlagen natürlich bestens, wollten sie doch endlich auch in der digitalen Welt direkt Geld mit ihren Inhalten verdienen.

Zu einem Selbstläufer aber ist das Thema ganz offensichtlich nicht geworden, denn von entsprechenden Erfolgsgeschichten hört man wenig. Ich kann das gut verstehen, denn obwohl ich ein großer Freund von Magazinen bin und in digitalen Magazinen ihre potenziell beste Form sehe, konnten mich iPad-Magazine bislang nie auf Dauer begeistern. Die Gründe dafür:

     

  1. Lange Ladezeiten. Digitale Magazine auf dem iPad sind in der Regel viele hundert Megabyte groß und brauchen entsprechend lange, bis sie geladen sind. Anfangs funktionierte dies zudem nicht im Hintergrund, selbst als das iPad-Betriebssystem es als Möglichkeit bot. Man musste als Nutzer also die App starten, das Magazin anfordern und dann das iPad erst einmal zur Seite legen. Komfort sieht anders aus. Inzwischen können manche Apps im Hintergrund herunterladen und bei einigen kann man das Magazin schon öffnen, während es noch heruntergeladen wird – man darf dann nur keinen Artikel lesen wollen, der noch nicht den Weg aufs iPad gefunden hat. Alles in allem ergibt sich hier nicht das Nutzungserlebnis, das man auf dem iPad bei anderen Anwendungen wie dem Browser kennt.
  2. Platzverschwendung auf dem Gerät. Die teils enorme Größe der Ausgaben nimmt zugleich wertvollen und stets knappen Speicherplatz weg. Das kleinste iPad-Modell hat nur 16 GB Platz und man hat schließlich noch andere Inhalte auf dem Gerät. Letztlich ist man bei intensiver Nutzung der Magazine also immer wieder damit beschäftigt, alte Ausgaben zu löschen. Das lässt sich übrigens nicht automatisieren. Wer nicht regelmäßig aufräumt, muss irgendwann alle seine Magazin-Apps nach alten Ausgaben durchsuchen und diese einzeln entfernen.
  3. Fehlende Durchsuchbarkeit. Ein Grund für die Größe der iPad-Magazine: Die Texte liegen in der Regel als Bilder vor. Das bietet zwar die größtmögliche Freiheit beim Layout. Das hat aber u.a. zur Folge, dass man in der Regel keine Suchfunktion hat, schon gar nicht über alte Ausgaben hinweg. Will man einen früheren Beitrag wiederfinden, bleibt also keine andere Lösung, als Heft für Heft im Inhaltsverzeichnis danach zu forschen – was nur geht, wenn man die Ausgaben heruntergeladen hat.
  4. Fehlende Interaktion. Ein digitales Magazin hat theoretisch den Vorteil, dass es direkt mit dem Internet verbunden sein könnte und alle Features bieten könnte, die man online als selbstverständlich ansieht. Dort kann man Beiträge kommentieren, sie in sozialen Netzwerken teilen, sie abspeichern oder Teile des Textes daraus kopieren. Das alles geht entweder gar nicht oder nur eingeschränkt, sobald man ein iPad-Magazin vor sich hat. Was auf jeden Fall gar nicht geht: einen Link auf einen Artikel setzen. Entsprechend sind die Magazine übrigens auch komplett unsichtbar für Google.
  5. Grafischer Firlefanz. Ein weiterer Grund, warum iPad-Magazine oft so groß sind, ist der Spieltrieb der Gestalter oder ihrer Auftraggeber. Er erinnert bisweilen an die Anfangszeiten des Internets: Hauptsache, es bewegt sich etwas. Ähnlich sinnlos und zweckbefreit finden sich in digitalen Magazinen Animationen oder gar ganze Introfilme, die zum Inhalt nichts Wesentliches beitragen, die Magazindatei aufblähen und den Nutzer spätestes dann nerven, wenn er denselben Artikel ein zweites Mal aufruft. Manche unterfüttern Beiträge gar noch mit Geräuschen, was ebenso toll ist wie eingebettete Videos, die sich von allein abspielen oder tönende Werbung: gar nicht.
  6. Teils undurchschaubare Benutzerführung. Im Gegensatz zum Web gibt es zwar noch kaum gewohnte Handgriffe und Gestaltungsmuster für digitale Magazine. Aber trotzdem müsste doch ableitbar sein, welche Gesten iPad-Nutzer schon kennen, auf welche Signale sie bei Websites reagieren und welche Parallelen aus der Printwelt man übernehmen kann. So sind sich beispielsweise viele digitale Magazine einig, dass die Navigation unsichtbar sein muss und erst mit einer Geste zum Vorschein gebracht werden kann. Das widerspricht allem, was man über Usability weiß. Warum wird das hier so gehandhabt? Wenn, dann wäre es sinnvoll umgekehrt, wie man es beispielsweise bei Lese-Apps auch schon findet: Die Navigation ist sichtbar und man kann sie mit einem Antippen ausblenden, sofern gewünscht. Und ob man zum Lesen nun nach unten oder zur Seite scrollt, ob er der Text durchläuft oder auf Seiten verteilt ist, inwiefern Spalten wirklich sinnvoll sind – alles das sind noch unbeantwortete Fragen. Für den Nutzer bedeutet das, dass er sich nur selten sofort zurechtfindet.
  7. Fehlende praktische Funktionen. Ein Beispiel: Lesezeichen. Manche Magazine haben sie, andere nicht. Eine übergreifende Lesezeichenverwaltung gibt es sowieso nicht – hier wäre Apple gefragt. Zudem hat man nirgends eine Übersicht, welches Magazin man eigentlich bis wohin bereits gelesen hat. Auch hier wäre Apple die Stelle, die das ermöglichen müsste. Generell ist Apples Magazin-Lösung fürs iPad nicht mehr als Augenwischerei: Sie besteht lediglich aus einem eigenen Bereich im App Store und einem speziell gestalteten Ordner namens "Zeitungskiosk". Davon abgesehen sind Magazine nichts anderes als einzelne Apps. Apple hat hier eindeutig die Chance verpasst, ein Framework für digitale Magazine zu schaffen, innerhalb dessen sich alle Produkte bewegen. Das könnte sich beispielsweise wie eine Bücher-App à la Kindle darstellen, in der man in diesem Fall eben alle seine Magazine findet.

