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02.02.11

Symbolwirkung: Richard Gutjahr und sein Blogjournalismus aus Ägypten

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Mit seiner Blog- und Twitter-Berichterstattung aus Ägypten bricht Richard Gutjahr eine Lanze für alle, die sich für neue Formen von Journalismus und publizistischer Arbeit im digitalen Zeitalter einsetzen.

Richard Gutjahr, freier Journalist, Blogger (oder "Blogger, freier Journalist", je nach dem) und bekennender Apple-Verehrer (er war der erste Bewohner dieses Planeten, der ein käuflich erworbenes iPad in den Händen hielt), hat sich während eines privaten Aufenthalts in Israel dazu entschieden, auf eigene Faust nach Ägypten zu reisen, um sich vor Ort ein Bild der Lage in dem derzeit von teils blutigen Massenprotesten gegen die Regierung gezeichneten Land zu machen. Was er in Kairo erlebt, beobachtet und aus Gesprächen mit der Bevölkerung erfährt, schildert er gesammelt in seinem Blog sowie in Form zahlreichen kurzer Nachrichten bei Twitter.

Ich glaube, dass Richard Gutjahr dem Thema Blogging und dem Journalismus der Zukunft gerade einen enormen Dienst erweist. Ich rechne auch damit, dass die Aktion des Münchners auf lange Zeit hin als Beispiel für den strukturellen und technischen Wandel gelten wird, der die publizistische und journalistische Arbeit derzeit kräftig durcheinanderwirbelt.

Gutjahrs Reise nach Ägypten ist in Deutschland (und wahrscheinlich im gesamten deutschsprachigen Raum) nach meiner Beurteilung der erste Fall jemals, bei dem in der Berichterstattung über ein Ereignis von weltpolitischer Bedeutung ein unabhängig arbeitender Blogger den etablierten Medien mit einer umfangreichen Vor-Ort-Reportage ernsthaft Konkurrenz macht. Mir jedenfalls kommt kein vergleichbares Unterfangen in den Sinn.

Natürlich ist Gutjahr ausgebildeter Journalist. Zudem hat er Erfahrung mit der Arbeit in Krisengebieten, war sowohl im ehemaligen Jugoslawien als auch in Gaza vor Ort, als die Lage dort eskalierte. Er empfindet laut eigener Aussage nichts Ungewöhnliches dabei, sich vorbei an Barrikaden und Straßensperren ins Stadtzentrum von Kairo durchzuschlagen. Und sicherlich ist er ein gekonnter Selbstdarsteller (welche anderen Branchenkollegen präsentieren sich schon mit einem eigenen Markenzeichen?).

Aber dies, die Tatsache, dass Gutjahr über einen Presseausweis verfügt und dass er weiß, wie er sich in Krisengebieten zu verhalten hat, spielt an dieser Stelle keine Rolle. Was Gutjahr zum Blogger macht, ist die Tatsache, dass er sich nicht im Rahmen eines offiziellen Auftrags von einem Verlag in das nordafrikanische Land begeben hat und von dort exklusiv und traditionell für ein oder mehrere führende Nachrichtenangebote berichtet.

Stattdessen nutzt er seine eigene Plattform für die Berichte aus Ägypten, auf der er tun und lassen kann, was er will. Ungefiltert, ohne Redaktion und ohne Chefredakteur veröffentlicht er, was er für veröffentlichungswürdig und interessant hält, begleitet die Reportage mit stetigen Updates via Twitter, stellt seine Fotos unter einer CC-Lizenz ins Netz und verwendet für seine Arbeit nichts weiter als ein Notebook sowie ein iPhone mit T-Mobile-Vertrag, das er mittels Tethering (und Roaming) als Modem für den Rechner einsetzt.

Und weil ihn für die Veröffentlichung seiner Blogbeiträge und Tweets niemand bezahlt, bittet er die Leser um Mithilfe, in Form von Flattr-Klicks und über PayPal zu spenden. Über 700 Mal wurde sein Artikel "Unterwegs nach Kairo" bisher geflattert.

Die Motive, die Gutjahr zu der für Außenstehende abenteuerlich anmutenden Reise veranlassten, sind unwesentlich. Auch ist es egal, inwieweit der Journalist vor dem Trip die Gewissheit hatte, kommerzielle bzw. professionelle Abnehmer seiner Berichte aus Ägypten zu finden, die ihn direkt vergüten (mittlerweile berichtet er für die Tagesschau , für die er in der Vergangenheit bereits Material geliefert hat), oder ob sich im Nachhinein herausstellen wird, dass er für das Vorhaben einen Sponsor hatte (selbst wenn dies in so einem Fall besser vorab hätte deutlich gemacht werden müssen).

Was zählt, sind die Plattformen, die Gutjahr für seine Ägyptenberichte gewählt hat: sein privates Blog sowie Twitter. Dies verdeutlicht, dass selbst ausgebildete, erfahrene Journalisten nicht um jeden Preis an die Bedingungen von Verlagen und Medienhäusern gebunden und von ihrer Bezahlung abhängig sind. Zumindest nicht komplett.

Während der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) gerade auf erschreckend manipulative Art und Weise versucht, Grundschüler für die vermeintlichen Schwächen von Blogs und Stärken von (Print-)Verlagsangeboten zu sensibilisieren, statuiert Gutjahr in Ägypten ein Exempel: Er zeigt, dass mit Blogs (nicht mehr länger "Internettagebücher" sondern ganz einfach "Onlinewerkzeuge zum eigenständigen Publizieren von Inhalten) handfester, professioneller und in neuen Bahnen denkender Journalismus gemacht werden kann.

Ich bin Richard Gutjahr dankbar - sowohl für die Einblicke in die ägyptische Revolution, aber vor allem dafür, dass er eine Lanze für all diejenigen bricht, die sich dafür einsetzen, aus den neuen, mit der Digitalisierung aufkommenden Möglichkeiten zur Publikation, Distribution und Aggregation von Informationen gesellschaftlichen Nutzen zu ziehen. Darum sollte sich die Debatte um die Zukunft des Journalismus und dessen Refinanzierung drehen, nicht um Maßnahmen, wie das altehrwürdige, teils starre und wenig visionäre Treiben mancher Verlage auch für die nächsten 50 Jahre in Stein gemeisselt werden kann.

Ich hoffe, dass Gutjahr anderen Journalisten als Vorbild dient. Egal ob er am Ende in der Lage ist, seine Kosten für Transport, Unterkunft und Roaming durch Leserspenden zu decken oder nicht: Gutjahrs Reise nach Ägypten ist ein hochinteressantes Experiment mit Symbolwirkung. Und ein Statement für Blogs als Form der persönlichen Publikationsplattform.

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