Manche Magazine lösen es besser, andere schlechter, aber alles in allem löst das Nutzungserlebnis beim besten Willen keine Begeisterung aus.

Viele der beschriebenen Probleme ließen sich dabei auf recht simple Weise lösen: Indem man auf HTML5 als Technik und einen Browser als Anzeigegerät setzt. Online-Bezahlsysteme sind inzwischen vorhanden oder ließen sich entsprechend einrichten. HTML5 kann Inhalte auch in einem Cache ablegen, so dass die Magazine ohne Internetverbindung abrufbar bleiben würden. Man hätte alle modernen Gestaltungsmethoden inklusive diverser Schriften. Die Leser könnten kommentieren, Links setzen oder Inhalte per Social Media teilen.

Wenn man als Verlag wollte, könnte man eine Paywall einrichten oder stattdessen auf Werbung und zusätzliche Produkte als Einnahmequelle setzen. In diesem Fall sehe ich aber durchaus Chancen für Paid Content, wenn man eben nicht Kleinstbeträge haben will, sondern interessante, zuverlässige, exklusive und regelmäßig aktualisierte Inhalte im Paket verkauft. So funktionieren Magazine und Fachbücher schon seit vielen Jahren. Genug Menschen wissen es zu schätzen, eine solche Übersicht und Zusammenfassung zu bekommen. Digitale Inhalte haben dabei für den Leser normalerweise den Vorteil, schneller verfügbar, besser archivierbar und durchsuchbar zu sein. Sie lassen sich bei Bedarf durch die Redaktion sogar erweitern und aktualisieren. Alles das wird von heutigen iPad-Magazinen nicht oder kaum genutzt.

Verlage würden sich mit einer Lösung auf Basis von HTML5 gleichzeitig unabhängig von einem Ökosystem machen - was für sie nicht zuletzt im Angesicht von Apples plötzlicher Preisänderung bei Apps durchaus ein attraktiver Gedanke ist. Ihre Magazine wären sofort auf allen Geräten verfügbar. Wahrscheinlich bräuchte es dennoch die Entsprechung eines Kiosk im Internet, damit Menschen auf interessante Magazine stoßen.

Digitale Magazine haben nach wie vor eine Chance. Die Macher sollten aber vor allem darüber nachdenken, wie sie das Nutzungserlebnis für ihre Leser verbessern und wie sie die neuen Möglichkeiten nutzen können, um inhaltlich mehr zu leisten, als es bei einem gedruckten Heft jemals möglich wäre.

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